Von letzten Worten und vorletzten Seiten
40 Jahre KULTUR-Zeitschrift – Teil 5 (ohne zeitlichen Fokus)
Versprochen ist versprochen – und zunächst einmal gebrochen. Keine Sorge, gegen Ende dieses (letzten) Teils des Rückblicks auf 40 Jahre KULTUR-Zeitschrift wird dann endlich auch Kurt Bracharz gewürdigt, aber vorher darf ich doch noch ein paar Besonderheiten erwähnen, die mir beim Durchackern von 30 Jahrgängen KULTUR (die letzten zehn sind ja hoffentlich dem Großteil der Leserschaft noch halbwegs präsent) aufgefallen sind.
Da wären zunächst mal die „Vorletzten Seiten“, die für nicht wenige Abonnent:innen die ersten sind, die sie in Augenschein nehmen. Man kann sich nämlich auf sie verlassen, denn es gibt sie seit der ersten Ausgabe. Ganz am Anfang war es zwar nur eine „Vorletzte Seite“, aber der Fokus blieb stets derselbe: Stilblüten, Grammatikfehler, Verwechslungen, aber auch allerlei Nonsens, der in den heimischen Medien (das eigene nicht ausgenommen) verbreitet wurde und wird. Man darf allerdings rätseln, wie lange es diese Form der Medienkritik noch gibt, schließlich hat man das Gefühl, dass einerseits viele Texte längst von der KI geschrieben werden (und ob die die KULTUR zur Weiterbildung nutzt, dürfte eher fraglich sein), und dass andererseits der Medienkonsum schon so weit individualisiert ist, dass es kaum mehr Medien gibt, die von einer Mehrheit wahrgenommen werden – oder liest doch noch jemand die VN oder schaut „Vorarlberg heute“?
Titel ohne Ende
Misslungene Schlagzeilen schafften es immer wieder auf die „Vorletzten Seiten“, missratene Titel von Artikeln mitunter auch. Da hatte die KULTUR selbst allerdings auch einiges beizutragen. Eine Zeit lang sah es so aus, als wollten sich die Autor:innen dieser Zeitschrift darin überbieten, möglichst lange – und damit schwer verständliche – Titel zu erfinden. Rekordverdächtig war der Titel eines Artikels von Peter Fischer im Februar 2013:
GymnasialdirektorInnen – wenn der Schwanz
mit dem Hund zu wedeln versucht!
Schreiben von 9 AHS-DirektorInnen gegen
10-Punkteprogramm der Wirtschaftskammer
peinlich und entlarvend!
Aber auch Silvia Thurner beteiligte sich (im November 2013) am Wettbewerb um den längsten Titel:
Erforschung immer noch entlegener Winkel des
akustischen Kosmos – Die „Bludenzer Tage
zeitgemäßer Musik“ werden mit den ehemaligen
Kuratoren Georg Friedrich Haas, Wolfram Schurig
und Alexander Moosbrugger gefeiert
Da wollte sich Chefredakteur Peter Füßl offenbar nicht lumpen lassen und bot (im Februar 2014) mit:
„Es macht mir sehr viel Spaß, diese verschiedenen
Einflüsse zu verbinden und zu meiner eigenen
musikalischen Welt zusammenzubauen.“
Interview mit David Helbock über die neue CD
„Think of Two“ seines Trios Random/Control
Zum Glück wurden solche Titel im Inhaltsverzeichnis bis zur Kenntlichkeit verkürzt (im letzten Fall zu „David Helbock’s Random/Control“), sonst hätte man wohl dort schon die Orientierung verloren. Dabei gehörte der kritische Umgang mit der Sprache von Anfang an zu den Wesensmerkmalen der KULTUR. Hier lieferten immer wieder Autoren und Autorinnen Beiträge, die wohldurchdacht und sprachlich eindrucksvoll, mitunter aber auch recht polemisch waren.
Angst vor „Überfremdung“?
