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24.08.2016 |  Mirjam Steinbock

Die Saat geht auf – mit „Gala“ feiert das Tanz fördernde Festival TanzPlan Ost in St. Gallen schillernd und sehr berührend seinen Tourneestart

In der Lokremise wurde am Dienstagabend das biennal stattfindende und in der Schweiz einzigartige Tourneeformat TanzPlan Ost eröffnet. Neun Kompanien an sieben Spielorten - damit werden die Ostschweiz und das Fürstentum Liechtenstein sieben Wochen lang mit dem Thema „Multi-Lokalität“ bespielt. Das Programm findet nicht nur in den jeweiligen Theatern statt, die beteiligten Tanzkünstlerinnen und -künstler begeben sich auch auf die Straße, in den öffentlichen und manchmal auch privaten Raum. Sie pflanzen sich quasi ein in den Alltag. „Ich sehe alles als einen Samen in einem sehr speziellen Garten“, beschreibt es die neue künstlerische Leiterin des Festivals, Simone Truong. Einen regen Austausch zwischen Jungen und Etablierten anzuregen, sei ihr wichtig. Und auch, transparent zu machen, was es bedeutet, lokal und regional tanzschaffend zu sein. Dass sie Jérôme Bels Tanzstück „Gala“ für die Eröffnung wählte, unterstreicht ihr Vorhaben.

Seit 2015 ist das Stück auf Tournee im europäischen Raum und feiert seitdem ständig Premiere, da die fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer jeweils vor Ort engagiert werden. Beim TanzPlan Ost sind es Menschen aus allen beteiligten Kantonen, die in einer Probenzeit von rund fünf Tagen auf ihren Auftritt vorbereitet wurden. Die Unterschiedlichkeit der Tanzenden bezogen auf Alter, Tanzniveau, Herkunft, Kleidung und Ausdruck ist offensichtlich und soll wohl genau in dieser Vielfalt wahrgenommen werden. Zu Beginn stellen sich alle Mitwirkenden, einander folgend, dem Publikum mit zwei Drehungen vor. Entsprechend der tänzerischen Bildung der Beteiligten gleicht dabei keine Drehung der anderen. Es wird schnell klar: Erfolg und Scheitern geben sich bei diesem Stück ständig und selbstverständlich die Hand. Den Zuschauenden eröffnet sich im Folgenden die Welt des Tanzes. Ballett und Walzer, Gesellschaftstanz und Improvisation, der Tanz solistisch und in der Kompanie ausgeführt. Begleitet von klassischer und populärer Musik sowie Stille gibt das Adhoc-Ensemble eindrücklich zum Besten, was es bedeutet, sich zu exponieren und wie schmal der Grat zwischen Können und Unvermögen ist.

Individuell bleiben in der Gemeinschaft


Das Publikum, anfangs noch zurückhaltend, kommentiert die unterhaltsamen, manchmal absurd wirkenden Tanzszenen schließlich mit unverhohlenem Lachen. Sehgewohnheiten stellt Jérôme Bel schlicht auf den Kopf. Hier steht die tanzende Persönlichkeit, nicht eine Kunstfigur im Rampenlicht. Eben noch im Privaten nimmt sie das Publikum ernst und ist bei aller Individualität doch fähig, sich in der Gemeinschaft zu entfalten. Es ist der Sensibilität des erfahrenen Choreographen zu verdanken, dass das Ensemble von „Gala“ nie vorgeführt oder der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern vielmehr in seiner Ganzheit und Schönheit dargestellt wird. Jérôme Bel spielt geradezu vergnügt mit den Stereotypen um Tanz und hält den Zuschauenden dabei einen wohlwollenden Spiegel vor. Das begeistert die einen und irritiert die anderen. Fakt ist aber, in Zeiten wie diesen könnte ein Stück wie „Gala“ nicht passender sein. Es zeigt auf der Bühne ganz direkt und ungekünstelt, was uns einander näher bringt und schließlich auch versöhnt: abschauen, nachmachen und lernen. Wunderbar einfach sieht das aus und doch ist klar, wie durchdacht sowohl Konzept wie Dramaturgie sein müssen und wie viel Mut es braucht, sich derart zur Schau zu stellen. Aber das alles erzeugt in vielen Szenen Gänsehaut und begeisterter Applaus belohnt die couragierten Tänzerinnen und Tänzer. So startete der ausführende Verein des Festivals, die ig tanz ost, gelungen und mit bester Aussaat in die Tournee 2016. Es ist den Beteiligten des Festivals zu wünschen, dass sich für die umsichtige Verwebung internationaler Produktionen mit lokal entwickelten Tanzstücken und attraktiven Vermittlungsprojekten ein zahlreiches Publikum einfindet und sich viele Gespräche entwickeln rund um Tanz und seine unvergleichlich verbindende Wirkung.

 

Die Tanzstücke des TanzPlan Ost:
Jérôme Bel «Gala», Bufo Makmal «ALL.ES», Panorama Dance Theater «HOPE», Mir-Jam «Layer by Layer - into the vague», Simon Mayer «SunBengSitting», Diane Gemsch «NaNa», Reut Shemesh «LEVIAH», Lucie Tuma «Volkskörper#1: Solo für alle», Jérôme Bel «Cédric Andrieux».

Die Bühnen:
Lokremise St. Gallen (23. bis 25. August), TanzRaum Herisau (2. bis 3. September), Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell (9. September), Tanzhaus Zürich (16. bis 17. September), TAK Theater Liechtenstein (4. bis 5. November), Tanzfestival Winterthur (17. bis 19. November), Theater Chur (25. bis 26. November).

Details und Karten: www.tanzplan-ost.ch

"Gala", das Tanzstück des französischen Choreografen Jérôme Bel mit Laien wie Profi-TänzerInnen eröffnete das Festival | ©Josefina Tommasi

"Gala", das Tanzstück des französischen Choreografen Jérôme Bel mit Laien wie Profi-TänzerInnen eröffnete das Festival | ©Josefina Tommasi

Der Oberösterreicher Simon Mayer zeigt beim TanzPlan Ost sein Solo "SunBengSitting" | ©Anna M. Fiala

Der Oberösterreicher Simon Mayer zeigt beim TanzPlan Ost sein Solo "SunBengSitting" | ©Anna M. Fiala

"Cedric Andrieux", ein Stück mit dem gleichnamigen Tänzer und ehemaligen Mitglied der Merce Cunningham Kompanie | ©Marco Caselli

"Cedric Andrieux", ein Stück mit dem gleichnamigen Tänzer und ehemaligen Mitglied der Merce Cunningham Kompanie | ©Marco Caselli

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  • "Gala", das Tanzstück des französischen Choreografen Jérôme Bel mit Laien wie Profi-TänzerInnen eröffnete das Festival | ©Josefina Tommasi "Gala", das Tanzstück des französischen Choreografen Jérôme Bel mit Laien wie Profi-TänzerInnen eröffnete das Festival | ©Josefina Tommasi
  • Der Oberösterreicher Simon Mayer zeigt beim TanzPlan Ost sein Solo "SunBengSitting" | ©Anna M. Fiala Der Oberösterreicher Simon Mayer zeigt beim TanzPlan Ost sein Solo "SunBengSitting" | ©Anna M. Fiala
  • "Cedric Andrieux", ein Stück mit dem gleichnamigen Tänzer und ehemaligen Mitglied der Merce Cunningham Kompanie | ©Marco Caselli "Cedric Andrieux", ein Stück mit dem gleichnamigen Tänzer und ehemaligen Mitglied der Merce Cunningham Kompanie | ©Marco Caselli