Fahrraddiebe – Ladri di biciclette (Foto: Juppiter Film)
Walter Gasperi · 26. Okt 2023 · Film

Aktuell in den Filmclubs (27.10. – 2.11. 2023)

Der Spielboden Dornbirn und das TaSKino Feldkirch blicken mit dem Dokumentarfilm „The Mies van der Rohes" aus der Perspektive der Tochter auf den berühmten Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Das Kinotheater Madlen in Heerbrugg bietet dagegen mit dem Dokumentarfilm „Ruäch – Eine Reise ins jenische Europa" Einblick in Leben und Diskriminierung der über Europa verstreuten halbnomadisch lebenden Volksgruppe der Jenischen.

The Mies van der Rohes: Weltberühmt ist der deutsch-amerikanische Architekt Ludwig Mies van der Rohe (1886 – 1969), der den Namen Rohe von seiner Mutter übernahm, weil ihm Mies zu schlecht klang, und dann gleich auch noch das „von" davorsetzte. Doch wer kennt seine Familie und die Frauen um ihn.
Angeregt durch die Autobiographie von van der Rohes‘ 1914 geborenen Tochter Georgia, die der Vater selbst nur Muck nannte, da er sich eigentlich einen Jungen wünschte, erzählt Sabine Gisiger in ihrem Dokumentarfilm aus der Perspektive dieser Tochter deren Geschichte und die ihrer Familie.
Formal ist das konventionell, auch recht hausbacken gemacht, wenn Gisiger eine Filmemacherin als ihr Alter Ego die von Anna Thalbach gespielte Georgia interviewen und ausschließlich mit originalen Aussagen Georgias die Familiengeschichte erzählen lässt. Rund wird aber über Archivmaterial auch ein Einblick in die Zeit von der individuellen Befreiung durch Ausdrucktanz in den 1920er Jahren über die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Berlin 1936 bis zum zerbombten Nachkriegs-München geboten.
Einerseits wird so ein stimmiges Porträt dieser Frau und ihrer Mutter gezeichnet, die immer im Schatten des Übervaters standen, andererseits wird mit dem Blick Georgias eine andere Seite des berühmten Architekten sichtbar. Denn sein Schaffen spielt hier kaum eine Rolle, herausgearbeitet wird dafür seine kalte Rationalität, in der Familiensinn keinen Platz hatte.
TaSKino Feldkirch im Kino GUK: Do 2.11., 18 Uhr
Spielboden Dornbirn: Do 2.11., 19.30 Uhr

 

Ruäch – Eine Reise ins jenische Europa: Sieben Jahre lang begleiteten Andreas Müller, Marcel Bächtiger und Kameramann Guy Fässler Angehörige der über Europa verstreuten halbnomadisch lebenden Volksgruppe der Jenischen. Pendelnd zwischen Kärnten, Graubünden und Savoyen bieten die Filmemacher Einblick nicht nur in deren Sprache und Lebensweise. Der Freiheitsdrang durchzieht dabei als zentrales Moment dieses dokumentarische Roadmovie, doch ganz so frei wie einst seien diese Menschen heute auch nicht mehr, denn auch sie müssten ja Sozialversicherung und Steuern zahlen. 
Außen vor bleibt für einmal die Mehrheitsgesellschaft, ganz auf die Welt der Jenischen konzentriert sich der Film. In den ruhigen Beobachtungen und Gesprächen entwickelt sich Nähe zu den Porträtierten, die sukzessive auch tiefere Einblicke in Diskriminierung und Repressionen bieten. Der Auffassung, dass die Jenischen heute akzeptiert seien, widersprechen sie und erklären, dass man sie immer noch als arbeitsscheue Faulenzer und Diebe ansehe.
Ein bedrückendes Bild der Schweiz der 1960er und 1970er entwickelt sich dabei, wenn eine der Protagonistinnen erzählt, dass sie unter dem Vorwand einer tatsächlich nicht vorhandenen Krebserkrankung des Unterleibs sterilisiert worden sei. Ein anderer wiederum berichtet, wie er im Rahmen des „Hilfswerks“ Kinder der Landstraße, durch das zwischen den 1920er und 1970er Jahren 600 jenische Kinder gewaltsam von ihren Eltern getrennt wurden, als Kind von der Straße weg verschleppt, in ein Kinderheim gesteckt und einem Bauern als Hilfskraft übergeben worden sei. 
Die Erzählungen und Momentaufnahmen fügen sich so zu einem eindrücklichen Bild nicht nur der Menschen, die die Filmemacher begleiteten, sondern der Jenischen insgesamt, dokumentieren aber auch den Wandel und das langsame Verschwinden dieser Kultur, wenn beispielsweise die Erwachsenen über die zunehmenden Schwierigkeiten beim Sammeln von Altmetall sprechen oder die Kinder die jenische Sprache nicht mehr beherrschen.
Kinotheater Madlen, Heerbrugg: Mo 30.10., 20.15 Uhr

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