Triste im TiK Dornbirn (Foto: Christan Carillo)
Peter Füssl · 01. Mai 2025 · CD-Tipp

Anouar Brahem: After The Last Sky

Seit seinem Label-Debüt bei ECM im Jahr 1991 hat der tunesische Oud-Virtuose und Komponist Anouar Brahem elf exzellente Alben in den unterschiedlichsten Besetzungen vorgelegt. Mit „After The Last Sky“ macht Brahem das Dutzend voll und setzt erfolgreich auf alte Bekannte. Mit Pianist Django Bates und Kontrabassist Dave Holland (mit dem er schon 1998 im Trio mit John Surman das famose „Thimar“ einspielte) harmonierte er schon bestens auf seinem letzten Album „Blue Maqams“ (2017). Mit der Klassik-Cellistin Anja Lechner, die manche seiner Kompositionen in ihr eigenes Konzertrepertoire aufgenommen hat, ist er seit dem gemeinsamen Trio-Album „Lontano“ (2020) mit François Couturier bestens vertraut.

Man kennt einander also und erreicht mühelos einen perfekten Band-Sound, was nicht bedeutet, dass glänzende Soli oder spannende Dialoge zu kurz kämen. Ganz im Gegenteil. Im wundervoll melancholischen, kammermusikartigen Intro „Remembering Hind“ setzen Bates und Lechner die Grundstimmung des Albums, und die Zartheit ihres Duo-Spiels in „Edward Said’s Reverie“ ist atemberaubend. Das impulsive „The Eternal Olive Tree“ wiederum zeugt vom symbiotischen Verhältnis zwischen Brahem und Holland und erinnert an den berühmten Spruch des Oud-Meisters, Daves Spiel verleihe ihm Flügel. Einmal mehr sucht Anouar Brahem nach Wegen, in seinen Eigenkompositionen die arabischen Maqams und ihren melodischen Reichtum in Kontexte improvisierter Musik, des Jazz und zeitgenössischer europäischer Musik zu integrieren. „Ich finde es spannend, diese alten modalen Strukturen harmonischen Ansätzen aus dem Jazz gegenüberzustellen und so einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kulturen und Stilen zu schaffen.“ Genau das gelingt ihm auch mit seinem kraftvollen und wendigen Spiel auf der Oud, in dem Archaisches auf das Hier und Heute trifft. Dave Hollands Bassspiel sorgt für die solide Grundierung, treibt an und liefert wichtige Impulse. 


 

 


Django Bates unterstützt diesen musikalischen Fluss auf perfekte Weise, sorgt für Stimmungen und brilliert mit wenigen, aber umso leuchtenderen solistischen Glanzlichtern („Awake“). Anja Lechners warmer Celloklang bereichert die musikalische Atmosphäre ungemein, ihre Soli erwärmen das Herz und ziehen einen völlig in den Bann. Das düster-nachdenkliche Titelstück, in das erst das Cello etwas Licht hineinbringt, verweist auf ein Gedicht des palästinensischen Poeten Mahmoud Darwisch („Wohin sollen wir nach den letzten Grenzen gehen? / Wohin sollen die Vögel nach dem letzten Himmel fliegen?“) – die für die Bevölkerung unsagbar katastrophalen Verhältnisse im Gazastreifen hätten atmosphärisch durchaus ihre Auswirkungen auf die Produktion gehabt, so Anouar Brahem. Die umfangreichen Liner-Notes des US-Journalisten Adam Shatz beziehen ausführlich Stellung dazu. So ist auch „Endless Wandering“ trotz kontemplativer Momente durch eine grundlegende Spannung charakterisiert. Lebhaft geht es – von Hollands kraftvollem Bassspiel angestoßen – in „Dancing Under the Meteorites“ zu, das unversehens in einen Tango umschlägt. Manche Stücke, wie etwa „The Sweet Oranges of Jaffa“ oder „Never Forget“, erzählen über sieben, acht Minuten hinweg ihre phantastischen nonverbalen Geschichten, kreieren Stimmungsbilder zwischen Wehmut, Schmerz, Aufbegehren, Lebensmut und Hoffnung. Und über alles breitet sich eine süchtig machende Schönheit.

(ECM/Universal)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der „KULTUR" Mai 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.