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18.08.2017 |  Fritz Jurmann

Bregenzer Festspielbilanz mit 262.000 Besuchern - Auch ohne See-Rekord die zweitbeste Saison

„Wir hätten heuer für ‚Carmen‘ noch fünf bis sechs weitere Vorstellungen verkaufen können“, meint Michael Diem, kaufmännischer Direktor der Bregenzer Festspiele, und Intendantin Elisabeth Sobotka ergänzt: „Es war das erste Mal, dass bereits vor der Premiere des Spiels auf dem See alle 28 Vorstellungen ausverkauft waren.“ Dass das erste „Carmen“-Jahr im Verkaufs-Ranking der Seeproduktionen der letzten Jahre dennoch nur den dritten Platz einnimmt, liegt an der erhöhten Anzahl der Vorstellungen im zweiten „Zauberflöte“-Jahr und keiner Regenabsage bei „Aida“. Insgesamt ist die heurige Saison jedenfalls die zweitbeste in der Geschichte der Festspiele nach 2014.

Ungeachtet solch bilanztechnischer Tüfteleien gibt sich das Leading Team der Festspiele am Freitagvormittag bei der von Axel Renner moderierten vorläufigen Abschluss-Pressekonferenz vor internationalen Journalisten auf der Seitenplattform der Seetribüne betont locker und gut aufgelegt. Zu Recht, denn die präsentierten Bilanzzahlen könnten besser kaum sein. Und „vorläufig“ deswegen, weil zu diesem Zeitpunkt noch drei Seeaufführungen offen sind und man heuer bei nur einer Regenabsage bisher einige Vorstellungen trotz Schlechtwetters durchgespielt hat.

Damit die Kasse stimmt?

„Auf Biegen und Brechen, nur damit die Kasse stimmt?“, wie eine Journalistin die Intendantin fragt. Diese weist das entrüstet zurück: Man würde im Vorfeld sehr sorgfältig die Wetterprognosen prüfen, die freilich nicht immer stimmten, würde auch ständig die Sänger, die im Regen auftreten müssen, nach ihrer Befindlichkeit befragen. Schließlich blieb auch etwa bei der Premiere das Publikum trotz 75 Minuten Dauerregens fast durchgehend auf seinen Plätzen, wie das der KULTUR-Berichterstatter am eigenen (nassen) Leib verspüren musste. Man weiß sich also auch mit den Besuchern eines Sinnes.

Die Saison 2017 ist künstlerisch mit großer Zustimmung von Publikum und internationaler Presse und ebenso kommerziell mit vielen ausverkauften Produktionen ideal gelaufen. Das heißt in Zahlen insgesamt 262.000 Besucher, wenn denn „Carmen“ noch dreimal gespielt werden kann, davon allein rund 200.000 für das „Spiel auf dem See“. Das Budget der Bregenzer Festspiele liegt bei 23 bis 24 Mill. Euro pro Saison. Allein die Kosten für das Bühnenbild am See, das alle zwei Jahre erneuert werden muss, belaufen sich auf sieben Mill. Euro. Insgesamt wird mit dem Spiel auf dem See als „Cash Cow“ der Festspiele ein Überschuss von 14 bis 15 Millionen pro Jahr erwirtschaftet. Dieser wird, so Diem, für anspruchsvolle und weniger populäre Angebote der nächsten Jahre verwendet oder auf die hohe Kante gelegt für Jahre, in denen es eben einmal nicht so gut läuft. Geplant ist auch eine technisch aufwendige Erneuerung der 2005 installierten „Bregenz Open Acoustics“-Anlage auf der Seebühne

Musiktheaterproduktionen zu 100 Prozent gebucht

Mit jeweils 100 Prozent ausgebucht waren auch die Hausoper „Moses in Ägypten“ von Rossini, Mozarts „Hochzeit des Figaro“ im Opernstudio, „Der Ring in 90 Minuten“ mit dem niederländischen Puppentheater „Hotel Modern“ und vor allem auch das in aktuellsten Bereichen mikrotonaler Musik angesiedelte Opernatelier mit „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias, worauf die Intendant zu Recht ganz besonders stolz sein darf. Die Orchesterkonzerte der Wiener Symphoniker mit dem grandiosen Wagner-Highlight unter Chefdirigent Philippe Jordan und dem Bayreuth-Star Andreas Schager verzeichneten 92 Prozent, das wieder aufgenommene Schauspiel „The Situation“ am Kornmarkt 87 Prozent, die Reihe „Musik & Poesie“ 81 Prozent.  

