Prinz Grizzley erzählte musikalisch eindrucksvoll die Geschichte seiner Großeltern. (Foto: Daniel Furxer)
Peter Füssl · 25. Sep 2026 · Jubiläum

Vor den Vorhang geholt: Ingrid Bertel

40 Jahre KULTUR: langjährige KULTUR-Schreiber:innen kurz vorgestellt

Ingrid Bertel ist Kulturinteressierten in erster Linie als langjährige Kulturredakteurin im ORF Landesstudio Vorarlberg bekannt. Die gebürtige Bregenzerin ist in Bludenz aufgewachsen und studierte Germanistik und Romanistik in Innsbruck und in Paris, wo sie auch zum Journalismus fand. Politisch sehr interessiert, war Bertel schon sehr früh im Vorfeld der Gründung der Grünen aktiv. Ihren ersten KULTUR-Artikel schrieb sie 1998.

Peter Füßl: Du stammst aus einer sehr kulturaffinen Familie. 
Ingrid Bertel: Mein Vater gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Berufsvereinigung Bildender Künstler:innen und der Bregenzer Randspiele. Er hielt auch enge Kontakte zu den sogenannten Baukünstlern und entwarf, gemeinsam mit Pater Nathanael, ein Kulturprogramm für die Propstei St. Gerold. Meine Mutter interessierte sich vor allem für Theater und Musik und war eine leidenschaftliche Pianistin. Beide haben viel gelesen und mit uns darüber diskutiert. Ich bin ihnen bis heute total dankbar dafür, dass sie mir die Achtung vor dem Schöpferischen von der Wiege an vermittelt haben.
Füßl: Hat während deiner Schulzeit jemand deinen kulturellen Wissensdurst befeuert?
Bertel: Ich hatte das Glück, Musikunterricht bei Gerold Amann zu bekommen – das war einfach wunderbar. Wir haben die ganze Woche auf diese eine Musikstunde gewartet. Und wir haben beim Musiktheater auf der Burgruine Jagdberg mitgemacht und auch als Chor bei Erich Kleinschusters Jazzkonzerten in der Propstei St. Gerold.
Füßl: Was hat dich bewogen Germanistik und Romanistik zu studieren?
Bertel: Das Studium hat sich so ergeben, weil ich einfach gern gelesen habe, ein Berufsziel hatte ich damals überhaupt nicht. Lieber schauen, was passiert.
Füßl: Paris war ja zu allen Zeiten ein intellektueller Hotspot, hat dich jemand besonders beeindruckt?
Bertel: Ich habe in dieser Zeit Pierre Bourdieu für mich entdeckt, einen unglaublich faszinierenden Denker, der mich sehr geprägt hat. Und dann Élisabeth Badinter. Sie hatte gerade ihr Buch über Mutterliebe veröffentlicht, ein sehr kontrovers diskutiertes Buch, weil sie nachwies, dass Mutterliebe nicht instinktiv da ist, sondern kulturell geprägt wird. Diese Debattenkultur und die Entscheidung für das freie, offene Denken, das war sehr belebend.
Füßl: Wie bist du zum Journalismus gekommen?
Bertel: Durch Zufall. Als General Jaruzelski 1981 in Polen das Kriegsrecht erklärte und mit massiven Repressionen versuchte, Solidarność zu zerschlagen, sind viele Polen und Polinnen nach Frankreich geflüchtet. Ich habe dann für diverse Zeitungen Berichte und Interviews übersetzt.
Füßl: Du warst immer schon politisch sehr interessiert.
Bertel: Es gab in den 1980er Jahren einen Kreis von Wissenschaftler:innen rund um den Physiker Jens Scheer. Willi Sieber hat mich mit den Leuten bekannt gemacht. Man traf sich ein oder zwei Mal im Jahr in Mainz oder Rüsselsheim und hat zu vorbereiteten Themen diskutiert. Es war so eine Art Grundlagenprogramm der Grünen, das da erarbeitet wurde.
Füßl: Wie bist du nach deiner Rückkehr nach Vorarlberg beim ORF gelandet?
Bertel: 1986 bot ich dem damaligen Kulturchef des Landesstudios, Leo Haffner, eine Reportage an. Im Industriegebiet „Schweizerhalle“ bei Basel hatte ein Brand des Chemiekonzerns Sandoz eine Giftwelle im Rhein ausgelöst. Nach dieser Reportage aus Basel bin ich so nach und nach in den Beruf reingerutscht.
Füßl: Du bist eine Allrounderin, besonders aber in den Literatur- und Theaterbereich eingetaucht. Gibt es besondere Vorlieben?
Bertel: Ich habe geglaubt, das ORF-Landesstudio ist so winzig klein – es könnte doch ein Experimentierfeld für Journalist:innen sein, ganz besonders in der Kultur. Das war aber nicht so. Die Entwicklung ging zu immer enger gefassten Boomer-Formaten. Die Sachen, die mir am Herzen lagen, fanden kein Interesse. Ich habe sie dann halt selber produziert, z.B. mit Peter Herbert das Album „noch unverletzt“ mit Gedichten von Joseph Kopf. Das haben wir in New York gemacht, und der ORF fand das dann auch interessant.
Füßl: Du hast, teilweise für den ORF, mehrere Dokus gedreht, etwa über den mit dem jüdischen Hohenems verbundenen New Yorker Architekten Ely Jacques Kahn. Liegt dir das filmische Schaffen?
Bertel: Auf Ely Jacques Kahn hat mich Hanno Loewy aufmerksam gemacht. Ich habe Kontakt zu Kahns Familie und seiner Biografin Jewel Stern aufgenommen und in Nikolai Dörler einen Partner gefunden, mit dem ich den Film realisieren konnte. Geschichten wie die von Ely Jacques Kahn kann man eigentlich nur filmisch erzählen.
Füßl: Du bist in Pension, was steht jetzt so alles an?
Bertel: Ich lass mich gerne treiben, denn es entstehen ständig neue Projekte, immer zusammen mit Künstler:innen.
Füßl: Du schreibst seit 28 Jahren in der KULTUR. Welche Bedeutung hat(te) sie für dich?
Bertel: Man sagt ja, dass sich nur ca. 5 % der Menschen für Kultur interessieren, aber das glaube ich nicht. Kultur schafft die weltoffene, menschenfreundliche Atmosphäre, in der alle leben wollen. Die KULTUR-Zeitschrift ist ganz wesentlich, um diese Atmosphäre in Vorarlberg zu erzeugen. Sie schafft eine Art Gespräch, und davon lebt jede Demokratie. Für mich ist es einfach eine Freude, an diesem Gespräch teilzunehmen.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Oktober 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.