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11.02.2020 |  Karlheinz Pichler

Der Tabernakel als künstlerisches Versuchsfeld

Der Bildraum Bodensee in Bregenz rückt in seiner aktuellen Ausstellung „Tabernakel expanded“ ein traditionsbeladenes „Möbelstück“ ins Zentrum, das vorallem von der Kirche her als Aufbewahrungsort für das „Allerheiligste“, die geweihten Hostien, bekannt ist. 33 Künstler, Architekten und Designer belegen mit ihren Arbeiten, dass der Auffassung, was ein Tabernakel alles sein kann, kaum Grenzen gesetzt sind.

Initiiert wurde das Projekt „Tabernakel“ vom Kärntner Designer Walter Hösel. Nach dem Auftakt 2018 mit Sitzmöbeln, unternahm er im vergangenen Jahr einen neuerlichen Versuch, Kunst und Handwerk in Kärnten zusammenzubringen. „Der Grundgedanke war, ein Objekt zu kreieren, das einen hohen Anspruch an die Gestaltung hat und dazu noch nützlich ist“, sagt Hösel, der Mitgründer der Klagenfurter Designschmiede „Workstation“ ist. Und da habe sich der Tabernakel als Favorit durchgesetzt. Im daraufhin ausgeschriebenen Gestaltungswettbewerb reichten über 30 KünstlerInnen, DesignerInnen und ArchitektInnen ihre Konzepte ein, die dann mit Hilfe von Kärntner Handwerksbetrieben realisiert und im Künstlerhaus Klagenfurt ausgestellt wurden.      
Vorgegeben war lediglich ein Größenmaß, das nicht überschritten werden sollte, sowie die Funktion als Aufbewahrungsort. Alles andere blieb der Phantasie und der Gestaltungskraft der Einreichenden überlassen. Herausgekommen sind pointierte Umdeutungen, überzeugende Materialfindungen sowie kritische und persönliche Positionierungen, die eine neue Lesart des Themas Tabernakel ermöglichen. Eine Auswahl dieser in Kärnten ausgeheckten Künstler-Tabernakel bildet nun auch den Kern der Bregenzer Ausstellung, die jedoch nach einer Idee des Künstlers Michael Kos kontextuell durch wahlverwandte Kunstwerke erweitert wurde.     

Gesellschaftskritisches      

Eine Reihe der partizipierenden Künstler bedient sich des vorgegebenen Themas, um gesellschaftskritischen Gedanken Raum zu geben. Pepo Pichler etwa verweist mit seiner Arbeit „Give us our Oil“ darauf, dass die Mutter Erde eigentlich das Allerheiligste ist, die aber rein aus Profitgier ausgebeutet wird. Ähnliches gilt für „5 vor 12“ von Manfred Bockelmann. Mit gläserner Klarheit zeigt er die Menschen und den grenzenlosen Müll, den sie durch ihre Konsumwut hinterlassen. Mit „Christpower“ gleich setzt Michael Kos seinen Öltank in Tabernakelform. Der Füllstand ist fast leer, ließe sich aber jederzeit wieder auffüllen. Für die Architektin Angela Hareiter ist die oberste Erdschicht die „Critical Zone“, auf und in der alles Leben stattfindet.
Und die 1960 in Villach geborene Künstlerin Melitta Moschik setzt mit ihrer Tabernakel-Version „BAR“ (2019) ein Zitat auf den Goldbarren. Sie greift dessen charakteristische Form auf und gestaltet einen geometrischen, konischen Körper mit abgerundeten Kanten. In der Vergrößerung eines Ein-Kilogramm-Goldbarrens im Maßstab 1:7 schafft sie ein Behältnis von 63 cm Länge, 28 cm Breite und 12 cm Höhe, dessen symbolträchtige Gestalt aber auch auf den Aufbewahrungsort des Allerheiligsten verweist. Die glänzende, goldene Oberfläche lädt den Korpus zusätzlich an Bedeutung auf. Und das Objekt lässt sich auch aufklappen. Es birgt im Inneren einen Wecken Brot. Der Tabernakel mutiert solcherart zum „Objekt stiller Anbetung, zur Realpräsenz des Materiellen“ (Moschik). Gemäß der Intention der Künstlerin soll die Barrenform in Korrelation zur Brotgestalt die Gegenwart des Göttlichen andeuten. „Der geöffnete Schrein bietet die Offenbarung“, so die Kärntnerin. Der überdimensionale Goldbarren lädt natürlich zu zahlreichen weiteren Interpretationen ein. Die Anbetung des Goldenen Kalbes oder „Geld regiert“ wären erste Gedanken, die sich dazu aufdrängen. In der Ausstellung darf man den „Goldbarren“ nicht berühren und somit nicht öffnen. Aber eine Fotografie an der Wand dokumentiert das Innenleben des Barrens.      
Jochen Höllers Tabernakel wiederum ist eine Bibel. Aus dieser hat er das Wort „Seele“ überall, wo es vorkommt, herausgeschnitten. Diese zusammengeschnittenen Teile scheinen wie eine kleine Wolke aus der Bibel zu entweichen. Bei Sabine Ott hingegen wird das „Möbel“ zum „Infantinnenkleid“. Ihr textiles Konstrukt verweist zum einen auf das Zelt (Tabernaculum = Hütte, Zelt) der nomadischen Hebräer, in dem das Wertvollste verwahrt wurde, zum anderen rückt bei Ott die Frau ins Zentrum.      

