Das Nederlands Dans Theater 2 beim Bregenzer Frühling (Foto: Udo MIttelberger)
Karlheinz Pichler · 05. Jun 2016 · Ausstellung

Zur Skulptur geronnene konzeptionelle Handlungsvorgaben – Walter Kölbl, Willi Kopf und Herbert Meusburger im Bregenzer Künstlerhaus

Ausstellungsmäßig sind die aus Vorarlberg stammenden Bildhauer Walter Kölbl, Willi Kopf und Herbert Meusburger eher seltene Gäste im Ländle. Nicht von ungefähr, leben und arbeiten Kölbl und Kopf doch seit vielen Jahren in Wien, und Meusburger konzentriert sich operativ, obwohl nach wie vor in Bizau beheimatet, ebenfalls auf Wien und Niederösterreich, aber auch auf das Südtirol. Die Ausstellung im Künstlerhaus Palais Thurn & Taxis gibt einen Einblick in das aktuelle Schaffen eines skulpturalen „Dreiers“, der viel Wert auf Material, Konzept und Reduktion legt.

Mit plus/minus 65 Jahren zählen Kölbl, Kopf und Meusburger bereits zur älteren Bildhauergarde des Landes. Ihnen gemeinsam ist die Vorliebe für handfeste Materialien, strenge Konzepte und höchste Präzision in der Ausführung ihrer Arbeiten. An ihren Positionen lässt sich nicht zuletzt nachvollziehen, wie die klassische Vorstellung von Skulptur in Bewegung gekommen ist, wie sie zu Abstraktion und zum Zugriff auf Alltagsobjekte gefunden hat, und wie sie sich letztlich räumlich oder konzeptionell entgrenzt, ohne auf die Wurzeln ihrer Herkunft zu vergessen. Geistige Verwandtschaften und formale Unterschiedlichkeiten lassen im Künstlerhaus spannungsvolle Gegenüberstellungen erwachsen.

Dem Diktat der Proportionen folgend

Der aus Hard stammende Künstler Walter Kölbl, Jahrgang 1948, gilt als konstruktiv-konkreter und konzeptionell arbeitender Bildhauer, der auf der Grundlage von geometrischen Systemen wie etwa Orthogonen visuelle Konstrukte in Form von Skulpturen oder dreidimensionalen Wandarbeiten erzeugt. Werden gemäß Max Bill in der konkreten Kunst subjektiv ausgewählte Mittel objektiv eingesetzt, so sind es bei Kölbl zumeist geometrische Grundelemente verknüpft mit unterschiedlichen Proportionsschemata, die die ideelle Basis seiner Arbeiten bestimmen. Zentraler Blickfang seines Beitrages sind zwei Modelle sowie eine Ausführung in Originalgröße seiner „Fibonacci Folge“, die er im Rahmen des Kunst-am-Bau-Wettbewerbes der Fachhochschule Dornbirn entwickelt hat. Für Dornbirn hatte er eine 68,4 Meter lange kursorische Wand aus Aluminiumplatten aufgestellt nach dem Prinzip der Fibonacci-Zahlenfolge von 2 bis 34. In der im Künstlerhaus zu sehenden Ausführung dieses Konzepts zeigt Kölbl allerdings nur eine einzige Aluminiumplatte in Originalgröße. Präsentiert wird sie liegend auf der als Transportmittel verwendeten Holzpalatte. In der Folge stehen stellvertretend nur die leeren Holzrahmen aneinandergereiht. Sie verschränken sich zu einer Raumdiagonalen, die den Betrachter zur Umwanderung zwingt. Desweiteren sind von Kölbl neun Aluminiumplatten aus der Reihe Orthogone zu sehen, in denen er sich mit „Masseverschiebungen“ auseineinandersetzt, sowie drei Wandarbeiten, die das Formproblem „Massespaltung“ thematisieren. Abgerundet wird Kölbls Ausstellungsteil mit zwei Beispielen aus seiner „Bugatti-Veyron“-Serie. Unter dem Titel „Veyron“ hat der italienische Autobauer Bugatti vor elf Jahren eine Sonderedition seiner luxuriösen Flitzer auf den Markt gebracht. Der Veyron war nur in acht Grundfarben, die jeweils mit einer zweiten Farbe kombiniert wurden, erhältlich. Konzeptkünstler Kölbl hat sich von Bugatti die originalen Farbcodes dieses Spielzeugs für Millionäre besorgt und den Veyron gleichsam ins Zweidimensionale auf Doppelfarbtafeln (industrieller Autolack auf Aluminiumtafeln) reduziert.

