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26.10.2015 |  Markus Barnay

„Sterbstund“ - Ausstellung und Publikation über den Umgang mit dem Tod

Der Tod ist derzeit allgegenwärtig: Im Mittelmeer ertrinken die Verzweifelten, die auf der Flucht vor Hunger und Krieg das eigene Leben riskieren. In Syrien sterben täglich Dutzende, die von den Raketen des Assad-Regimes oder den bestialischen Ritualen des sogenannten „Islamischen Staates“ getroffen werden. In der Türkei sterben über hundert Menschen bei einem heimtückischen Bombenanschlag auf eine Friedensdemonstration, in Afghanistan bombardiert die US-Luftwaffe ein Spital, in Nigeria, Libyen, Irak, Sudan, Mexiko und diversen anderen Ländern sterben täglich Menschen im Zuge von bewaffneten Konflikten. Die Nachrichten sind voll von Tod und Sterben.

Der Tod ist allgegenwärtig – und unsichtbar


Doch Tod und Sterben sind für uns weitgehend unsichtbar: Wenn wir im Fernsehen Leichen sehen, dann handelt es sich meistens um einen Krimi. Und wenn jemand aus dem eigenen Umfeld stirbt, sieht man im Normalfall einen Sarg und eine Todesanzeige – und selbst da werden die Toten immer öfter so lebendig, dass die Angehörigen statt neuerer Fotos solche aus der Jugend oder wenigstens aus den scheinbar besten Jahren veröffentlichen. Direkt mit dem Tod konfrontiert werden höchstens noch die nächsten Verwandten.

Rita Bertolini greift also zweifellos ein Tabu auf, wenn sie in ihrer jüngsten Publikation „Sterbstund“ den Tod und das Sterben zum Thema macht: In früheren Zeiten hatten Sterben und Tod ihren festen Platz im Kreise der Familie. Es war ein Vorgang, der zum Leben gehörte, ein Teil des gesellschaftlichen Bewusstseins. Alltägliche Gebete wurden meist mit der Bitte um eine glückliche Sterbstund abgeschlossen, und kam der Tod, stellte er ein besonderes und feierliches Ereignis dar. Familienangehörige, Freunde und Nachbarn versammelten sich im Sterbezimmer, der Sterbende konnte von seinen Mitmenschen Abschied nehmen. Heute werden sie in Spitäler und Hospize gebracht, der Tod ist weitgehend unsichtbar geworden. Er ist nicht mehr, wie früher, ein Teil des Lebens. Er ist der gründlich tabuisierte Störenfried in einer Atmosphäre allseits verordneter und propagierter Genuss- und Lebenslust.”

Literarische Verarbeitung persönlicher Dramen


„Sterbstund“ nähert sich dem Thema auf vielfältige Weise - historisch, kunsthistorisch, philosophisch, ethnologisch und vor allem auch persönlich. Gleich drei AutorInnen schreiben über ihren Umgang mit dem Tod engster Angehöriger: Ingrid Bertel lässt in ihrem klugen Essay über das Sterben ihres Vaters so oft den Leiter der Hohenemser Palliativstation zu Wort kommen, dass man fast den Eindruck bekommt, sie sehnte sich nach dessen distanziert-mitfühlender Rolle als Arzt, um ja nicht an irgendeiner Form des Pathos zu streifen. Wenn es aber um den Tod des eigenen Kindes geht, wie in den Auszügen aus den Büchern von Monika Helfer und Wolfgang Hermann, ist das Drama ohnehin so greifbar, dass man ihnen auch Übertreibungen nachsehen würde. Stattdessen darf man hier aber mitverfolgen, wie zwei hervorragende Schriftsteller in ihrem jeweils ganz eigenen Stil das Unfassbare in Worte zu fassen versuchen.

Tote Kinder als alltägliche Erfahrung?


