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11.10.2016 |  Peter Niedermair

"Maramba" - Ein Theaterprojekt aus den Erzählungen von Paula Köhlmeier in der Inszenierung von Cornelia Rainer im Alten Hallenbad in Feldkirch

Die Regisseurin von „Maramba von Paula Köhlmeier. (k)ein Talent zum Glück“ hat die siebenundvierzig Prosastücke der Schriftstellerin mit den Mitteln des Theaters in eine Bühnenwelt transponiert, sie in faszinierend vielschichtige, speedige polyphone Rollensprachen umgebaut und all dieses Wortuniversum in abwechselnd atemlos hämmernden wie stillen reflexiven Mono-Dialogen inszeniert.

Wie zu ihrer eigenen Bekräftigung werden in den poetischen und gleichzeitig magischen Sprachbildern die gesprochenen Sätze noch einmal in eine Reiseschreibmaschine geklopft, so als wollten die dramaturgisch in zahlreichen Figuren agierenden Schauspielerinnen und Schauspieler die variierenden Themen des Stücks verdichten und wie Epigramme an eine Wand heften, von der man sie nach Gebrauch wieder mitnehmen kann. Dieses multiperspektivische Agieren auf der Bühne wird parallel, doch nicht handlungsident, auf Leinwände projiziert, die an den Rändern des Theaterraums zwischen den Stuhlreihen für das Publikum positioniert sind. At the edge of the chair sitzt man also und schaut multiperspektivisch in ein abwechslungsreiches Geschehen, das um das literarisch-fiktive wie lebens-bezogene Epizentrum Hohenems und andere Orte, die in Paulas Leben eine Rolle spielten, wie Vorarlberg, Wien, LA und Mexiko, wo sie eine Zeitlang lebte.

Weil ich wollte, dass etwas passiert

Neben den Filmprojektionen, die wie gesamt dem aktuell realen Bühnengeschehen ähneln, gibt es den jazzig coolen Kosmos von Charlie Bird Parker und John Coltrane, den beiden legendären US-amerikanischen Jazzgrößen. Ein weiteres dramaturgisches Stilmittel, das gegen jede heutige comme il faut Regelung eingesetzt wird, ist das Rauchen. Alle schauspielernden Figuren paffen im Stück eine Smart Export nach der anderen, als wollten sie die Welt und das Leben doppelt und x-fach inhalieren. All you can smoke.
Anfang der Sechziger Jahre war die Smart Export die zweitbeliebteste Zigarettenmarke, 1968 verdrängte sie die Austria 3 vom ersten Platz, überholt wurde sie von den Hobby. Alle diese Glimmstengel wurden ausschließlich von überzeugten Rauchern geluntet. Die weißen und goldenen Striche auf der schwarzen Packung, der Weltkugel und dem „semper et ubique – immer und überall“ räuchern das Bühnengeschehen in einen globalen Theaterraum.
Die literarische komplexe Welt der Paula Köhlmeier führt zwei Liebende auf einer Straßenbank zusammen, die sich dort küssen wie die „Lovers on a Park Bench“, Text von Samuel Johnson, in der Oper „Einstein on the Beach“ von Phil Glass, uraufgeführt am 10. Feb. 2003 an der Brooklyn Academy of Music. Auf dem Theater bleiben die beiden Küssenden sich jedoch fremde Wanderer, die sich zwar heftig begehren, „zum Fressen gern“, doch kein Talent für die Liebe haben. Diese Textpassagen sind wie echolotende Postskripte aus dem Leben „Woher weißt du das?“ – Sie weiß es „aus Filmen“. Und ob in "Warten auf Godot" ein Wanderer vorkomme und was denn Godot überhaupt sei. „Das ist die Wahrheit.“ Samuel Becketts Stück wurde 1953 im Théâtre de Babylone in Paris uraufgeführt. Lucky verstummt und Pozzo erblindet am Ende.

How much do you love me?

