Zwischen den Zeilen
Konzert mit dem V.Töne Holzbläserquintett in der Vorarlberger Landesbibliothek
Als erste Veranstaltung im Kalenderjahr 2026 präsentierte die Vorarlberger Landesbibliothek am Donnerstagabend ein junges, heimisches Spitzenensemble: das V.Töne Holzbläserquintett. In einer der Location angepassten Dramaturgie kam neben der Musik auch die Sprache nicht zu kurz.
Das Bläserquintett ist das Pendant zum Streichquartett. Zwei Violinen, Viola und Cello haben sich ebenso als perfekte Klangkombination erwiesen wie auch Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott. Fagott und Horn bilden das Fundament, die Flöte ist der Sopran, Oboe und Klarinette teilen sich Melodie- und Begleitstimmen. Joseph Haydn gilt als Vater des Streichquartetts, auch die Bläserquintette haben einen solchen: Anton Reicha. Dieser böhmische Komponist, ein Zeitgenosse und guter Freund Ludwig van Beethovens, hat den Großteil seines Lebens in Paris verbracht und dort fünf herausragende Bläser kennengelernt, für die er Quintette schrieb. Wegen des großen Erfolges wurden es schlussendlich vierundzwanzig. Die Gattung Bläserquintett war geboren und Anton Reichas originelle und hochvirtuose Werke bilden bis heute den Grundstock des Repertoires für diese Besetzung.
Locker und schwerelos
Auch im Kuppelsaal der Landesbibliothek gab es unter dem Titel „Zwischen den Zeilen“ Musik aus Frankreich, allerdings aus dem 20. Jahrhundert. Sowohl die „Trois Pièces brèves“ von Jacques Ibert als auch das Quintett Nr. 1 von Jean Françaix gehören zu den beliebtesten und meistgespielten Werken für Bläserquintette. Während es bei den unterhaltsamen Stücken von Ibert zwar virtuos, aber doch noch halbwegs zivilisiert zugeht, strotzt das Quintett von Françaix nur so vor technischen Schwierigkeiten. Skalen wechseln sich mit Akkordzerlegungen in halsbrecherischem Tempo ab und das auch noch in unangenehmen Tonarten bis hin zu Fis-Dur. Gleichzeitig soll diese Musik aber locker, schwerelos und humorvoll daherkommen. Alles kein Problem für das V.Töne Holzbläserquintett. Man wusste gar nicht, was man mehr bewundern sollte: die Einzelleistungen der fünf brillanten Musiker:innen oder die absolut souveräne Gesamtwirkung des Ensembles. Leider gingen im etwas überakustischen Kuppelsaal viele der notenintensiven Figuren im allgemeinen Getümmel unter, aber die Fingerbewegungen der fünf Vorarlberger Bläser:innen demonstrierten, welch halsbrecherische Akrobatik Jean Françaix den einzelnen Instrumenten zugemutet hat. In einer Doppelrolle als Hornist und Moderator bereicherte Anton Doppelbauer das Konzertprogramm durch philosophisch-hintergründige Betrachtungen zu den einzelnen Musiknummern.
Klangliche Homogenität
Der dritte Programmpunkt des Abends stammte ebenfalls aus dem 20. Jahrhundert. Carl Nielsen, der bedeutendste dänische Komponist, wollte für das von ihm außerordentlich geschätzte Kopenhagener Bläserquintett nicht nur ein Kammermusikwerk schreiben, er hatte auch geplant, für jedes der fünf Ensemblemitglieder ein Solokonzert mit Orchester zu komponieren. Leider verstarb Nielsen, nachdem er das Flöten- und Klarinettenkonzert vollendet hatte. Nielsens Bläserquintett op. 43 ist ein Werk, in dem der Komponist die Mitglieder seines Ensembles musikalisch porträtiert hat, speziell im abschließenden Variationssatz. Als ungewöhnliche Klangfarbe erwies sich das Englischhorn, welches zwischenzeitlich gegen die Oboe ausgetauscht wird. Auch hier begeisterten der Klang, die perfekte Einstudierung und die musikalische Gestaltung des V.Töne Holzbläserquintetts, einer Kammermusikformation, bei der die klangliche Homogenität großgeschrieben wird. Niemand sticht tonlich heraus, auch die zahlreichen Soli werden stets in den Gesamtklang eingebunden. Bewundernswert perfekt sind die Intonation und das rhythmische Zusammenspiel, das ist zweifellos schon internationale Spitzenklasse. Mit seiner Leistung erreichte das V. Töne Holzbläserquintett 2024 das Semifinale beim renommierten ARD Musikwettbewerb in München und wurde mit zwei Sonderpreisen ausgezeichnet.
Eingeschränktes Repertoire
Leider haben Bläserquintette grundsätzlich eine kurze Halbwertszeit. Zwei Gründe sind dafür verantwortlich. Erstens: Das beschränkte Repertoire. Weder Mozart noch Beethoven haben etwas für diese Besetzung geschrieben, genauso wenig wie Schubert, Bartók oder Schostakowitsch. Es gibt zwar – vor allem aus dem 20. Jahrhundert – einige bedeutende Werke, von Samuel Barber etwa oder Paul Hindemith und sogar von Arnold Schönberg, aber Konzertveranstalter wollen am liebsten immer die populärsten Komponistennamen in ihren Programmen sehen. Zweitens: Das Berufsleben. Meist lernen die Musiker:innen einander während des Studiums kennen, man versteht sich sowohl menschlich als auch musikalisch, man probt gerne und nimmt Kammermusikunterricht, erste Wettbewerbserfolge führen zu Konzerteinladungen. Dann aber kommt die Zeit der Probespiele, die Ensemblemitglieder gewinnen Orchesterstellen oft an weit voneinander entfernten Orten. Plötzlich stehen nicht nur die jeweiligen Dienstpläne der Orchester, sondern auch viele Kilometer einer seriösen Proben- und Konzertplanung im Wege.
Das alles ist vermutlich auch beim V.Töne Holzbläserquintett ein Thema. Die Flötistin Laura Moosbrugger unterrichtet an der Musikschule Bregenz, Anna Eberle (Oboe) ist Orchesterakademie-Stipendiatin der Münchner Philharmoniker. Den Vogel abgeschossen hat allerdings Paul Moosbrugger, seit einem Jahr Soloklarinettist der Staatskapelle Dresden, einem Klangkörper, der in allen internationalen Orchesterrankings unter die Top Ten gereiht wird. Es ist wirklich außergewöhnlich, als junger Musiker in einem derartigen Spitzenensemble auf einer Solostelle zu landen. Dasselbe gilt natürlich auch für die aus Hittisau stammende Johanna Bilgeri, seit 2025 Solofagottistin der Wiener Symphoniker, und für Anton Doppelbauer am Horn, der bei den Nürnberger Symphonikern unter Vertrag ist.
Wir hoffen natürlich, dass das V.Töne Holzbläserquintett noch möglichst lange und oft zu hören sein wird, vielleicht einmal gemeinsam mit einem der jungen, hochbegabten Vorarlberger Pianisten. Quintette von Mozart und Beethoven bieten sich an, aber auch die Sextette von Francis Poulenc oder dem Brahms-Zeitgenossen Ludwig Thuille. Am Donnerstagabend verabschiedete sich das sympathische Ensemble mit einer Zugabe von Johann Schrammel vom begeisterten Publikum in der Landesbibliothek.