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02.05.2015 |  Peter Niedermair

Tage der Utopie 2015: From Ego- to Ecosystem - Applying the socio-technology of Presencing to the Transformation of Society, Organisations and Self

Nach dem faszinierenden Freitagabend-Vortrag von Tania Singer wurden die Besucherinnen und Besucher der Tage der Utopie am Samstagabend, 25.4. in Arbogast Zeuge von der rhetorischen und inhaltlich-thematischen Präsenz eines weiteren fantastischen Referenten, Martin Kalungu-Banda. Dieser hat mit seiner überzeugenden Haltung und seinem dialogischen Gestus des Sprechens den Gästen und Veranstaltern einen unvergesslichen Abend geschenkt.

Martin Kalungu-Banda ist ständiges Fakultätsmitglied am Presencing Institute des MIT sowie am HSBC Next Generation Development Programme am HRH Duke of Edinburg’s Commonwealth Study Conference for Leaders Programme. Er ist auch Gastdozent am Institute for Sustainability Leadership der University of Cambridge. Er steht der Tony Blair Africa Governance Initiative als Berater zur Verfügung, dort dient er Führungskräften und einigen afrikanischen Staatschefs als Thinking Partner. In den letzten Jahren war er an einigen innovativen Prozessen beteiligt, u.a. wie die Kosten von Herzoperationen gesenkt werden können; wie nachhaltige Städte gebaut und gemanagt werden; wie Wasserknappheit in trockenen Regionen gelöst werden kann; u.a.m. Von März 2005 bis Mai 2008 stand er dem Präsidenten von Zambia als Sonderberater zur Verfügung.

Martin Kalungu-Banda berichtete anhand seines reichen Erfahrungsschatzes u.a. von neuen Wegen aus kollektiven Pattsituationen wie Finanz- und Wirtschaftskrisen, mangelhaften Gesundheitssystemen, Klimawandel oder ansteigender Armut und persönlicher Desillusionierung. Er ist der Autor folgender Titel, auf die er sich in seinem Arbogaster Vortrag im Wesentlichen bezog:
Martin Kalungu-Banda: „Leading like Madiba: Leadership Lessons from Nelson Mandela“. Cape Town: Double Storey, 2006
Martin Kalungu-Banda: „It’s How We End That Matters: Leadership Lessons from an African President“. Author-House UK, London, 2009
Martin Kalungu-Banda: „Driftology. Wie man Zugang zu den großartigsten Möglichkeiten erhält“, in: Tage der Utopie 2015, Bucher Verlag, Hohenems, 2015, S. 142-169.

Zubin Mehta und Plácido Domingo in Rom

Zuletzt sah ich Zubin Mehta als Dirigent des Neujahrskonzerts aus dem Wiener Musikvereinssaal am 1. Jänner 2015, um 11 Uhr auf dem Fernsehbildschirm mit meiner Mutter in Dornbirn. Mehta ist ein indischer Dirigent, der der Ethnie der Parsen entstammt, ein vielseitig und international tätiger Künstler der in einer zoroastrischen Musikerfamilie in Zentralindien aufwuchs. Am Samstagabend, 25. April sah ich ihn wieder auf der Leinwand in Arbogast in einem Konzertausschnitt aus Rom, wo er vor einigen Jahren vor sechs Millionen Zuhörerinnen und Zuhörern Plácido Domingo dirigierte bzw. in einer Art Co-Creation für great moments sorgte. M. Kalungu-Banda zeigte „No puede ser“, den youtube Ausschnitt  (https://www.youtube.com/watch?v=GPT8iUBdA7g), um auf eine perfekte Kooperation hinzuweisen, auf jene entscheidende Phase, wie zunächst beide, der Dirigent und der Tenor durch und durch professionell agieren, Plácido Domingo sich mit der Arie in einen grandiosen Höhepunkt hineinsingt, während gleichzeitig Zubin Mehta nach einem furiosen Einsatz den Dirigentenstab nach unten senkt und sich dem Sänger zuwendet, in fassungsloser Freude und Achtung für Domingos Auftritt. Inshala. Man fühlte sich erinnert an hunderte Glücksmomente, auch an Federico Fellinis „Schiff der Träume“, „E la nave va“, ein Film des italienischen Regisseurs aus dem Jahr 1983, der große, unvergessene Sequenzen der Filmgeschichte enthält: Die blinde Prinzessin, die die Töne des Donau-Walzers mit Farben assoziiert, das Glasmusikspiel in der Schiffsküche, den russischen Sänger, der mit seinem Bass ein Huhn in Trance versetzt, der Wettstreit der Opernsänger im Kesselraum und weitere faszinierende Bilder. Dieser Ausschnitt aus dem Romkonzert mit Zubin Mehta und Plácido Domingo, gegen Ende des kurzweiligen Vortrags, war so etwas wie das große Momentum der Arbogaster Tage der Utopie, jenes Bild, in dem symbolisch das aufbewahrt ist, was den phantastischen gemeinsamen Traum von der Zukunft im Kern eigentlich ausmacht. Nämlich das große, in der Gegenwart bereits vorhandene und zugängliche Potential an Erfahrung, Emotion und Wissen. „Jeder Ort, jede Stadt“, schreibt John Berger, „hat ein Geschlecht und ein Alter. Rom ist weiblich. Wie Odessa. London ist ein Teenager, eine stachelige Seerose, und das hat sich seit den Tagen von Charles Dickens nicht geändert. Paris, glaube ich, ist ein Mann in seinen Zwanzigerjahren, der mit einer älteren Frau liiert ist.“ Arbogast, will man hinzufügen, ist ein genuines Liebespaar, ein Ort, an dem Liebende die Gegenwart der Zukunft umarmen.