Dinge der industriellen Massenproduktion

Der 1949 in Röthis geborene Willi Kopf ist 1986 schlagartig international bekannt geworden, als ihn der legendäre Kurator Harald Szeemann damals neben „Stars“ wie Donald Judd oder Richard Serra zur großen Festwochenausstellung „De Sculptura“ in den Wiener Messepalast eingeladen hatte. Kopf erregte damals und auch die Jahre danach mit minimalistischen Pressspanplatten-Objekten große Aufmerksamkeit bei Sammlern und Museumsleuten. Das Kunstmuseum St. Gallen zum Beispiel fing damals an, Kopf „strategisch“ zu sammeln. Seit 1994 verfolgt Kopf nun ein anderes Konzept. Mit Materialien aus der industriellen Massenproduktion wie etwa Werkzeugen, Fahrradbestandteilen oder Bauelementen für Häuser und Möbel, die er in Baumärkten oder großen Einkaufszentren bezieht, entwickelt er neue Konstrukte. Für seine sogenannten „Laboratory Works“ entfunktionalisiert er diese Gegenstände des menschlichen Handlungsbedarfs und führt sie zu neuen, nicht nutzbaren Gebilden zusammen. Mitunter erinnern die solcherart entstandenen Wand- oder Boden-Skulpturen an Apparaturen, Roboter oder Science-Fiction-Elemente. Entsprechend tragen sie denn auch Namen wie „Rocket Man“, „Interconnect“ oder „Twister“ auf sich. Aus den alltäglichen Ding-Materialien lässt der Künstler im Experiment gleichsam „eine performative Verkettung, ein modellhaftes, skulpturales Konstrukt“ erwachsen, wie er selber betont. Kopf: „Die herbeigeführte Negation der Eigenschaften des Warensortiments lässt nach neuen Möglichkeiten forschen. Der stille Wunsch, den sichergestellten Spielregeln der Einkaufskulturen zu widersprechen, führt mich unvermeidbar zu einer neuen, politisch motivierten Arbeitsweise.“

Skulptur, Relief und Bild

Der Bizauer Steinbildhauer Herbert Meusburger, Jahrgang 1953, wartet in Bregenz mit neuen Granitskulpturen, Relief-Arbeiten sowie Acryl-Bildern auf. In der Skulptur stellt „Trennen und Verbinden“ seit vielen Jahren das zentrale Thema seines Schaffens dar. Dieser Philosophie folgend, bei der es um Stützen und Lasten, Aufrauhen und Glätten sowie um Abspalten und Zusammenfügen geht, hat der Künstler eine eigene Formalsprache erarbeitet, die an die Konstruktionsweisen alpiner Block- und Amhüttenarchitekturen erinnert. Sucht man nach formalen Entsprechungen im Alltag, so denkt man zuerst an Tore, aneinandergereihte Fensterstürze oder Regalsysteme. Oftmals handelt es sich auch um mäander- und zaunartig fortschreitende architektonische Gebilde aus Stützen und Trägern. Die im Künstlerhaus zu sehenden drei neuen fünfteiligen Granitformationen sind geometrisch exakt herausgearbeitet und wären aufgrund ihres modularen Charakters größenmäßig beliebig erweiterbar. Kunstsprachlich gesehen wirken die Skulpturen entsprechend reduziert und minimalistisch. Inhaltlich setzt der Bizauer mit seinem Thema bewusst auch Bezüge zu den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen.

Die Wandreliefs aus Granit sind eine Ergänzung des dreidimensionalen Schaffens im zweidimensionalen Raum. Auch hier wechseln sich polierte mit grob behauene Elemente ab und kommen Ausspartechniken und Schwalbenschwanzverbindungen (Trennen und Verbinden) zum Tragen. Das Ineinandergreifen glatter und roher Flächen erinnert an geometrische, Puzzle-artige Bildkompositionen.

Seit einiger Zeit setzt sich Herbert Meusburger auch intensiv mit der Malerei auseinander. Vom technischen Instrumentarium her stützt sich der Künstler bei diesen Arbeiten auf Materialien wie Gips und Acryl, die er mit Spachteln und anderen Hilfsmitteln auf OSB-Platten aufträgt. Obwohl die Acrylfarbe in vielen Schichten und Gesten aufgetragen wird, sind die „Gemälde“ von feinen, dichten Strukturen und Maserungen geprägt. Diese Strukturen sind typischerweise den OSB-Platten bereits von vorneherein eingeschrieben. Mit Hilfe von Kaltnadelwerkzeug legt der Bizauer Künstler diese sedimentativ unter den Farbschichten „wartenden“ Gefüge partiell frei, indem er je nach Intention das eine oder andere Muster hervorhebt und verstärkt, andere wiederum unterdrückt oder schwächer anklingen lässt. Formal erinnern diese „Einschreibungen“ an Blumenwiesen, Heuhaufen, Laubwerk oder Steinkrusten.

 

Drei Bildhauer: Walter Kölbl, Willi Kopf, Herbert Meusburger
Künstlerhaus Palais Thurn & Taxis, Bregenz
Bis 26.6.2016
Di-Sa 14-18, So-/Fe 11-17
www.kuenstlerhaus-Bregenz.at