Auch Festspielpräsident Hans-Peter Metzler will zwar „den Tag nicht vor dem Abend loben“, ist aber durchwegs zufrieden über diese rundum „glückliche Situation“. Dennoch will man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen und auf der gegebenen wirtschaftlichen Basis das Festival mit neuen Ideen weiterentwickeln. Für Elisabeth Sobotka war es nach ihrem künstlerischen Konzept einfach die gelungene Mischung aus vielen verschiedenartigen Produktionen eines ausgewiesenen Musiktheater-Festivals mit „Carmen“ als „Leuchtturm“, die heuer die Anziehungskraft der Festspiele ausgemacht hat. Trotzdem gelte ihr Ziel nicht in erster Linie einem ausverkauften Haus, sondern der Aufgabe, Musiktheater in all seinen Perspektiven zu beleuchten.

Knapp zwei Millionen TV-Zuseher

Michael Diem brachte im direkten Vergleich mit den beiden früheren „Carmen“-Inszenierungen in Bregenz (1974 mit 40.000 Besuchern, 1991 mit 115.000 Besuchern) auch die Generationenfrage ins Spiel. „Der Erfolg hat viele Väter“, meinte er und zählte auch weitere Faktoren für die gestiegene Verbreitungen und den Erfolg der Festspiele auf. Es gab (das lässt sich genau messen) heuer viel längeren Applaus für die Künstler als früher, es gab knapp zwei Millionen TV-Zuschauer, die sich die „Carmen“-Übertragung im ORF und anderen Stationen angesehen haben, und es gab auch ein verstärktes internationales Medienecho sowohl im Print- wie im elektronischen Bereich.

Ausblick auf 2018

Auch einen kurzen Einblick ins das kommende 73. Jahr vermittelte diese Pressekonferenz. Für die Wiederaufnahme von „Carmen“ hat man zunächst vorsichtig 26 Vorstellungen angesetzt, die mit ziemlicher Sicherheit auf die heurige Anzahl von 28 aufgestockt werden. Mehr sei, geben die drei Referenten unisono zu Protokoll, nicht möglich, weil auch Festspiele ihre zeitlichen Grenzen haben und auch die Künstler und Musiker wie die gefragten Wiener Symphoniker nicht länger von ihren Stammhäusern wegbleiben könnten. Der Vorverkauf für 2018 beginnt am Sonntagabend auf der Festspiel-Internetseite.

Das von Intendantin Elisabeth Sobotka bei ihrem Amtsantritt vor drei Jahren ins Leben gerufene „Opernstudio“ mit jungen Interpreten wird nach Abschluss des Mozart-Da Ponte-Zyklus fortgesetzt – unter der Hand spricht man von Rossinis „Barbier von Sevilla“ als musikalisch logischer Fortsetzung. Ebenso will man das „Opernatelier“ mit einem zeitgenössischen Stück Musiktheater fortführen. Fix steht bereits die Hausoper fest mit „Beatrice Cenci“ des aus Hamburg stammenden Komponisten Berthold Goldschmidt (1903-1996) als österreichische Erstaufführung, die in der Tradition großer romantischer Opern wie Puccinis „Tosca“ steht. Ebenso wird das Auftragswerk „Das Jagdgewehr“ des Tiroler Komponisten Thomas Larcher in der Inszenierung von Karl Markovics uraufgeführt.      

 

Bei solchen Bilanzzahlen lässt sich gut scherzen: Ein aufgeräumtes Leading-Team der Festspiele, v.l.n.r. der kaufmännische Direktor Michael Diem, Präsident Hans-Peter Metzler und Intendantin Elisabeth Sobotka

Bei solchen Bilanzzahlen lässt sich gut scherzen: Ein aufgeräumtes Leading-Team der Festspiele, v.l.n.r. der kaufmännische Direktor Michael Diem, Präsident Hans-Peter Metzler und Intendantin Elisabeth Sobotka

Die von Es Devlin gestaltete Bühnenskulptur mit den Spielkarten für Bizets Oper „Carmen“ auf der Seebühne hat wie erwartet internationales Aufsehen erregt und wird für zwei Saisonen zum Wahrzeichen der Festspiele.

Die von Es Devlin gestaltete Bühnenskulptur mit den Spielkarten für Bizets Oper „Carmen“ auf der Seebühne hat wie erwartet internationales Aufsehen erregt und wird für zwei Saisonen zum Wahrzeichen der Festspiele.

