Das Klangkollektiv Wien unter der Leitung von Rémy Ballot gastierte erstmals im Dornbirner Kulturhaus.
Peter Füssl · 28. Okt 2026 · Jubiläum

Vor den Vorhang geholt: Markus Barnay

40 Jahre KULTUR: langjährige KULTUR-Schreiber:innen kurz vorgestellt

Unter dem Titel „Wenn das der Führer wüsste ...“ schrieb Markus Barnay im Februar-Heft 1988 einen heftigen Verriss über die vom Land Vorarlberg herausgegebene Broschüre „1938 – Der Anschluss Vorarlbergs an das Dritte Reich“. Sein erster Artikel in der KULTUR-Zeitschrift, dem bis zum heutigen Tag noch viele folgen sollten.

Oftmals zu historischen Themen, schließlich zählt er zu den aktiven Mitgliedern der Johann-August-Malin-Gesellschaft. Als Redakteur im Aktuellen Dienst des ORF Landesstudio Vorarlberg (1990-2022) gestaltete er unter anderem auch zahlreiche TV-Dokumentationen zu unterschiedlichen Themen der Landesgeschichte. Ursprünglich studierte der gebürtige Bregenzer aber weder Geschichte noch Journalismus, sondern Politikwissenschaften in Wien und in Berlin.