Zwei von ihnen habe ich schon in den vergangenen Teilen dieses Rückblicks gewürdigt, sie sollen aber auch hier noch einmal zu Wort kommen: Michael Diettrich, einst Leiter des DOWAS in Bregenz und Sprecher der Armutskonferenz, analysierte die Sozialpolitik und das Gesundheitswesen des Landes, schilderte aber auch persönliche Erfahrungen als „Ausländer“ in diesem Land (er ist, so wie rund 5 Prozent der Bevölkerung, Deutscher): „Als Ausländer bekommt man hierzulande derzeit das Gefühl, dass es nicht weit her sein kann mit der heimischen Kultur. Wie gering muss ihr Selbstwertgefühl sein, wenn sie sich von ein paar Prozent AusländerInnen (einschl. 8,4 % „Islamisten“) ins Bockshorn jagen lässt? Was hat sie wirklich zu bieten, wenn sie sich permanent vor Überfremdung fürchtet? Müssen wir AusländerInnen jetzt auch noch zur Feuerwehr, zur Blasmusik und in den Gesangsverein (wo man uns bisher gerade nicht haben wollte), damit die Heimischen ihre Angst verlieren?“ (KULTUR 7/2011, S. 8)
Gott als Autor
Äußerst vielfältig war das Themenspektrum, mit dem Kurt Greußing die KULTUR bereicherte. Der Sozialwissenschaftler, der u. a. eine Zeit lang Religionswissenschaft unterrichtete (an der Universität Bremen), brachte beispielsweise die Ideologie der wirklichen „Islamisten“ bzw. Dschihadisten auf den Punkt: „Für die narzisstische Selbsterhöhung und das Ego-Boosting sorgt eine religiöse Ideologie, die sich als allen anderen Weltanschauungen und Religionen weit überlegen erklärt und Gott selbst als Autor reklamiert. Diese Ideologie erlaubt, ja verlangt es, die Freiheits- und Lebensrechte all jener, die ihr nicht anhängen oder ihr entgegentreten, zu verneinen. Man muss diese Andersdenkenden oder Gegner unterwerfen, notfalls mit Gewalt und Krieg. Die Ideologie ermöglicht eine Teilung der Welt und der Menschen in ‚Rein‘ und ‚Unrein‘, ‚Gläubig‘ und ‚Ungläubig‘. Und am Schluss winkt eine gerechte, von Konflikten gereinigte Gesellschaft, falls man nicht vorher das Leben für den großen Zweck geopfert und die ultimative Selbsterhöhung im Heldentod gefunden hat“ (KULTUR 10/2014, S. 36 ff).
Greußing blickte aber mitunter auch kritisch auf Vorgänge, die andere voller Selbstlob beschönigten – so wie die große Kulturenquete 2015, die in der KULTUR zuvor in einem Interview vorgestellt worden war, das zwei Organisatoren (Kulturamtsleiter Winfried Nußbaummüller und Peter Niedermair) mit sich selbst führten. Kurt Greußing: „Es war (…) ein Klassentreffen derer, die es in den letzten 30 Jahren an die Subventionströge des Landes geschafft haben und sich von dort nicht mehr vertreiben ließen. Ihre kulturelle Kompetenz konnte man bei Power-Point-Präsentationen bestaunen, die ihnen durch Vorträge im Pecha-Kucha-Format aufgenötigt wurden. Obwohl es Power Point schon seit 20 Jahren gibt, haspelten die meisten Vortragenden einen Text herunter, der mit den Slides nichts zu tun hatte, sodass man sich wie in einem Konzert fühlte, bei dem zwei verschiedene Bands Klassik und Pop zum Besten geben. Lediglich die unaufgeregte Vorarlberger Chefin des Bundesdenkmalamts beherrschte das Medium, indem sie sich damit nicht wichtig machte.“ (KULTUR 2/2015, S. 10).