Ja, das Unfassbare: Auf den Seiten vor und nach den beiden Beiträgen von Helfer und Hermann sehen wir unzählige Fotos von toten Kindern aus allen möglichen Teilen Vorarlbergs – und begreifen bald, dass das nicht nur Belege für einen anderen Umgang mit dem Tod sind, sondern vor allem auch Zeugnisse dafür, dass das Sterben von Kindern in den ersten Lebensjahren früher geradezu alltäglich war. Es war denn auch ein Foto, das im Haus ihrer Großmutter hing und deren früh verstorbene Geschwister am Tag nach ihrem Tod zeigt, das Ausgangspunkt von Rita Bertolinis Buch- und Ausstellungsprojekt wurde.

Vielleicht hängt das Verschwinden solcher Traditionen also auch mit dem Verschwinden des Anlasses zusammen, der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit? Ute Pfanner, die Kunsthistorikerin des vorarlberg museums, die das „Sterbstund“-Projekt gemeinsam mit Rita Bertolini entwickelte, zeigt in ihrem Essay über den Tod in der Fotografie aber, dass auch diverse andere Rituale aus der Mode gekommen sind – von den Totenmasken über die Post-mortem-Bilder in Medaillons bis zur Aufbahrung der Toten im eigenen Haus. Und auch Rita Bertolini berichtet von der Selbstverständlichkeit, mit der man im Bregenzerwald noch bis in die 1970er-Jahre soeben verstorbene Nachbarn, Bekannte und auch einfach Bewohner desselben Dorfes am Totenbett besuchte und damit den Angehörigen Trost spendete.

Kooperation mit dem vorarlberg museum


Entstanden sind Buch und Ausstellung in einer Kooperation zwischen Rita Bertolini und dem vorarlberg museum. Dort (und danach im Heimatmuseum Schruns und im Huber Hus in Lech) werden einige der Fotos und Zeichnungen die das Buch illustrieren, im Atrium ausgestellt – zum Teil hinter Vorhängen („Versehtüchern“), die natürlich mit der Frage des Sichtbaren/Unsichtbaren, mit Verdrängen, Ausblenden und der Neugierde der BesucherInnen spielen. Dazu kommen Objekte wie ein historischer Leichenwagen aus der Sammlung des vorarlberg museums sowie Sterbekleider, Gedenktafeln und Votivgaben. Und sowohl der Direktor des Museums, Andreas Rudigier, als auch die zuständige Ethnologin, Theresia Anwander, sind im Buch mit Beiträgen vertreten – zu den sichtbaren Zeichen von Sterblichkeit bzw. den Versuchen, auch nach dem Tod in Erinnerung zu bleiben, der eine, zu den historischen Abschiedsritualen die andere.

„Wer sich das Leben nimmt, will nicht sterben, sondern kann so nicht weiterleben.“


Weitere, fast durchwegs prominente, AutorInnen sind Thomas Schiretz (mit einem Aufsatz über die „Totentänze“, dem Thema seiner Diplomarbeit), Maria Rose Steurer-Lang und Martina Mätzler (über die „Stuche“, das Trauertuch der Bregenzerwälder Tracht), Friedrich Juen und Michael Kasper (über die Verbreitung von Sterbebildern) sowie Albert Lingg, der in seinem Beitrag über Menschen, die sich selbst töten, darauf hinweist, dass diese Menschen „eigentlich nicht sterben (wollen), sondern so nicht weiterleben (können).“
Rita Bertolini selbst schrieb neben der sehr persönlichen Einleitung auch einen Essay über die Heiligen Gräber, also die Darstellungen des Grabes Jesu. Die Rolle der Religion im Umgang mit Tod und Sterben wird natürlich in einigen Beiträgen thematisiert, schließlich hängt das Verschwinden vieler Bräuche und Rituale wohl auch mit dem Bedeutungsverlust der Kirche zusammen.

Besonders interessant sind Verweise auf Vorgänge, die im Mittelalter stattfanden, die einem aber auch heute seltsam bekannt vorkommen – etwa wenn Thomas Schiretz in seinem Aufsatz über die „Totentänze“ den Vorgang schildert, wie die städtische Gesellschaft, nicht nur den Tod aus der Öffentlichkeit verbannte, sondern auch die „unnützen“ Elemente von den produktiven Gliedern der Gesellschaft zu trennen: “So wurden Bettler, Dirnen und Krüppel durch Gesetze an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Sie durften sich nur noch an bestimmten Stellen der Stadt aufhalten, und erstmals gab es auch Vorschriften für Beerdigungen.”

