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06.07.2022 |  Kurt Bereuter

Baukulturdialog Bregenzerwald

Der Werkraum Bregenzerwald hat sich auf die Suche nach „Erfolgsmodellen für mehr Baukultur“ gemacht und sich dafür die deutsche Bundesstiftung Baukultur in den Werkraum geholt. Eine Kooperation die einen nötigen Dialog mit sich brachte.

Unter dem Titel „Baukulturtage Bregenzerwald“ lud die Werkraum-Geschäftsführerin Belinda Rukschcio ihren ehemaligen Arbeitgeber, die deutsche Bundesstiftung Baukultur aus Potsdam, zu einem Dialog in ihre neue Wirkungsstätte, den Werkraum Bregenzerwald. Eine gute Idee, was sich am Abend des 4. Juli beweisen sollte.

Baukulturelles Erfolgsmodell Bregenzerwald

Wenn Deutsche auf der Suche nach Erfolgsmodellen für mehr Baukultur in den Bregenzerwald kommen, dann wird zuerst einmal gelobt: die hohe handwerkliche Qualität, die Materialqualität in Form von Holz, die Gestaltungsqualität und von da abgeleitet ein hohes Bewusstsein für Baukultur in der Bevölkerung. Wenn dann Obmann Martin Bereuter von Schönheit, von Langlebigkeit und von Pflege des Geliebten spricht, merkt man, dass die letzte Diskussion vom Februar zum Thema „Bauen für das Klima“ hängen geblieben ist und nicht fruchtlos war. Auch beim Vertreter der Politik, Regio-Obmann Guido Flatz, war etwas mehr Zurückhaltung im Eigenlob zu spüren, um mehr im Stolz anzukommen, was ja nicht verkehrt ist, wenn er selbstkritisch bleibt. Und die Selbstkritik kam dann geballt daher, nachdem der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur, Rainer Nagel, eine solide Einführung ins Thema lieferte, um gleich einen Kritikpunkt anzubringen: das Auto scheint sein Recht zu verlangen und das sieht man bei den versiegelten Vorplätzen, die landschaftsarchitektonische Gestaltung vermissen lässt.

 Geballte Selbstkritik

 Architekt Hermann Kaufmann betitelte seinen frei gehaltenen Vortag mit „Schein oder Sein“ und fragte gleich nach der Tragfähigkeit des Scheins, vor allem als Tourismusregion, aber auch in Form der nicht vorhandenen Raumplanung, bei der immer noch die Zersiedelung und das Einfamilienhaus dominieren würden. Aber zweifelslos habe sich im Bregenzerwald die teils heftige Diskussion zwischen Handwerk und Architekten bewährt und das Handwerk auf eine neue Ebene gehoben, von der heute alle profitieren. Sorge bereitet ihm die Landwirtschaft und deren explodierenden Kubaturen. In dieser Berufsgruppe sei Baukultur (noch) nicht angekommen und die behördlichen Planer leisteten ihren Teil dazu.
Markus Faißt ging auf den Handwerker als Mensch ein und beschreibt den Bregenzerwald als Biotop für Kultur und Handwerk, in dem durch Tun, durch Werken, durch Werkzeuge Wirkung erzielt wird und dabei war das Selbstbewusstsein des Handwerkers von großer Bedeutung. Dies führte nämlich dazu, dass der Handwerker nicht vor Ehrfurcht vor dem Architekten erstarrt(e), sondern im Tun werkte und wirkte. Auch er merkte an, dass in der Landwirtschaft vieles im Argen liege und daneben mache er sich ernsthafte Sorgen um den Nachwuchs, denn Handwerk ist nun einmal ortsgebunden und nicht so einfach transferierbar, was dann noch in der folgenden Diskussion Thema werden sollte.
Abgesehen davon, dass die Diskussion zu spät startete, waren auch zu viele Gäste auf dem Podium und besser wäre gewesen die Referenten durch eine Moderation auf dem Podium zu fordern. Wobei Clemens Quirin vom VAI kritisch anmerkte, dass in Vorarlberg die Qualität im Bauen rückläufig sei und die Ökonomisierung die Ökologisierung überflügle. Die Tourismusvertreter wirkten in der Kürze der Diskussion etwas verloren, auch wenn Dietmar Nussbaumer von der Krone Hittisau durchaus als Vorzeigebeispiel gilt. Mehr Raum hätte es für das Problem des handwerklichen Nachwuchses bedurft. Petra Raid ging unaufgeregt auf die Probleme der Werkraumschule ein und verabschiedete sich gleich vom Warten auf nötige Veränderungen durch das Bildungssystem, sondern lobte die gute Ausstattung in den Mittelschulen mit Werkräumen in den Gemeinden, verwies aber auf das massive Problem der Lehrkräfte in diesem Bereich – die fehlten schlichtweg. Die Jugend sei aber durchaus bereit für das Handwerk und könne auch begeistert werden. Werkraumobmann Martin Bereuter gab sich aus dem Publikum selbstkritisch und merkte an, dass sich die Handwerksbetriebe auch selbst bei der Nase nehmen müssen, wenn sie es schaffen wollen, Nachwuchs zu rekrutieren und zu halten. Belinda Rukschcio als Werkraum-Geschäftsführerin plädierte dafür, nicht zu viel Druck auf „Junge“ auszuüben und sie machen lassen und ihnen zu vertrauen, denn Qualität und Luxus bräuchten eine neue Definition. Und dann gebe es nicht „den“ Handwerker, sondern ganz verschiedene Handwerker: vom Künstler-Handwerker, den Denker-Handwerker, den Pragmatiker eben bis zum Handwerker-Handwerker. Aber diese seien grundsätzlich Macher und Macherinnen, die ins Tun gehen und nicht viel quatschen. Aber angesagt sei Kooperation und diese hebe das Niveau, gab sie sich überzeugt.

Der Werkraum Bregenzerwald als Diskussions- und Innovationsplattform

In den vergangenen Jahren machte der Werkraum den Eindruck einer Orientierungslosigkeit und einer Suche nach der Identität eines Vereines und auch eines Hauses, dessen Funktion offen zu sein schien. In diesem Jahr stellte er sich doch schon zum zweiten Mal als Vortrags- und Diskussionsplattform dar, die für das Handwerk – und sogar für die Region – wichtige Fragen aufwarf. Das ist ein ehrlicher und mutiger Schritt, der die Grundlage für richtige Antworten einer Region, eines Vereines und einer Baukultur liefern kann. Schade ist nur, dass die Mitgliedsfirmen nicht vollständig vertreten sind und außen vorbleiben. Wohltuend war hingegen die Präsenz der Kulinarik in Form einer Degustationsmöglichkeit von Egger Bier und Fleisch- und Wurstspezialitäten von Fleisch Fetz und Jogi. Das ist gelebte Regionalität, die greif- und erlebbar und authentisch ist, gleichermaßen wie die Musik vom Handwerker Michael Fetz und Band. Wenn dann noch die Rede ist von der letzten Vorstandssitzung, die heftig gewesen sei, dann bestätigt das den Weg in eine Zukunft von Heimat – für den Verein und die Region. Ganz nach dem Zitat von Markus Faißt: Heimat ist da, wo ich mich aufrege. Und wer sich aufregt, bringt zur Sprache, was ihm wichtig ist. Auf diesem Weg kann der Werkraum Bregenzerwald für die Region wichtig sein, für das Handwerk und eben die Baukultur im Bregenzerwald – und darüber hinaus.

© Emanuel Sutterlüty

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