Das Nederlands Dans Theater 2 beim Bregenzer Frühling (Foto: Udo MIttelberger)
Walter Gasperi · 28. Sep 2023 · Film

Aktuell in den Filmclubs (29.9. – 5.10. 2023)

Das Heerbrugger Kinotheater Madlen begleitet diese Woche mit „Something You Said Last Night" eine 25-jährige Transfrau bei einem einwöchigen Urlaub mit ihrer Familie. Bei der LeinwandLounge in der Remise Bludenz steht dagegen mit „Das Lehrerzimmer" ein ebenso packendes wie vielschichtiges Schuldrama auf dem Programm.

Something You Said Last Night: Die kanadisch-italienische Regisseurin Luis De Filippis fokussiert in ihrem Langfilmdebüt ganz auf einem einwöchigen Strandurlaub, den die etwa 25-jährige Transfrau (Carmen Madonia) mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Siena verbringt. Mit der Fahrt an den Urlaubsort setzt der Film ein und endet mit der Rückfahrt. Während jedoch bei der Hinfahrt niemand einstimmen will, wenn die Mutter (Ramona Madonia) den Ricchi E Poveri-Hit „Sarà perché ti amo“ singt, lassen sich Ren und Siena (Paige Evans) bei der Rückfahrt bei „Mamma Maria“ mitreißen. An den dazwischenliegenden Tagen sind aber feine Bruchlinien in der Familie ebenso sichtbar geworden wie die Nähe und die Liebe in diesem Gefüge.
Die Kunst De Filippis liegt in der unaufgeregten, aber genauen Schilderung dieser Familie, in der Zärtlichkeit des Blicks und der Natürlichkeit der unverbrauchten Schauspieler:innen. Rasch vertraut wird einem so diese Familie und nah gehen einem die Figuren mit ihren Problemen und Sehnsüchten. Kein Schwarz und Weiß gibt es hier, sondern aus dem Leben gegriffen wirken die Handlung und die Charaktere, sodass ihr Schicksal berührt.
Erfrischend klischeefrei ist auch der Blick De Filippis auf ihre Transgender-Protagonistin. Da wird für einmal nämlich kein Drama aus ihrer sexuellen Identität gemacht, sondern ganz selbstverständlich wird sie von der Familie akzeptiert, während freilich bei Außenkontakten Ressentiments sichtbar werden. Gerade in dieser Selbstverständlichkeit, in der man kein großes Thema mehr daraus machen muss, geht „Something You Said Last Night“ weit über andere Filme hinaus und zeigt, worin Akzeptanz letztlich besteht.
Kinotheater Madlen, Heerbrugg: Mo 2.10., 20.15 Uhr

Das Lehrerzimmer: Von der ersten Einstellung an entwickelt „Das Lehrerzimmer“ mit seiner beweglichen Kamera (Judith Kaufmann), die hautnah der jungen Mathematik- und Sportlehrerin Carla Nowak (Leonie Benesch) vom Lehrerzimmer durch die Gänge in ihre Klasse folgt, sowie einen dynamischen Schnitt (Gesa Jäger) eine Kraft und einen Sog, die ins Geschehen unmittelbar hineinziehen.
Verstärkt wird diese Dichte einerseits durch das enge 4:3 Format, das für eine Fokussierung des Blicks und für große Nähe zur in jeder Szene präsenten Protagonistin sorgt, sowie durch die Konzentration auf die Schule als – mit einer kurzen Ausnahme – einzigen Schauplatz. Aber auch die präzis eingesetzte kalte Musik von Marvin Müller steigert hier immer wieder die Spannung und die Beunruhigung.
Nicht nur über das Privatleben der anderen Lehrer:innen erfährt man nichts, sondern auch über Frau Novak erfährt man einzig, dass sie zwar in Deutschland geboren wurde, ihre Eltern aber aus Polen stammen. Zur Kompaktheit und Konzentriertheit dieses Dramas trägt aber auch das meisterhaft aufgebaute Drehbuch bei, das Ilker Çatak zusammen mit Johannes Duncker schrieb. So wird schon in der ersten Szene, wenn Frau Nowak ihren etwa 13-jährigen Schüler:innen die mathematische Frage stellt, ob 0,9 periodisch das gleiche wie 1 sei, anschaulich der Unterschied von Beweis und Behauptung ins Spiel gebracht, der sich durch den Film zieht. 
Denn bald führt eine Diebstahlserie an der Schule, die eine Null-Toleranz-Politik verfolgt, zu Ermittlungen der Lehrer, bei denen Schüler:innen zunächst gedrängt werden, ihren Verdacht zu äußern, und bald auch eine Razzia in der Klasse folgt. Fragen von Druck mittels Abhängigkeitsverhältnissen und von Denunziation werden so ebenso aufgeworfen wie von Vorverurteilung, wenn bald in einem migrantischen Schüler der vermeintlich Schuldige gefunden wird.
Nichts wird hier aber prätentiös ausgewalzt, sondern alles wird, verpackt in die im Grunde kleine Geschichte um die Lehrerin, ebenso trocken wie packend angesprochen. Herz des Films, der auch in den Nebenrollen und vor allem den Schüler:innenrollen perfekt besetzt ist, ist aber Leonie Benesch als Frau Novak. In den Gesten und Blicken der Schauspielerin spürt man ihr Engagement für die Schüler:innen, aber man wird auch Zeuge, wie sie letztlich auch mit all ihrem Engagement wenig ausrichten kann. 
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 4.10., 19 Uhr

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