Kraut und Rüben und Gott und die Welt
Jetzt aber endlich zu jenem Mann, der von Anfang an dabei war und mit seinem breit gestreuten Interesse für ziemlich ungewöhnliche Themen der KULTUR eine spezielle Note verpasste: Kurt Bracharz (1947–2020). Der Bregenzer Schriftsteller, Journalist und Berufsschullehrer stellte zunächst „Neue Bücher“ vor, ehe er sich mit seiner monatlichen Kolumne namens „Spricker“ (den Namen selbst hat er nie erklärt) Kraut und Rüben und Gott und der Welt widmete, wobei die Welt weitaus öfter vorkam als Gott. Er berichtete nicht nur von Reisen und Ausstellungsbesuchen, Einkaufserlebnissen und Flohmarktfunden, sondern auch von TV-Serien, Schallplatten und Zeitschriftenartikeln in Blättern aus den USA oder England. Dazu kamen regelmäßige Rezensionen neuer Krimis und natürlich kulinarische Notizen, die eine Zeit lang sogar eine eigene Kolumne in der KULTUR füllten („Auf der Serviette notiert“). Im „Spricker“ bekamen auch heimische Kunstschaffende immer wieder einmal einen Bracharz’schen Seitenhieb ab – beispielsweise der Künstler FLATZ, als er sich 2010 in Innsbruck den Kopf blutig schlug: „Wäre Flatz auf der Höhe der Zeit, dann hätte er am 10. Muharram beim Ashura-Fest mit den persischen Flagellanten mitdackeln müssen, das ist beispielsweise ein aktuelles Ritual, das zumindest von den Schiiten allgemein verstanden wird, leicht zu paraphrasieren ist und auch zu Flatzens früheren Performances recht gut passen würde. Als Nackerter fern vom Hawelka in einer Innsbrucker Galerie vor dem üblichen, alles mit interesselosem Wohlgefallen als gleichwertig hinnehmenden Kunstpublikum den Wänden entlang zu laufen, dabei aus einer selbst zugefügten Platzwunde an der Stirn zu bluten und das Sprüchlein ‚Schuldig – Nicht schuldig‘ zu intonieren, während er den Kopf gegen Metallplatten schlug, war zwar erkennbar katholisch konnotiert, und damit im immer noch recht heiligen Land Tirol eh am rechten Platz, aber halt doch auch ästhetisch und politisch Schnee von vorvorgestern“ (KULTUR 2/2010, S. 49).
Knallchargen und Knattermimen
Reinhold Bilgeris Verfilmung seines Romans „Der Atem des Himmels“ hat Bracharz offenbar auch nicht begeistert. Sein Vorschlag für eine Fortsetzung klingt jedenfalls nicht ganz ernst gemeint: „Eine Verfilmung unseres Fortsetzungsromans ist in Vorbereitung. Den Erzähler wird Jupp Heesters spielen, für die Rolle der Trulla von Haderlapp wird noch mit einem Rockprofessor verhandelt, den Mondocane soll Johnny Depp mimen (eventuell sein Double Johannes Trottel), die restliche Besetzung wird aus lokal weltberühmten Knallchargen und Knattermimen gecastet, Drehbuch braucht man schon seit Jahren keines mehr, die Regie kann eine fähige Kraft von einem der regionalen Theater übernehmen, wenn keine will, macht es vielleicht der Vilsmaier. Musik: Heribert Wulli, Chansontexte: Chief Lame Gaul. Produktion: wahrscheinlich ORF“ (KULTUR 1/2006, S. 27).
Hin und wieder lag Bracharz gewaltig daneben, etwa, wenn er mehrmals die Verschwörungstheorien eines Israelis wiederkäute, der den St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger, der dutzende jüdische Flüchtlinge vor dem NS-Regime rettete, partout zum Nazi erklären wollte. Da musste ihm auch Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, „brachiale Dusseligkeit“ unterstellen (KULTUR 3/2014).
Im letzten „Spricker“ rezensierte Bracharz das neueste Buch des amerikanischen Autors James Lee Burke mit einem traurigen Fazit: „Der Lektor sollte Burke endlich sagen, dass es höchste Zeit ist, aufzuhören“ (KULTUR 10/2019). Kurt Bracharz hörte von allein auf. Als er im Verlauf einer schweren Erkrankung bereits in der Palliativstation lag, kündigte er im Dezember 2019 per Mail an, dass es „ab Februar nix mehr (wird) mit meinen Beiträgen“. Am 6. Januar 2020 ist er gestorben.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR November 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Das 40-Jahr-Jubiläum der KULTUR-Zeitschrift war auch Thema eines Gesprächs, das Markus Barnay im September mit Peter Füßl im vorarlberg museum geführt hat. Eine leicht gekürzte Aufzeichnung davon ist in unserem Podcast „Kulturstimmen“ zu hören (bei uns auf der Website oder auf Spotify).
Alle Ausgaben stehen in unserem Archiv digital zur Verfügung: www.kulturzeitschrift.at/kultur-archiv
Veranstaltungstipp:
Museum des Wandels: „Peter Füßl – Kulturjournalismus im Wandel von Gesellschaft, Politik und Zeitgeist“
Vernissage: Do, 19.11., 19 Uhr, Schaffarei, Feldkirch