Zwei Stunden Stille – und ein Abend, der bleibt
Uraufführung von „Carl Lampert – das erste Gebet“ im Vorarlberger Landestheater
Ganz leise sichtlich berührt verließ das Publikum am gestrigen Samstag den Saal im Vorarlberger Landestheater. Zwei Stunden lang war es im ausverkauften Haus muksmäuschenstill – zwei Stunden lang waren die Menschen im Bann dieser Geschichte gefangen. „Carl Lampert – das erste Gebet“ von Peter Mair und Kirsten Ossoinig feierte seine Uraufführung in Bregenz, inszeniert von Hermann Weiskopf.
Eine Persönlichkeit aus unserem Land
Mit der Geschichte von Carl Lampert richtet das Vorarlberger Landestheater den Blick wieder auf eine außergewöhnliche Persönlichkeit aus unserem Land. Carl Lampert wurde 1894 in Göfis geboren und 1944 nach grausamsten Misshandlungen von den Nationalsozialisten im Zuchthaus „Roter Ochse“ in Halle ermordet. Selbst in höchster Not verriet er weder seine Überzeugungen noch seine Liebe zu Gott, zur Wahrheit. Schon in jungen Jahren entschied er sich für die Kirche und wurde 1918 zum Priester geweiht. Nach glücklichen Jahren als Kaplan in Dornbirn führte ihn sein Weg nach Rom zum Studium des Kirchenrechts. Schlussendlich wurde er zum Provikar, somit zum Stellvertreter von Bischof Paulus Rusch in Innsbruck, ernannt.
Er schwieg nicht
Inzwischen wüteten die Nationalsozialisten auch in Österreich, und Carl Lampert stellte sich dagegen: Er schwieg nicht, er bezog Stellung – und zog damit den Hass, die Aggression des Gauleiters Franz Hofer auf sich. Mehrmals wurde er von der Gestapo gefangen genommen und landete schließlich im KZ Dachau. Dort wurde er zwar überraschend wieder freigelassen, um nach Beschattung und Bespitzelung erneut im Gefängnis zu landen. Die menschenverachtenden, grausamen Methoden in Dachau wie auch später im Gefängnis in Stettin überlebte Carl Lampert getragen durch seinen starken Glauben. Und selbst den Weg zum Schafott ging er mit dieser tiefen, unerschütterlichen Überzeugung: „Nun geht's heim!“
Zwei Jugendliche im Heute – und eine Geschichte, die trifft
Das Autorenduo Peter Mair und Kirsten Ossoinig hat die Geschichte von Carl Lampert mit der Geschichte von zwei jugendlichen Straftäterinnen im Hier und Jetzt verwoben. Eine großartige Idee, die diesen herausragenden Menschen – und die Geschichte an sich – noch näher rücken lässt. Die Mädchen Romy und Emilia warten im Gefängnis auf ihren Termin beim Haftrichter. Dort stehlen sie den iPod von Nora, einer jungen Polizistin, die an einem Podcast über Carl Lampert arbeitet. Und ausgerechnet diese Geschichte bringt die beiden Jugendlichen dazu, ihr eigenes Leben neu zu betrachten.
Regie, Bühne, Licht und Musik: ein Abend voller Stimmung
Der Filmregisseur Hermann Weiskopf, der hier erstmals fürs Theater gearbeitet hat, beweist mit dieser Arbeit ganz großes Gespür für die Menschen und ihre Geschichten. Matthias Strahm hat eine Bühne und auch Kostüme entworfen, die einerseits die Rohheit und Gewalt, die Düsternis der damaligen Zeit ebenso erzählen wie auch die Kälte des Gefängnisses und dann, fast unerwartet, durch kleine Verschiebungen (etwa eine plötzlich leuchtende Rückwand) wieder Luft, Hoffnung, Wärme zulassen. Und auch Simon Tamerl, fürs Lichtdesign verantwortlich, weiß ganz genau Stimmungen zu erzeugen und überzeugt damit in jeder einzelnen Szene. Die wunderschöne Musik von Oliver Rath steuert das ihre dazu bei, drängt sich nie auf, ist aber ein wesentliches Element. Der T-Chor, geleitet von Heidi Caviezel, und der Bürgerinnenchor sorgen für starke und mitunter auch beängstigende Momente.
Ein Ensemble, das beeindruckt
Das Ensemble leistet Großartiges. Nico Raschner verleiht der Figur des Carl Lampert allergrößte Authentizität, beeindruckt und fasziniert in jeder Geste, mit jedem Blick. Sein Bruder Julius wird sehr eindringlich von Stefan Pohl gespielt, der ebenso eindringlich auch noch Figuren der Gegenseite – einen Nazischergen und einen Ankläger – spielt: eine emotionale Achterbahnfahrt. Ebenso vielseitig und bravourös ist Sebastian Reusse zu erleben, vom bösartigen Gauleiter bis hin zum geschundenen KZ-Häftling. Rebecca Hammermüller bewegt sich großartig souverän durch die Geschichte, ist eine wunderbare Polizistin und Erzählerin Nora, eine emotionale Schwester Angela und ein verzweifelt aggressiver Soldat Hubert. Die zwei jungen Schauspielerinnen Paula Futscher und Josepha Yen überzeugen mit durchgehender Bühnenpräsenz und einer Wahrhaftigkeit, die wirklich begeistert.
Geschichte, Gegenwart – und der Blick nach draußen
„Carl Lampert – das erste Gebet“ ist nicht nur ein spannender Theaterabend: Es ist lebendig gewordene Geschichte und zugleich Reflexion in einer Zeit und Welt, die gerade wieder eine beängstigende Richtung eingeschlagen hat – global wie auch hier bei uns. Uraufgeführt an einem Tag, an dem in den Zeitungen zu lesen war, was Herbert Kickl beim FPÖ-Neujahrstreffen in Klagenfurt hinausgeschrien hat: „2026 wird unser Jahr, weil wir den Systemwechsel und die Volkskanzlerschaft für die Bevölkerung durchziehen!“
Die Frage, die im Raum stehen bleibt
Nora fragt sich im Stück: „Was ist mit mir? Hätte ich damals auch weggesehen? Oder hätte ich gehandelt? Was ist heute? Habe ich den Mut, gegen Unrecht aufzustehen, oder bin ich ein Feigling, der mit der Masse mitläuft?“
Langanhaltender Applaus – und ein Dank
Das Publikum bedankte sich mit jubelndem und langanhaltendem Applaus! Danke für diesen ganz wichtigen Theaterabend!