Beim 29. Philosophicum in Lech. (Foto: Lässiger Photography)
Michael Pekler · 14. Jun 2023 · Film

Asteroid City

Wes Anderson macht aus einem Wüstenkaff eine pastellene Kulisse für amerikanische Hoffnungen und Ängste der Nachkriegsjahre. Eine meisterhaft bizarre Tragikomödie in perfekt komponiertem Retro-Look über einsame Menschen und eigenwillige Außerirdische.

In die Filme von Wes Anderson einzutauchen ist wie bei einem bunten Karussell: Hat man es erst betreten, fällt es einem schwer wieder abzusteigen. Einerseits weil niemand auf den Knopf drückt, um das sich unablässig drehende Ding anzuhalten, und andererseits, weil einen diese Filme in eine fantastische Welt der ganz besonderen Art entführen. Nicht in eine der Scienefiction oder der Fantasy, sondern in ein Universum, in dem Fiktion und Realität wunderlich aufeinandertreffen. 
Kritische Stimmen behaupten, dass Anderson seit den von Kritikerstimmen gefeierten ,„Rushmore“ (1998) und „The Royal Tenenbaums“ (2001) immer denselben Film drehen würde. Das wäre so als würde man behaupten, John Ford habe immer denselben Western gedreht. Oder Douglas Sirk immer dasselbe Melodram. Tatsächlich jedoch dreht Wes Anderson immer wieder einen neuen Film zum selben Thema. Dass man seine Arbeiten an ihrer einzigartigen Ästhetik längst auf den ersten Blick erkennt, spricht also nur dafür, dass es Anderson geglückt ist, innerhalb Hollywoods über Jahrzehnte hinweg eine unverwechselbare Handschrift zu entwickeln. 
„Asteroid City“ erweist sich von Beginn an als doppelbödiges Verwirrspiel: Ein mürrischer Moderator (Bryan Cranston) steht auf der Studiobühne eines Fernsehstudios – Equipment und Ausstattung lassen die 1950er Jahre erkennen – und präsentiert einen Dramatiker (Edward Norton), der eben im Begriff ist, das Stück „Asteroid City“ zu verfassen. Weil es aber langweilig wäre, jemandem beim Schreiben zuzusehen, verwandelt sich der schwarzweiße Guckkasten rasch zum bunten Cinemascope – und schon rast man mit einem Güterzug in das fiktive Asteroid City und also in den Kopf des Schriftstellers. Nur dass die Figuren, die man in dem kulissenartigen Wüstenstädtchen antrifft, sich auch als „echte“ Darsteller hinter der Bühne im schwarzweißen TV-Studio wiederfinden. Ein Film als Theaterstück, und ein Theaterstück als Fernsehproduktion. So weit, so unkompliziert.

Höchst amüsant und tief traurig

Asteroid City ist eine Mitte der Fünfzigerjahre im Südwesten der USA gelegene Ansammlung von wenigen Häusern, einer Tankstelle, einem Diner – und einem riesigen Asteroidenkrater, der dem Wüstenkaff seinen Namen gegeben hat und in dem jährlich ein Wettbewerb für hochbegabte Teenager stattfindet, die samt Familie eigens zur „Stargazer Competition“ aus allen Teilen Amerikas anreisen. Es sind also einmal mehr die für Anderson typischen schrägen Figuren und der schwarze Humor, die „Asteroid City“ zu dem machen, was dieser Film ist: ein bizarres Schaustück über die menschliche Existenz, höchst amüsant und tief traurig. 
„Asteroid City“ ist aber vor allem eine Tragikomödie über jenes Beziehungsgeflecht, das man Familie nennt: Hier liebt oder verachtet man sich, kann man nicht voneinander lassen und sich trotzdem nicht aus dem Weg gehen. Egal wo und wann sie auftauchen, Andersons Familien sind stets so kunstvoll überzeichnet, dass sie beinahe der Wirklichkeit entstammen könnten. Und so sind auch die in Asteroid City Gestrandeten nur noch eine bitterböse Reinszenierung der amerikanischen Familienidylle: Augie (Jason Schwartzman), Kriegsfotograf und frischgebackener Witwer, der nach einer Autopanne mit seinen vier Kindern hier festsitzt, muss dem Nachwuchs den Verbleib seiner Mutter erklären und das belastete Verhältnis zu seinem Schwiegervater (Tom Hanks) überdenken. Midge Campbell (Scarlett Johansson), ein desillusionierter Hollywoodstar, deren superschlaue Tochter ebenfalls am Wettbewerb teilnimmt, muss ihr wahres Ich hinter inszenierten Starallüren verstecken. Und dann sind da noch – dem klassischen Westernschauplatz entsprechend – eine brave Schullehrerin und ein singender Cowboy, dazu ein General, eine Astronomin namens Hickenlooper (Tilda Swinton) und ein Außerirdischer, der aber nur vorbeischaut, um etwas zu klauen. Dessen Auftauchen aber genügt, um Asteroid City zum militärischen Sperrgebiet zu erklären.
Gegliedert in drei Akte und einzelne Kapitel, nimmt man die sogenannte Handlung aber ohnehin kaum wahr, beziehungsweise bloß zur Kenntnis. Vielmehr erfreut man sich an der tableauartigen Szenerie, an der feinen Ironie und am unterkühlten Wortwitz. Und wer noch möchte, an den sinnreichen Verweisen auf das Atombomben-Amerika der Fünfzigerjahre, auf den Broadway oder auf die Goldenen Jahre des Hollywood-Studiosystems mit seinen Stars und Sternchen. 
In einer der schönsten Szenen sitzen der Fotograf und die Starschauspielerin jeweils im eigenen Haus und unterhalten sich durch das offene Fenster. Ein Bild erzählerischer Offenheit und eigenwilliger Schönheit.