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17.07.2017 |  Ingrid Bertel

Elfmeterschießen mit Ingeborg - Autoren schreiben übers Kicken

Wenn Autoren kicken, dann schreiben sie auch darüber. In der Anthologie „Gegen den Ball“ absolvieren sie 26 Länderspiele und schreiben darüber 547 Beiträge. Viele und vor allem die lustigsten stammen von Christian Futscher.

Im Februar 2006 ist Christian Futscher top motiviert: „Tägliches Lauf- und Krafttraining ist angesagt…“ Die Einstellung des leidenschaftlichen Fußballers passt also. „Und was alles andere anbelangt, eben Ausdauer, Schusskraft, Technik usw., daran wird gearbeitet ohne Unterlass, wo ich gehe und stehe, sogar im Liegen, weil da arbeite ich mental.“ Grund für dieses Engagement ist die Gründung der ersten österreichischen Autorenmannschaft. Die kann vielleicht mit der Nationalelf nicht ganz mithalten, aber auch sie bestreitet regelmäßige Länderspiele. Das bislang letzte fand 2016 gegen Italien statt, das erste 2006 gegen Ungarn, quasi in Wunderteam-Stimmung. Der Papierene schaute oba, und Péter Esterházy sprach gelassen: „… ich spiele Fußball, seitdem ich denken kann, und das Schreiben ist irgendwie geworden.“

Viel zu entdecken

Nebenbei verräumt Esterházy beliebte sozikulturelle Legenden: Armut und Unterdrückung sollen für den Fußball belebend sein? „Meiner Meinung nach erfüllt schon ein solcher Satz die Dimensionen des Selbstmitleids“. Und Christian Futscher, nach einem Freundschaftsspiel: „Ich fand mich nicht schlecht, aber ein neunjähriger Junge, den ich nach meinem Einsatz fragte, wie ich gespielt habe, antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Schlecht!“ – Na ja, Kinder haben eben keine Ahnung, tun gern provozieren und sind oft unausstehlich.“

Wolfgang Bortlik kommentiert das Länderspiel Österreich – Schweiz mit historischer Tiefenschärfe: „Beim legendären Elfmeterschießen zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann … obsiegte … die Schweiz. Der Zürcher Architekt war eindeutig weniger hysterisch in der Kiste und traf auch den Massengeschmack besser.“

Gerhard Ruiss und Thomas Schafferer dichten, Falko Henning erzählt eine kleine Geschichte des Fallrückziehers, Clemens Berger weiß, was man als Fußballer alles nicht machen darf und freut sich über Mario Balotelli, der sein Trikot hochzieht: Auf dem T-Shirt darunter ist zu lesen „Why always me?“ Christian Futscher fragt sich das nicht, sondern überlegt, ob er mit Doping besser in Form käme als mit Training. „… ich würde was schlucken, so viel Patriotismus muss sein.“ Es gibt Beiträge aus England, Israel, Italien, Schweden, der Schweiz, der Türkei, der Slowakei, Ungarn, Slowenien, Deutschland und Österreich. Und es gibt wahrhaft viel zu entdecken, wenn Autoren kicken. Der Verlag trägt nicht umsonst den Namen Sisyphus.

 

Kurt Leutgeb, Thomas Pöltl, Gerhard Ruiss (Hg.), Gegen den Ball. Wenn Autoren kicken, 566 Seiten, € 29,60,-,ISBN 978-3-903125-13-1, Sisyphus Verlag 2017

 

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