„Presencing“ und Plädoyer für Perspektivenwechsel

Kalungu-Banda eröffnete mit der Frage nach den größten Herausforderungen, mit denen sich die Menschheit konfrontiert sieht, die ökologische Spaltung, die soziale und die spirituelle. Wenn wir weiterhin an unseren Mustern des Konsumverhaltens festhalten, würden wir mit unserem ökologischen Fußabdruck einen weiteren Planeten brauchen. Zweitens, an die zwei Milliarden Menschen wissen heute nicht, wo sie ihr nächstes Essen bekommen. Und, drittens, wir müssen den Fokus stärker auf uns selbst richten, wir sollten uns ein anderes Verständnis von uns selbst aneignen. Um all das zu lernen, weist der Referent auf bisherige traditionelle Lernstrategien hin, die sich hauptsächlich mit der Reflexion von Erfahrungen der Vergangenheit beschäftigen. Er plädiert für eine Haltung des „Presencing“, eine Mischung der Begriffe „presence“ und „sensing“, und verweist damit auf die notwendige Fähigkeit Entwicklungen am Horizont zu erfassen und erspüren sowie gegenwärtige Tendenzen wahrzunehmen, um individuell und gesellschaftlich entsprechende Handlungsstrategien und Verhaltensweisen zu entwickeln. Die Intention von Schulen sei es, primär in die Vergangenheit zu schauen und die Lösungen für die Fragen der Gegenwart aus der Vergangenheit herzuleiten. Wir müssten ein größeres Inventar an Methoden und qualifiziertere Strategien haben, um mit den globalen Fragen der Gegenwart umzugehen, Hunger, Krieg, Flucht, Asyl, Klima. Die Akteurinnen und Akteure des Wandels haben gelernt, mit Geduld und Offenheit, Diversität als eine grundlegende Energie wahrzunehmen, und das Brainstorming etwas zur Seite zu schieben, der Intuition mehr Platz zu geben und dem stark rationalistischen Denken etwas zur Seite zu stellen, dass wir nie alles wissen können, dass jedoch das noch Fehlende auftauchen wird, sobald wir an den Lösungen arbeiten.

Am Ende plädiert Kalungu-Banda für gesellschaftliche Solidarität und ruft dazu auf, Brücken für Veränderungen zu bauen und unser Spektrum, die Realitäten, das Wissen und die Bedeutungen zu sehen, die Horizonte auszuweiten, um sich für das Unvorhersehbare besser auszustatten. Das Zukünftige komme öfters ganz unverhofft, unerwartet stehe das Neue vor der Tür, das was sich an Weiterentwicklung abzeichne, sei durch einen sorgsamen Umgang miteinander leichter erfahrbar. Kalungu-Bandas Plädoyer für einen Perspektivenwechsel basiert auf langjährigen Erfahrungen mit Change-Prozessen, vor allem politischen wie in Südafrika in der Ära Nelson Mandelas oder seine jahrelange politische Beratertätigkeit mit dem Präsidenten von Zambia.

Martin Kalungu-Banda berichtete anhand seines reichen Erfahrungsschatzes u.a. von neuen Wegen aus kollektiven Pattsituationen wie Finanz- und Wirtschaftskrisen, mangelhaften Gesundheitssystemen, Klimawandel oder ansteigender Armut und persönlicher Desillusionierung.

Martin Kalungu-Banda berichtete anhand seines reichen Erfahrungsschatzes u.a. von neuen Wegen aus kollektiven Pattsituationen wie Finanz- und Wirtschaftskrisen, mangelhaften Gesundheitssystemen, Klimawandel oder ansteigender Armut und persönlicher Desillusionierung.

Tania Singer, Martin Kulunga-Bandu, Josef Kittinger, Hans-Joachim Gögl (Fotos: Claudia Henzler)

Tania Singer, Martin Kulunga-Bandu, Josef Kittinger, Hans-Joachim Gögl (Fotos: Claudia Henzler)

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