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17.07.2019 |  Karlheinz Pichler

Emoji-Großporträt mit Katze – Silvie Fleury im Kunstraum Dornbirn

Die aus Genf stammende Performance- und Objektkünstlerin Sylvie Fleury inszeniert sich auf dem internationalen Kunstparkett seit den 1990er Jahren als Glamour- und Fashion-Girl, das der Luxus- und Modewelt genauso frönt, wie sie dieselbe entlarvt und in Frage stellt. Dass sie eine begnadete Selbstdarstellerin ist, beweist sie aktuell im Kunstraum Dornbirn, in dem sie ihre Katze, mit der sie in einer Genfer Villa zusammenlebt, und sich selbst als monumentale skulpturale Selbstporträts im Emoji-Stil präsentiert.

Zur Kunst gekommen ist Silvie Fleury mehr oder weniger „en passant“ als Assistentin von John Armleder. Am Beginn ihrer künstlerischen Auseinandersetzungen standen anfangs der 1990er Jahre Einkaufstaschen, die sie als Ready Mades präsentierte. Aber nicht etwa solche von Aldi, Migros oder Interspar, sondern die eleganten, glamourösen und verführerischen Tragtaschen der Luxusgüterindustrie. Die Modegötter der Reichen und des Jetsets wie Armani, Dior, Gucci, Christian Lacroix, Estée Lauder oder Fred Haymann rückte die Schweizerin in den Fokus und wurde in kürzester Zeit zur vielgefragten Teilnehmerin von Ausstellungen der neuen Lifestyle-Kunst. So partizipierte sie etwa 1992 an der großen Gruppenausstellung „Post Human“ in den Hamburger Deichtorhallen, die der Frage nach ging, wie Internet, künstliche Intelligenz und plastische Chirurgie den Menschen verändern. 1998 schrieb Joshua Decter im Katalog zur Biennale São Paulo, zu der Fleury ebenfalls eingeladen wurde: „Wir verstehen Sylvie Fleury als Künstlerin, deren Einbildungskraft durch Glamour genauso wie durch Kunst-Ästhetik ausgelöst wird und die auszudrücken versucht, wie diese beiden Kategorien kultureller Produktion (und Erfahrung) sich auf der Ebene des reinen Verlangens schon immer vermischt haben.“ Beispielsweise transformierte die Genferin einen Lippenstift, der sowohl eine Inkunable weiblicher Ästhetisierung als auch ein viriles Phallussymbol verkörpert, zur monumentalen Skulptur. Bei Silvie Fleury verbinden sich Werk und Person zu einer untrennbaren Einheit. Sie liebt Mode und Kunst gleichermaßen und inszeniert sich im Spannungsfeld dieser beiden Systeme. Dass in diesen Zur-Schau-Stellungen das Selbstdarstellerische ein zentrales Element ist, scheint offensichtlich.     

IO – Ich

Bei der Ausstellung im Kunstraum Dornbirn kommt das Egozentrierte auch direkt verbal zum Tragen, verweist der Titel der Schau „ÎÔ“ doch auf den italienischen Ausdruck „IO“ (Ich). Aber wie fast alles in Fleurys künstlerischem Schaffen ist auch dieses überdimensionale Selbstporträt mit Katze im Kunstraum doppelbödig. Ausgangspunkt der skulpturalen Installation ist die iPhone-App „Memoji“, mit der man das eigene Konterfei in lustige und animierte Emojis verwandeln und über alle Microblogging-Dienste und Soziale Netzwerke teilen kann. Solche Emoji-artige Darstellungen, die die Künstlerin und ihre Katze beim Zähneputzen zeigen, hat Fleury ins monumentale Maß von acht Meter Höhe vergrößern lassen. Wobei das aus künstlichem Textil bestehende Material von der Beschaffenheit an die Hüpfburgen erinnert, wie man sie bei Großveranstaltungen gerne aufstellt. Das riesige 3D-Selbstporträt mit Katze, das von einem Wiener Unternehmen umgesetzt wurde, muss auch permanent an ein Aufblassystem angeschlossen sein.

Anhand dieser Skulpturen-Formation, die auch stark an den Kitsch angelehnt ist, bricht sich die ganze Selfie-Manie der Jetztzeit. Jeder fotografiert sich mit Selfiestick in jeder Lebenslage und stellt die Bilder für jedermann oder ausgewählte Gruppen sichtbar ins Netz. Das Private wird sukzessive öffentlich. Mit dem Akt des Zähneputzens hat sich Silvie Fleury denn auch bewusst für eine hochprivate Szene als motivischen Hintergrund für dieses Selbstportäts entschieden. Durch die immense Größe der Darstellung wirkt sie automatisch ironisch und den übertriebenen Hang zum Narzistischen der „Digital Natives“ entlarvend.     

