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16.01.2014 |  Gunnar Landsgesell

12 Years a Slave

Der bislang beste Film zum Thema: "12 Years a Slave" ist die beeindruckend verfilmte Leidensgeschichte eines schwarzen Bürgers (Chiwetel Ejiofor), der 1841 in Washington entführt und als Sklave nach Georgia verkauft wurde. Wenn es Gerechtigkeit gibt, gewinnt dieser Film alle seiner neun Oscarnominierungen.

Wie sich Perspektiven wenden: Wurde in die USA verschleppten Afrikanern der Status des Menschen abgesprochen, so müssen die Weißen aus der Sicht des versklavten Solomon Northup selbst ihre Menschlichkeit verspielen. „12 Years a Slave“ beschreibt ohne Umschweife ein perverses Gesellschaftssystem, das ökonomische Interessen sicherte, indem auch Menschen zum Eigentum erklärt werden konnten. Regisseur Steve McQueen („Hunger“) wählte als Vorlage eine jener authentischen Aufzeichnungen, in der befreite Sklaven ihren Leidensweg beschrieben. Der schwarze Bürger und Familienvater Solomon Northup wurde 1841 in Washington DC entführt und von Sklavenhaltern in den Deep South nach Georgia verkauft. Erst 12 Jahre später gelang die Befreiung. McQueen versteht seinen Film als Beitrag zur Geschichtsschreibung, und er hat recht: vom zwiespältigen Stummfilmklassiker „Uncle Toms Cabin“ über die Blaxploitation-Phase („Mandingo“) bis zu wohlmeinenden Epen wie Spielbergs „Amistad“ oder dem selbstzweckhaft ironischen „Django Unchained“ gibt es kaum einen filmischen Beitrag, der sich unverstellt des bis heute schwierigen Themas annimmt. Dass mit McQueen ein schwarzer Brite und kein Amerikaner die Regie übernahm, dürfte kein Zufall sein.

Erlaubnis zum Geigenspiel

Der Film folgt hart den Wegen seiner Hauptfigur, die Chiwetel Ejiofor glaubhaft zwischen Resignation und Aufbegehren verkörpert. Von einem Sklavenhalter zum nächsten verkauft, verändert sich sein Los nur graduell: der erste Besitzer klagt vor allem über seine eigenen ökonomische Zwänge, die er eben abwälzen müsse, während ein späterer Herr (Michael Fassbender) seinen Sadismus mit der Peitsche an Männern und Frauen auslebt. So unerträglich einige Gewaltszenen auch sind, so schlüssig hat McQueen sie in diesen Südstaatenkosmos eingebettet. Starre Hierarchien auch für Frauen und untergebene Weiße gehören ebenso dazu wie das gesellschaftliche Bekenntnis zur Sklaverei. Die Angst vor einer Befreiung und dem damit folgenden ökonomischen Untergang war nicht unberechtigt. Was es heißt, als Sklave auf der untersten sozialen Stufe zu stehen, lässt McQueen bis in kleine Details aufscheinen. Northrup, der selbst seines Namens beraubt wird und fortan Platt heißt, muss verheimlichen, dass er des Lesens und Schreibens mächtig ist. Sklaven war Bildung bei Todesstrafe verboten. Als er sich aus Blaubeeren Tinte zieht, um einen Brief an seine Familie zu schreiben, bedeutet das fast sein Ende. Obwohl McQeen von der bildenden Kunst kommt und in seinen ersten beiden Spielfilmen „Hunger“ und „Shame“ auch einige formale Ausflüge unternahm, bleibt „12 Years a Slave“ zielgenau auf Kurs. Die tägliche Arbeit auf der Plantage, kleine Vergünstigungen wie die Erlaubnis zum Geigenspiel, systematische Degradierung und lebensnotwendige Selbstdisziplinierung, all das fügt McQueen zu einem Bild der Sklaverei, wie man es im Kino noch nicht gesehen hat. Für einen Historienfilm wirkt „12 Years a Slave“ zudem ungemein aktuell. Sicherlich einer der stärksten Filme dieses Jahres.

Kurzes Familienglück: Keine Geschichte großer Sentimentalitäten.

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Wie funktionierte die Sklaverei als System? Steve McQueen zeigt es.

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