Authentizität in Mundart und gemeinschaftliche Beleidigungen
Jimmy Schlagers „Lästerlieder“
Das unterhaltsame Programm des Kabarettisten Jimmy Schlager fand in Wohlfühlatmosphäre im TiK Anklang.
Wenn das Publikum bis auf den Gang hinaus Platz sucht und der ganze Saal gemeinsam singt, dann hat Jimmy Schlagers Kabarett im Weinviertler Dialekt wohl auch in Dornbirn richtig gezündet.
Anekdoten in Wohnzimmeratmosphäre
Der sympathische Unterhalter Jimmy Schlager versteht es, von Anfang an den Raum für sich einzunehmen. Mit seiner warmherzigen, bodenständigen Art verbreitet er in dem gemütlich eingerichteten Saal des Theaters im Kopfbau eine vertraute, wohlige Stimmung, die sich weniger nach einer Bühne und mehr nach einem Wohnzimmer anfühlt. Einem Wohnzimmer mit einer Gitarre und einem Keyboard.
In diesem Rahmen erzählt Jimmy Schlager aus seinem Leben, von verschiedenen Beziehungen, von Reisen in unterschiedliche Länder, von Verwandten und deren Schildkröten. Das Publikum kann dabei auch noch etwas lernen, zum Beispiel dass Politiker immer dann ehrlicher werden, wenn sie unter Druck zum Dialekt wechseln. Dabei hat der Kabarettist immer ein Schmunzeln auf den Lippen und ein Zwinkern in den Augen. Begleitet wird er dabei auf dem Keyboard von Chris Heller.
Musikalisch
Während des ganzen Sets motiviert Jimmy Schlager immer wieder zum Mitsingen, wodurch die Distanz zwischen Bühne und Publikum gefühlt noch einmal kleiner wird und der Abend eine gemeinschaftliche Note erhält. Der Höhepunkt dieses verbindenden Elements wird in dem Lied „Du depperte Sau du“ erreicht: Publikum und Kabarettist beschimpfen kollektiv den letztgenannten für seine hartnäckige Bildungsresistenz.
Auch musikalisch ist dieses Stück ein Highlight: Der textliche Wechsel zwischen Hochsprache im Vers und Dialekt im Refrain wird durch die abrupt banal werdende Harmonisierung unterstützt. Der plötzliche Niveauunterschied wird dadurch geradezu spürbar. Ähnlich lautmalerischer Natur ist auch das Lied „Da Teifl schloft ned“, in dem Chris Hellers Stimme mit tiefen, guttural gefärbten Tönen überrascht, an denen nicht nur das Publikum, sondern auch er sichtlich Freude hat. In „Mein eigener Opa“ fordert Jimmy Schlager das Publikum dann mit einem textlichen Gedankenspiel heraus, das durch die dargebotene Geschwindigkeit durchaus anspruchsvoll wird. Wie die meisten anderen Stücke des Sets beruht auch dieses auf simpler Harmonik und einer schlichten Melodie.
Dem Publikum sind die Mehrheit der Lieder bereits gut bekannt, auch ohne Aufforderungen des Kabarettisten stimmen die Zuhörer:innen in die Refrains ein.
Politik und Religion
Während Jimmy Schlager bei seinen persönlichen Erzählungen zur Hochform aufläuft, wären zu gesellschaftlichen Themen wie Politik und Religion etwas differenzierter Standpunkte durchaus wünschenswert. Wenn etwa alle zeitgenössischen Krisen und die typisch österreichische Mentalität des Nichtstuns aufeinandertreffen, fühlt sich Jimmy Schlagers einzige Pointe „Ich fürchte mich halt“ etwas schal an. Die scharfe Gesellschaftskritik, für die sein Vorbild Helmut Qualtinger berühmt wurde, lässt der Weinviertler jedenfalls aktuell noch vermissen.