Bei der Belcanto-Oper „Moses in Ägypten“ von Rossini waren sich Publikum und ein Teil der Presse über die optisch gewagte Umsetzung durch das niederländische Puppentheater „Hotel Modern“ nicht ganz einig.

Bei der Belcanto-Oper „Moses in Ägypten“ von Rossini waren sich Publikum und ein Teil der Presse über die optisch gewagte Umsetzung durch das niederländische Puppentheater „Hotel Modern“ nicht ganz einig.

Beim Opernstudio wurde Mozarts „Hochzeit des Figaro“ in der Regie von Jörg Lichtenstein und mit Hartmut Keil am Pult des toll disponierten SOV zu einer gefeierten Produktion, die manchem jungen Akteur den Weg in ein Opernhaus ebnen könnte.

Beim Opernstudio wurde Mozarts „Hochzeit des Figaro“ in der Regie von Jörg Lichtenstein und mit Hartmut Keil am Pult des toll disponierten SOV zu einer gefeierten Produktion, die manchem jungen Akteur den Weg in ein Opernhaus ebnen könnte.

 Zweimal ausverkauft war die Auftragsproduktion im Opernatelier mit dem Stück „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias – ein Indiz dafür, dass sich heute sogar mit mikrotonaler Musik ein Festspielpublikum begeistern lässt (Fotos Bregenzer Festspiele/Karl Forster)

Zweimal ausverkauft war die Auftragsproduktion im Opernatelier mit dem Stück „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias – ein Indiz dafür, dass sich heute sogar mit mikrotonaler Musik ein Festspielpublikum begeistern lässt (Fotos Bregenzer Festspiele/Karl Forster)

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  • Bei solchen Bilanzzahlen lässt sich gut scherzen: Ein aufgeräumtes Leading-Team der Festspiele, v.l.n.r. der kaufmännische Direktor Michael Diem, Präsident Hans-Peter Metzler und Intendantin Elisabeth Sobotka Bei solchen Bilanzzahlen lässt sich gut scherzen: Ein aufgeräumtes Leading-Team der Festspiele, v.l.n.r. der kaufmännische Direktor Michael Diem, Präsident Hans-Peter Metzler und Intendantin Elisabeth Sobotka
  • Die von Es Devlin gestaltete Bühnenskulptur mit den Spielkarten für Bizets Oper „Carmen“ auf der Seebühne hat wie erwartet internationales Aufsehen erregt und wird für zwei Saisonen zum Wahrzeichen der Festspiele. Die von Es Devlin gestaltete Bühnenskulptur mit den Spielkarten für Bizets Oper „Carmen“ auf der Seebühne hat wie erwartet internationales Aufsehen erregt und wird für zwei Saisonen zum Wahrzeichen der Festspiele.
  • Bei der Belcanto-Oper „Moses in Ägypten“ von Rossini waren sich Publikum und ein Teil der Presse über die optisch gewagte Umsetzung durch das niederländische Puppentheater „Hotel Modern“ nicht ganz einig. Bei der Belcanto-Oper „Moses in Ägypten“ von Rossini waren sich Publikum und ein Teil der Presse über die optisch gewagte Umsetzung durch das niederländische Puppentheater „Hotel Modern“ nicht ganz einig.
  • Beim Opernstudio wurde Mozarts „Hochzeit des Figaro“ in der Regie von Jörg Lichtenstein und mit Hartmut Keil am Pult des toll disponierten SOV zu einer gefeierten Produktion, die manchem jungen Akteur den Weg in ein Opernhaus ebnen könnte. Beim Opernstudio wurde Mozarts „Hochzeit des Figaro“ in der Regie von Jörg Lichtenstein und mit Hartmut Keil am Pult des toll disponierten SOV zu einer gefeierten Produktion, die manchem jungen Akteur den Weg in ein Opernhaus ebnen könnte.
  •  Zweimal ausverkauft war die Auftragsproduktion im Opernatelier mit dem Stück „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias – ein Indiz dafür, dass sich heute sogar mit mikrotonaler Musik ein Festspielpublikum begeistern lässt (Fotos Bregenzer Festspiele/Karl Forster) Zweimal ausverkauft war die Auftragsproduktion im Opernatelier mit dem Stück „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias – ein Indiz dafür, dass sich heute sogar mit mikrotonaler Musik ein Festspielpublikum begeistern lässt (Fotos Bregenzer Festspiele/Karl Forster)