Beim 29. Philosophicum in Lech. (Foto: Lässiger Photography)
Walter Gasperi · 22. Jun 2023 · Film

Aktuell in den Filmclubs (23.6. – 29.6. 2023)

Die LeinwandLounge Bludenz verabschiedet ihr Publikum mit Felix van Groeningens und Charlotte Vandermeersch in großartiger Bergkulisse spielendem und sich über 30 Jahre spannenden „Acht Berge – Le otto montagne“ in die Sommerpause. Im Skino Schaan wird dagegen im Rahmen der Reihe „The Ones We Love“ mit „The Big Lebowski“ der Coen-Brüder ein echter Kultfilm gezeigt.

Acht Berge – Le otto montagne: Anhand einer sich über 30 Jahre spannenden Männerfreundschaft erzählen Felix van Groeningen und Charlotte Vandermeersch von unterschiedlichen Lebensentwürfen und der Suche nach Selbstfindung. Während der Bauernsohn Bruno (Alessandro Borghi) nämlich nie sein im Aostatal gelegenes fiktives Bergbauerndorf verlässt, treibt den Städter Pietro (Luca Marinelli), der sich während eines Urlaubs in Brunos Dorf mit dem 12-Jährigen angefreundet hat, die Suche nach sich selbst in verschiedene Jobs und bis in den Himalaya.
Auf den Punkt gebracht werden diese gegensätzlichen Lebensentwürfe mit einem nepalesischen Mandala, bei dem die Frage aufgeworfen wird, ob man acht Berge am Rand eines Kreises – oder eben der Welt – besteigen müsse oder nur den einen im Zentrum, um den Lebenssinn zu finden. Alles andere als neu ist freilich diese Frage, doch van Groeningen und Vandermeersch gelingt es dennoch, bewegend und frisch davon zu erzählen. Auf Wertungen verzichten sie dabei und stellen beide Lebensentwürfe gleichwertig einander gegenüber.
Viel Zeit lässt sich das Regie-Duo so für die Schilderung des Baus eines Steinhauses und immer wieder rückt die Kamera von Ruben Impens die beeindruckende unberührte Gebirgswelt von Almwiesen über Bergseen bis zu vergletscherten Gipfeln eindrücklich ins Bild. Gleichzeitig verhindert dabei aber das enge 4:3-Format, dass sich das Gefühl von Postkartenbildern einstellt, denn nie wirken diese Landschaftsaufnahmen selbstzweckhaft, sondern immer mit der Handlung verbunden.
Großartig verdichtet das Regie-Duo einerseits mit unauffälligen Ellipsen und einem immer wieder geschickt eingesetzten Voiceover die 30 Jahre auf meisterhaft ruhig und unaufgeregt dahinfließende zweieinhalb Stunden. Andererseits verstärken sie die Emotionalität der Geschichte immer wieder mit Songs des schwedischen Singer-Songwriters Daniel Norgren. Mögen da die englischen Texte zunächst unpassend für das italienische Ambiente wirken, so entwickeln sie doch einen Sog und eine Kraft, die ein Gänsehautgefühl erzeugen können. Und schließlich gibt es diese kernigen und völlig natürlichen Schauspieler, die in dieser Berglandschaft förmlich verwurzelt scheinen.
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 28.6., 19 Uhr

 

The Big Lebowski: Kultstatus genießen viele Filme der Coen-Brüder von „Blood Simple“ über „Barton Fink“ bis zu „No Country for Old Man“. An Kultcharakter übertrifft "The Big Lebowski" aber alle. Das Skino Schaan zeigt diesen Klassiker in der Reihe „The Ones We Love“, bei der das Publikum selbst per Abstimmung einen Lieblingsfilm wählt, der dann am letzten Donnerstag im Monat gezeigt wird.
Ein Erzähler mit sonorer Stimme stellt sich vor, der die Geschichte des Dude (Jeff Bridges), eines Alt-Hippies, erzählen will. Doch das, was nun erzählt wird, lässt sich nicht in Worte fassen: zu vielfältig sind die Erzählstränge, die Nebenhandlungen und Nebenfiguren, die auftauchen und wieder verschwinden. Ein reicher Millionär mit Diener, dessen entführte junge Gattin und die sich als Avantgarde-Künstlerin betätigende Tochter (Julianne Moore) treten auf, und in seiner undurchsichtigen Handlungsführung erinnert „The Big Lebowski“ an Howard Hawks´ Klassiker „The Big Sleep“. – Eine nihilistische deutsche Gangsterbande malträtiert den Dude und im Traum fliegt er über L.A., ein Pornoproduzent betäubt ihn und der Dude träumt von Musical und Bowling und Kastrationsängste quälen ihn. Dazwischen geht der Dude – einziger Haltepunkt in dieser atemberaubend kühnen Dramaturgie – immer wieder zum Bowling-Turnier mit seinen Freunden, zu denen auch der äußerst cholerische, jüdische Vietnamveteran Walter (John Goodman) gehört. 
Ausgeflippte Kiffer-Komödie und Film-Noir, in höchstem Maße inkohärent ist der Stoff, doch die Coens schaffen es souverän alles ohne den geringsten Stilbruch zu einer Einheit zu verschmelzen: Hinreißend ist die Zeichnung der Typen, begeisternd das nicht nur an Handlungsfülle sondern auch an brillanten Dialogen überquellende Drehbuch.
Am Ende stellt der an der Bar sitzende Erzähler fest: „Schön, dass es den Dude gibt. – Es war eine ziemlich gute Geschichte – ich habe mich halb totgelacht, an manchen Stellen wenigstens.“ Dem kann nur hinzugefügt werden: Schön, dass es die Coens gibt, die so hinreißend schräge Filme drehen. 
Skino Schaan: Do 29.6., 20.15 Uhr

Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website https://www.film-netz.com.