In alle Ewigkeit

Kommt hinzu, dass die überlebensgroße Figur ein Leibchen mit der Aufschrift „ETERNITY NOW“ trägt. „Eternity“ verweist einerseits auf die gleichnamige Parfümmarke von Calvin Klein und damit auf das bevorzugte Fleury-Genre der Luxusgüter, andererseits auf die fast krankhafte Sucht der Social-Media-NutzerInnen, jeden eigenen Senf in Text und Bild ins Netz zu stellen und solcherart auf eine virtuelle Unsterblichkeit zu hoffen. 
Obwohl eigentlich das comicartige der Figuren in einem großen Kontrast zur industriellen Nüchternheit und Kälte der Montagehalle des Kunstraums stehen müsste, ist das Gegenteil der Fall. Person und Katze scheinen sich in der Halle wohl zu fühlen. Erzeugt wird dieser „Wohlfühleffekt“ durch das Faktum, dass die Fenster der Halle mit Laminatfolien, die mit pinken und orangen Farben bedruckt wurden, überzogen sind. Dadurch wird der Kunstraum zu einer Behausung, die den Eindruck vermittelt, als ob die Figuren in einem riesigen Barbiehaus stünden.              

Führungswechsel im Vereinsvorstand des Kunstraum Dornbirns      

Abseits der aufsehenerregenden Ausstellung von Silvie Fleury ist es im Vorstand des Kunstraumes Dornbirn zu einer Wachablöse gekommen. Nach mehr als fünfzehnjähriger Tätigkeit als Vereinspräsident steht der Rechtsanwalt Eckkehard Bechtold nicht mehr für eine weitere Amtsperiode zur Verfügung. An seiner Stelle wird künftig der Kulturmanager Gerald Matt, den viele noch aus seiner Zeit als Leiter der Kunsthalle Wien kennen, dem Verein präsidieren.
In die Zeit der Präsidentschaft von Bechtold fielen gemäß Aussendung unter anderem die Aufnahme des Ausstellungsbetriebes in der alten Montagehalle bei der Inatura in Dornbirn, die Einrichtung eines Ticketverbundes mit der Inatura, die Übernahme des Skulpturengartens beim ORF-Landesstudio in Dornbirn in das Vereinsvermögen und die Anstellung von Thomas Häusle als Nachfolger von Hans Dünser als Geschäftsführer.
Als gleichsam letzten Akt seines Vereinsvorsitzes hatte Bechtold am Abend des 27.6. die Sommerausstellung mit Sylvie Fleury im Kunstraum Dornbirn eröffnet. Er werde aber weiterhin dem Vorstand angehören, heißt es.
Gerald Matt war mehr als 16 Jahre, bis 2012, Direktor der Kunsthalle Wien. Heute arbeitet er als Berater einer Kulturmanagementfirma und unterrichtet als Gastprofessor an der Hochschule für Angewandte Kunst. Seit 2015 ist er Direktor des Art Vienna Institutes, das im Bereich der Bildenden Kunst Ausstellungen plant und organisiert, Publikationen erstellt und Beratungsleistungen erbringt.
Der Vorstand des Vereins setzt sich damit derzeit aus folgenden Personen zusammen: Ekkehard Bechtold, Judith Berger-Neustädter, Thomas Häusle, Roland Jörg, Gerald Matt (Präsident), Martin Ohneberg, Peter Rhomberg und Uli Zumtobel.

Silvie Fleury: „ÎÔ“
Kunstraum Dornbirn
Bis 13. Oktober
Täglich 10-18
www.kunstraumdornbirn.at

Silvie Fleury: "IO" (Ausstellungsansicht, alle Fotos: Karlheinz Pichler)

Silvie Fleury: "IO" (Ausstellungsansicht, alle Fotos: Karlheinz Pichler)

Silvie Fleury: "IO" (Ausstellungsansicht)

Silvie Fleury: "IO" (Ausstellungsansicht)

Silvie Fleury: "IO" (Ausstellungsansicht)

Silvie Fleury: "IO" (Ausstellungsansicht)

Thomas Häusle und Ekkehard Bechtold in der Ausstellung von Sylvie Fleury (alle Fotos: Karlheinz Pichler)

Thomas Häusle und Ekkehard Bechtold in der Ausstellung von Sylvie Fleury (alle Fotos: Karlheinz Pichler)

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  • Silvie Fleury: "IO" (Ausstellungsansicht, alle Fotos: Karlheinz Pichler) Silvie Fleury: "IO" (Ausstellungsansicht, alle Fotos: Karlheinz Pichler)
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