Sinnliche und formale Variationen     

Michael Lammel verbindet mit seinem „Frozen Heart“ das Gefühl mit dem digitalen Zeitalter. Eine SMS mit Herz-Icon ist es, die den Tresor zum Herzen des Empfängers der Nachricht öffnet.  Und Thomas Hoke thematisiert mit „Philemon und Baucis“ die mythologische Geschichte eines sich liebenden alten Paares, das über den Tod hinaus miteinander verbunden bleiben will. In der Mythologie verwandelte sie Zeus in zwei Bäume, die ineinander wachsen. Lammel hat zwei vertikale Holzzylinder geschaffen, die sich nahtlos zu einer geschlossenen Einheit verzahnen lassen.   
Armin Guerinos Stück trägt die Fibonacci-Folge „#0112358“ als Titel. Der Künstler hat in dieser Arbeit mit farbigen Glasscheiben den goldenen Schnitt als ideales Prinzip ästhetischer Proportionierung zur Anwendung gebracht.      
Ina Loitzl spielt mit „Anfang und Ende“ auf das von Valie Export in den 1960er Jahren entwickelte Tapp- und Tastkino an. Bitte Hände waschen, hineinlangen und angreifen, lautet die Devise. Was im Behältnis drinnen ist, ist ebenfalls auf einem Foto im Gang ersichtlich.       
Wenn von Tabernakeln die Rede ist, darf natürlich auch Roland Adlassnigg nicht fehlen. Er ist in der Ausstellung mit einer neuen Variante seines „Schnaps-Altares“, den er 2015 in der Wiener Galerie Konzett gezeigt hatte, vertreten. Altar und Tabernakel bildeten früher ja eine Einheit. Adlassniggs Sicht auf den Tabernakel ist im wahrsten Sinne des Wortes multireligiös. Ganz oben seines Möbels thront ein goldener Stern als Symbol für die Sonne. Darunter folgt der Saturn, der Gott der Fruchtbarkeit, in Form einer Glaskugel (gefüllt mit Schnaps) und langem Hals. Diese Glasröhre durchstößt symbolisch ein Schädelskelett und die Erde und endet im Innenraum des Altares. Öffnet man die Türchen des Altars, sind linker und rechter Hand Schnapsgläser aufgereiht, die gefüllt werden können, wenn man das Hähnchen am „Saturnhals“ aufdreht. Das Innere des Möbels zieren zudem drei Gemälde auf Glas mit dem Heiligen Nikolaus im Zentrum, der ja in Russland als Patron der Schnapsbrenner verehrt wird. Jeder Besucher der Schau ist dazu aufgerufen, sich ein Stamperl einzuschenken und zu trinken.      
Die Architekten Sonja Stummerer and Martin Hablesreiter inszenieren als Künstlerduo unter dem Namen „honey & bunny“ interaktive Performances. Dabei setzen sie sich immer wieder mit der Wahrnehmung und den Ritualen des Essens auseinander. Sie haben auch mehrere Publikationen zum Thema „Food Design“ herausgegeben. Es wundert daher nicht, dass sie den Tabernakel als „Bauch“ auffassen und sich mit der wichtigsten Handlung der Kulturgeschichte auseinandersetzen. Hablesreiter: „Die Idee, Essen zu gestalten, zu teilen und (später) zu konservieren war vermutlich der Ursprung aller Gesellschaften und Zivilisationen. Insofern ist das Essen vielleicht auch der Ursprung aller Ideen zur Göttlichkeit. Jedenfalls ritualisiert das Essen. Somit ist der Bauch der wahre Tabernakel. Abgesehen davon, wird im katholischen Tabernakel die Vorform des Leibs Christi aufbewahrt.