Die Kunst zu leben


Im Dezember 2012 erfuhr Rita Bertolini, dass ihre Bauchspeicheldrüse einen bösartigen Tumor gebildet habe. Sie gehört zu den zehn Prozent der Betroffenen, die angesichts dieser Diagnose noch operiert werden konnten, und deren Lebenserwartung daher – vom damaligen Zeitpunkt aus gerechnet - mindestens sechs Monate betrug. Inzwischen sind fast zwei Jahre vergangen, und in dieser Zeit hat die Grafikerin, Autorin und Verlegerin – neben Chemotherapie und anderen Prozeduren, denen sie sich laufend unterziehen muss - gezählte sieben Bücher publiziert. Im jetzt erscheinenden achten Buch zitiert sie Apple-Gründer Steve Jobs, der im Oktober 2011 an den Folgen einer Krebserkrankung starb: „Die Überlegung, dass ich bald tot sein werde, ist für mich die wichtigste Hilfe bei den wirklich großen Entscheidungen im Leben. Denn fast alles – anderer Leute Erwartungen, Stolz, Versagensangst – wird im Angesicht des Todes unwichtig, es bleibt nur, was wirklich wichtig ist. Wer bedenkt, dass er sterben wird, fällt nicht der Illusion anheim, er habe etwas zu verlieren. Man ist sowieso nackt. Es gibt keinen Grund, nicht der Stimme des Herzens zu folgen. Vielleicht erklärt das ein wenig, warum Rita Bertolini ihrem Buch über den Tod und das Sterben in ihrem Verlagsprospekt noch einen weiteren Untertitel hinzufügte: „Die Kunst zu leben.“ Oder, wie sie selbst im Gespräch hinzufügt: “Das Sterben ist die letzte große Prüfung des Lebens.”

 

Ausstellung „Sterbstund“
vorarlberg museum, Atrium: 29.10. - 22.11.
Montafoner Heimatmuseum Schruns: 27.11. - 1.4.2016
Lechmuseum: 17.6.2016 - 30.4.2017

Rita Bertolini (Hg.), Sterbstund, Hardcover, 284 Seiten, € 24,00, ISBN 978-3-903023-09-3, Bertolini Verlag, Bregenz 2015

Totenbild Felder-Kinder - Hubert Hermann und Helene Maria Felder starben in der Nacht auf den 27. Mai 1926; ihre Schwester bewahrte das Foto zeitlebens auf © Fam. Felder

Totenbild Felder-Kinder - Hubert Hermann und Helene Maria Felder starben in der Nacht auf den 27. Mai 1926; ihre Schwester bewahrte das Foto zeitlebens auf © Fam. Felder

Leichenzug Jodok Fink 1929      © Bregenzerwald Archiv

Leichenzug Jodok Fink 1929 © Bregenzerwald Archiv

Grabstätte Familie Fritz, Bartholomäberg (auch die Totgeburten gehörten zur Familie) © Rudolf Sagmeister

Grabstätte Familie Fritz, Bartholomäberg (auch die Totgeburten gehörten zur Familie) © Rudolf Sagmeister

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  • Totenbild Felder-Kinder - Hubert Hermann und Helene Maria Felder starben in der Nacht auf den 27. Mai 1926; ihre Schwester bewahrte das Foto zeitlebens auf © Fam. Felder Totenbild Felder-Kinder - Hubert Hermann und Helene Maria Felder starben in der Nacht auf den 27. Mai 1926; ihre Schwester bewahrte das Foto zeitlebens auf © Fam. Felder
  • Leichenzug Jodok Fink 1929      © Bregenzerwald Archiv Leichenzug Jodok Fink 1929 © Bregenzerwald Archiv
  • Grabstätte Familie Fritz, Bartholomäberg (auch die Totgeburten gehörten zur Familie) © Rudolf Sagmeister Grabstätte Familie Fritz, Bartholomäberg (auch die Totgeburten gehörten zur Familie) © Rudolf Sagmeister