Peter Füßl: Wie bist du denn als Politikwissenschaftler zum Journalismus gekommen? 
Markus Barnay: Ich wusste schon mit 15, dass ich Journalist werden will. Ich habe auch mit 16 begonnen, für die „Neue“ zu schreiben – zuerst über Sport, dann über Kultur – und war Mitherausgeber der Schülerzeitung „Rübe“, die übrigens thematisch durchaus als eine Art Vorläufer der KULTUR gelten könnte. Während des Studiums arbeitete ich dann für den ORF (Ö1 und Radio Vorarlberg), für profil und andere Medien, war aber auch – in Freiburg/Breisgau – Programmchef eines Freien Radios (Radio Dreyeckland), das zunächst illegal aus dem Untergrund, zuletzt aber mit Lizenz für Gegenöffentlichkeit sorgte. Das Studium war also eher der Versuch, mich fachlich in einem bestimmten Bereich weiterzubilden. 
Füßl: Du hast dich schon 1983 mit einer kritischen Abhandlung zur „Pro Vorarlberg“-Bewegung in den historischen Diskurs eingebracht, der in den 1980ern so richtig in Schwung gekommen ist. Wer waren die wichtigsten Akteure im Historikerstreit?
Barnay: Es ging um den Konflikt zwischen ideologisch geprägter, traditioneller Landesgeschichtsschreibung und der kritischen Historiographie der jüngeren Generation, die sich mehr an Fakten orientierte und auch Themen aufgriff, die verdrängt und verschwiegen wurden. Exponenten der ersten Gruppe waren Benedikt Bilgeri oder Theodor Veiter, die auch viel Rückhalt von den „VN“ hatten. Auf der anderen Seite standen die damals jungen Historiker der Malin-Gesellschaft und Karl Heinz Burmeister, der Direktor des Landesarchivs.
Füßl: Die Malin-Autoren schrieben sehr regelmäßig in der KULTUR, lieferten Stoff für mehrere heftig diskutierte Themen-Nummern zu diversen Aspekten der NS-Zeit. Wie schätzt du die Bedeutung der KULTUR im damaligen Diskurs ein?
Barnay: Die „VN“ vertrat ganz vehement dieses traditionelle Geschichtsbild, da war die KULTUR tatsächlich ein ganz wichtiges Element einer Gegenöffentlichkeit. Natürlich erschienen auch etliche Bücher der Malin-Autoren, aber Artikel in der KULTUR waren niederschwelliger und erreichten wahrscheinlich auch mehr Menschen.
Füßl: 1988 hast du mit dem Band „Die Erfindung des Vorarlbergers“ die offiziell vorherrschende „Alemannentümelei“ attackiert und die Erschaffung der die Vorarlberger bestimmenden Selbst- und Fremdbilder als nie endenden Prozess beschrieben. Wie waren die Reaktionen?
Barnay: Offiziell gab es keine großen Reaktionen, abgesehen von eher seltsamen Figuren wie dem erwähnten Theodor Veiter. Aber inoffiziell wurde ich damals offenbar zu einer „Persona non grata“ in der Landesregierung. Dort spüre ich die Vorbehalte gegenüber meiner Person bis heute, wenn etwa ein Landesbeamter in der KUGES eine „Lex Barnay“ verlangt, wonach Aufträge an mich vom Aufsichtsrat genehmigt werden müssen. Offiziell heißt es „Aufträge an Medienschaffende“, aber unter den Auftragnehmern gibt es keinen anderen, der für Medien arbeitet. Auf der anderen Seite ist das Buch seit vielen Jahren vergriffen, und ich bekomme immer noch Anfragen, ob ich noch ein Exemplar hätte. Meinrad Pichler, der sehr viel historische Literatur über Vorarlberg studiert, behauptet, dass „Die Erfindung des Vorarlbergers“ in Haus-, Diplom- und Bachelorarbeiten über Vorarlberg das meistzitierte Buch sei. Jedenfalls wird dieser Mythos der „alemannischen“ Besonderheiten heute längst nicht mehr so selbstverständlich verbreitet wie damals, als ich meine Dissertation schrieb, von der die „Erfindung“ die publizierte Fassung ist.
Füßl: Vor 15 Jahren hast du mit „Vorarlberg – Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart“ eine knappe, gut lesbare Übersichtsdarstellung zur Landesgeschichte der letzten 100 Jahre vorgelegt. Wie schätzt du das Geschichtsbewusstsein der Vorarlberger:innen ein?
Barnay: Das kann ich weniger aufgrund dieses Buches beurteilen, als mit Blick auf den „Dialog über Geschichte“, den ich seit 13 Jahren im vorarlberg museum moderiere. Dort darf ich ein erfreulich großes Publikum begrüßen, aber – wohl wegen der frühen Beginnzeit „freitags um Fünf“ – mit einem hohen Altersdurchschnitt. Es kommen aber immer wieder auch jüngere Besucher:innen, die sich offensichtlich für Geschichte interessieren.
Füßl: Du hast historisches Interesse und Journalismus immer exzellent kombinieren können. Welches waren deine Lieblingsprojekte beim ORF?
Barnay: Danke für das Kompliment. Ich sah es als meine Aufgabe an, solche Themen für ein breiteres Publikum aufzubereiten. Ich habe rund 50 TV-Dokumentationen primär mit historischen Themen gestaltet, aber auch Themen wie Migration, Energieautonomie oder Ehrenamt kamen vor. Zu den Lieblingsprojekten zählten Dokumentationen wie jene über die türkischstämmigen Rückwanderer in die Türkei oder über die frühere „Gastarbeiterroute“ quer durch das ehemalige Jugoslawien. Eines der berührendsten Projekte waren die Interviews, die ich mit Holocaust-Überlebenden in Israel gemacht habe – aber nicht für den ORF, sondern für eine DVD für den Schulunterricht, die von erinnern.at produziert wurde.
Füßl: Was macht Markus Barnay am liebsten, wenn er nicht gerade ein Buch oder ein Mikrophon in der Hand hält?
Barnay: Man findet ihn im Sommer auf dem Segelboot und im Winter auf Skitouren, aber er sitzt auch viel im Theater, im Kino oder im Konzert.
Füßl: Für deine Artikelreihe zu „40 Jahre KULTUR-Geschichte“ hast du in den letzten Monaten zahlreiche Jahresbände durchforstet. Wie lautet dein Fazit?
Barnay: Die Vielfalt an Themen, die in diesen 40 Jahren behandelt wurden, ist beeindruckend, aber auch die Kontinuität, mit der die Welt in der KULTUR mit kritischem Blick betrachtet wurde. Dass dabei immer wieder übers Ziel hinausgeschossen wurde – z. B. bei den Artikeln über Kirche und Religion –, gehört dazu. Und was auch auffällt, ist die scharfsichtige und -züngige Exzellenz von Autoren wie Kurt Greußing, der mir übrigens schon beim Schreiben meiner Dissertation vor 40 Jahren mit seinem kritischen Blick im Nacken saß. Bereut habe ich es nie.   

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR November 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.