“ Jedenfalls ziert die gesamte Vorderfront des formal als Kästchen gestalteten Tabernakels von „honey & bunny“ ein Foto des behaarten Bauches von Hablesreiter. Öffnet man die erste Tür, so zeigt sich eine weitere Tür, die ebenfalls mit einer Fotografie verkleidet ist, die ein Mosaik referenziert. Der Künstler: „Wir haben aus etwa 5000 Zuckerln den menschlichen Leib und seinen Magen-Darm-Trakt (als kulturellen Raum) 'gebastelt' und fotografiert.“ Nach dem Öffnen dieser Türe kommt eine Hartwurst zum Vorschein. „Weil am Ende doch wieder alles Wurscht ist ...“, so „honey & bunny“ ironisch.     
Dass ein Tabernakel nicht unbedingt aus wertvollen Materialien gebaut sein muss, beweist das an die Arte Povera erinnernden Werk von Peter Sandbichler. Seine „Alte Schachtel“ ist schlicht und weißgrau bemalt und behauptet sich als formal reduziertes Gebilde skulptural mitten im Raum zum Posthof. Die vielleicht schönste Arbeit der Ausstellung.
Dies sind nur einige der insgesamt 33 Beispiele einer überaus abwechslungsreichen Schau, die der Frage nach der heutigen Relevanz eines Objekts nachgeht, das Jahrtausende lang durch kultische Dramaturgie und symbolische Überhöhung charakterisiert war.
Die vollständige Liste der Tabernakel-Schöpfer: Roland Adlassnigg,
Manfred Bockelmann, Theres Cassini, Georgia Creimer, Christian Eisenberger, Markus & Christoph Getzner, Harald Gfader, Angela Hareiter, Markus Hofer, Werner Hofmeister, Tomas Hoke, Jochen Höller, Walter Hösel, Armin Guerino, Honey & Bunny, Gudrun Kampl, Arnulf Komposch, Michael Kos, Suse Krawagna, Karsten K. Krebs, Michael Lammel, Ina Loitzl, Melitta Moschik, Laurids Ortner, Sabine Ott, Pepo Pichler, Peter Sandbichler, Max Seibald, Kurt Spitaler, Maximilian Wiedemann sowie Winkler & Ruck.     

Tabernakel expanded
Bildraum Bodensee, Bregenz
bis 6. März
6.3., 19 Uhr: Artist Talk
Di, Do 13-18 Uhr, Fr, Sa 11-16 Uhr
Bildraum Bodensee, Bregenz

www.bildrecht.at/bildraum/

Peter Sandbichler: Alte Schachtel (Fotos: Karlheinz Pichler)

Peter Sandbichler: Alte Schachtel (Fotos: Karlheinz Pichler)

Der "Schnaps-Altar" von Roland Adlassnigg

Der "Schnaps-Altar" von Roland Adlassnigg

Sabine Ott: Infantinnenkleid

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Christian Eisenberger: Wasserwaagenkreuz mit Schneidbrett ohne Schnitzel und Erdäpfel

Christian Eisenberger: Wasserwaagenkreuz mit Schneidbrett ohne Schnitzel und Erdäpfel

Karsten K. Krebs: Aus dem Tabernakel entsteht das Kreuz

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Tomas Hoke: Philemon und Baucis

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Jochen Höller: Bibel ohne Seele

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Max Seibald: Berufsgeheimnis (Fotos: Karlheinz Pichler)

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