Count the number of stars, measure the waters of the oceans with a teaspoon. Number the grains of sand on the sea shore. Impossible, you say … (Samuel Johnson in „Einstein on the Beach“) Sie mögen Filme, besonders die alten Schwarzweißfilme, die ganz großen am liebsten, weil die fast immer tragisch sind. Und „wenn ich so einen Film sehe, weine ich über den Film, und habe keine Zeit, über mein Leben zu weinen“, sagen Helga und Laura und Sophie. Sie lernen sich in einem Plattenladen kennen, wie in einer der Geschichten von Paula Köhlmeier, in der beide Musik lieben. Sie unterhalten sich über Charlie Parker und John Coltrane. Beide kaufen dasselbe Album. Ein Zufall, aus dem ein Gespräch wird. Doch es ist eben kein Zufall, denn sie lieben sich. Und die Liebe ist so heftig, dass er fast an ihrem Feuer verbrannt wäre.
Im Verlauf des schauspielerisch exzellenten Spiels aller fünf Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne – Sophie  Aujesky, Laura Mitzkus, Helga Pedross, Andreas Schwankl, Rouven Magnus Stöhr – fragmentieren sich Sätze zu einer Spiegelgeschichte oder steigern sich ins beinahe Surreale. Die Blicke der Theaterbesucher wandern mit den Fragen, die das Stück aufwirft, über das Glück und die Ehe. „Bist du glücklich?“ Helga: „Wir sind glücklich. Mein Mann sagt: Wir sind glücklich, und ich verlasse mich auf das Glück. Ich bin froh, dass er sich darum kümmert. Ich habe wenig Wünsche.“

What sort of story shall we hear?

Ein zentrales Thema der Geschichten, die von Verlangen, von Begehren und Sehnsucht, Schmerz und Verletzungen handeln, ist das Glück. Die Suche nach Glück. Wenn man es nur definieren könnte. Es ist eine Wahrheit mit Lücken. In einen Spiegel geblickt, die körpergroßen gehören sowieso verboten, denn es geht um bedingungslose Liebe und gleichzeitig um die Angst allein zu sein. Für die schauspielenden Frauen wie die Männer. „Hier ist es mir zu kalt“, wie bei Peter Bichsel. „Gibt es ein Meer in Mexico?“ Auf beiden Seiten eines. Doch im Stück gibt es einseitig geschlechtszuordenbare Häufigkeiten. Wenn man „sich die Zigarette bei seiner Frau anzündet und bei der Geliebten fertig raucht“.
Andreas: „Im Herzen waren sich die Frau und der Mann sehr nahe. Aber die Umstände machten kein Paar aus ihnen.“ Sophie: „Sie sagte die falschen Worte, Andreas: und er hatte Angst einen Schritt zu tun.“ Die Figuren sehnen sich nach goldenen Händen, nach der  goldenen Kugel. Wie im Märchen vom Froschkönig. Dort donnert die Prinzessin den ekligen Frosch an die Wand, wird nicht bestraft dafür, sondern erhält noch einen Prinzen und die goldene Kugel zurück. Doch in „Maramba. (K)ein Talent zum Glück“ lassen letzten Endes die Figuren in ihren Konstellationen niemanden an ihr Herz. Und verlieren sich aus den Augen.
Auf einer dramaturgischen Ebene geht es um das Sowohl-als-Auch, das Anziehen und Wegschieben, wie Helga sagt: Ich brauche keinen Mann, der sich um mich kümmert. Andreas: Warum? Helga: Keinen Mann, der mir Brote wie Schiffchen in den Mund stellt, so dass ich sie nur runterschlucken muss.  In diesen sich variantenreich wiederholenden Positionen wirkt das Stück dramaturgisch, messerspitzenscharf und aufgekratzt, wenn der Text und das Agieren rhetorisch zwischen Klage und Anklage changiert. Da bricht die dialogische Struktur auf und die monologisierten Passagen „Wir gaben uns Mühe, glücklich zu sein“ sind auch ein Aufbegehren gegen die Wirkmächte des Gewohnten und Alltäglichen. „Maramba“, sagt das Stück – „… bedeutet alles und nichts. Es ist ein Wort, das es nicht gibt und das genau dadurch zu einer ganzen Stadt wachsen kann. Eine Stadt mit vielen Lichtern, kühler Luft und einer eigenen Sprache.“

Musik am Wasser und Henri Matisse‘ „Jazz“

Die Geschichten der Paula Köhlmeier werden an diesem Abend lebendig, tosend wie das Meer zwischen Acapulco und Salina Cruz am Pazifischen Ozean und Cancún und der Isla Mujeres auf der Halbinsel Yucatán. Und zischend zwischen den Weltmeeren wie der vulkanisch rauchende Berg Popocatépetl, auch El Popo oder Don Goyo genannt. Mit Paulas Erzählungen werden wir als Zuschauer gewahr, dass man mit jeder Geschichte weniger verschwommen wird und dass wir an diesem Abend im Theater des Alten Hallenbads, wie es Brigitte Walk wiederholt seit vielen Jahren uns dort und andernorts vorführt und wie es Cornelia Rainer in einer, ich muss es an dieser Stelle sagen, genialen Inszenierung macht, Zeugen einer bedeutenden Inszenierung werden.
Hier macht Theater das Eigentliche des Theaters. Archaisch wie bei den Griechen und absolut modern in einem zeitlosen, hier passt das Wort, Duktus: „Wir beschreiben Menschen. Um zu wissen, wer wir sind“, lässt Cornelia uns über Paula Köhlmeier wissen, „dass man Glück nicht befehlen kann“ und dass die Liebe ein Kind der Freiheit ist, möchte man hinzufügen. Und Paula mit ihren Geschichten, wie sie auf der Bühne des Alten Hallenbades in Feldkirch in Theater übersetzt sind, wusste um den Unterschied, wenn es um die bedingungslose Liebe geht. Sophie: Ein Erwachsener liebt nicht bedingungslos. Laura: Wie denn? Helga: Er liebt einfach. Jetzt und in der nächsten Zeit. Die Wörter des Stücks breiten sich am Ende über Hohenems hinaus aus. Im Video sagt R: Die Schuhbänder vergraben wir in der Erde. Damit sie niemand klaut. Auch wenn das Herz in Wirklichkeit so dünn ist wie ein Blatt Papier.

„I’m too young to feel so old“

singt Rouven am Ende. Und Andreas sagt: „Wien ist zu groß, um sich zufällig zu treffen.“ Worauf Helga sagt: „Bei mir zu Hause in Vorarlberg treffe ich jeden Tag Menschen zufällig. Ich treffe sogar jene Menschen jeden Tag, die ich nicht sehen möchte. Und es ist kein Zufall. Sie sind hier, und ich bin auch hier.“ Die Figuren des Stücks agieren wie El Popo oder Don Goyo, wie Vulkane oder wie Zigaretten, die an beiden Enden brennen. Am „Bilder“-Rahmen dieses Abends sind Beteiligte: Stefan Olivier Kamera; Tong Zhang / Andreas Rambach / Wolfram Reiter Ton; Sarah Mistura / Kathi Koutnik / Tobias Meier Schnitt; Kirstin Tödtling Videotrailer; Wolfgang Streiter / Florian Herschel Technik; Suzie Lebrun Regieassistenz; Ayman Jondi Maske; Roland Adlassnigg Requisite; Nicole Wehinger / Brigitte Walk Produktionsleitung.
Ganz am Ende sagt Helga noch: „Alles beginnt“, wie der Titel einer Geschichte von Paula heißt. Und am Ende freut man sich mit einer Träne von Glück, dass Paula Köhlmeier uns so schöne Geschichten geschenkt hat. Und man möchte am Ende nicht aufstehen und weggehen, weil dieses Stück Theater so viele Facetten in einer ganz eigenen Sprache in die Welt bringt und unter die Haut geht. So wie man einen Stern zu den Sternen am nächtlichen Himmel dazustellt. „Maramba. Nennen wir unsere Beziehung: Maramba.“ Hätte ich fast gesagt. Für Paula Köhlmeier war das Schreiben eine Form zu existieren, wie das Unterwegssein eine Form zu leben war. Cornelia Rainer und das schauspielende Ensemble haben den Kosmos der Paula Köhlmeier zum Leben beatmet. Atemlos. Manchmal mit dem Duft von Mangobäumen.

Weitere Aufführungen: 11. / 12. / 13. / 14. / 15. / 16. Oktober, jeweils 20 Uhr
Altes Hallenbad, Feldkirch
Karten: V-Ticket.at

Impressionen von der Aufführung von Paula Köhlmeiers "Maramba. (k)ein Talent zum Glück" im Alten Hallenbad in Feldkirch

Impressionen von der Aufführung von Paula Köhlmeiers "Maramba. (k)ein Talent zum Glück" im Alten Hallenbad in Feldkirch

Fotos: Mark Mosman

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