Zu weit weg von Schubert
The Erlkings konnten mit der Erstaufführung ihrer speziellen „Winterreise“ bei der Schubertiade nicht überzeugen.
Am Feiertag 1. Mai, während draußen die Natur vor lauter Frühling fast explodierte, gab man bei der Schubertiade im ausverkauften Hohenemser Markus-Sittikus-Saal Franz Schuberts berühmtesten Liederzyklus „Winterreise“, ein düsteres Seelendrama von großer Eindringlichkeit. Die Diskrepanz dieser Ereignisse fand auch in einem in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlichen Abend mit dem österreichischen Ensemble The Erlkings seine Entsprechung.
Die vor zehn Jahren von dem amerikanischen Bariton Bryan Benner gegründete vierköpfige Truppe wollte dem Publikum die Ohren für Neues öffnen und mit seiner aktuellen Sichtweise vor allem Schuberts Liedschaffen so zu Leibe rücken, als hätte der Komponist diese gesanglichen Miniaturen heute, 200 Jahre nach seinem Tod, als eine Art Wiedergänger geschrieben: in englischer Übersetzung und in originellen eigenen Arrangements, die anstelle des originalen Klavierparts vor dem Gebrauch von Gitarre, Tuba, Violoncello, Vibraphon und Schlagzeug ebenso wenig zurückschrecken wie vor der Verwendung einer Verstärkeranlage. Das ergab dann auch eine aufregende Mischung aus Klassik und Folk, mittelalterlichem Troubadour, Pop, Reggae, Rock und Jazz.
Schubert ist nicht immer Schubert
Die Erwartungen vieler Besucher waren entsprechend groß, denn bei ihrem Schubertiade-Debüt vor fünf Jahren hatten The Erlkings mit ihrer Neuinterpretation von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ nicht nur bei diesem Festival, sondern auch international viele Lorbeeren eingeheimst. Doch Schubert, der Geheimnisvolle und in seiner Genialität schwer Fassbare, ist eben nicht immer Schubert. Und die damals zusammen mit Schubertiade-Chef Gerd Nachbauer gefasste Idee, ebenso mit Schuberts späterem Zyklus „Winterreise“ zu verfahren, musste zumindest vom Konzept her scheitern. Denn was bei den vergleichsweise auch in ihrer Brüchigkeit fröhlichen, oft volksliedhaften Gesängen der „Müllerin“ noch locker funktioniert hat, wurde bei den fast durchwegs im Kunstliedbereich verhafteten, weit komplexeren Liedern des zweiten Zyklus zum Problem. Die „Winterreise“, dieses Heiligtum, diese Reliquie des romantischen Liedes mit Schlagzeug und einer akustisch durchwegs zu vordergründigen Tuba – wirklich? Da stellt es nicht nur dem eingefleischten Schubertianer die Nackenhaare auf, weil in diesen hemdsärmeligen, oft grobschlächtigen und meist viel zu lauten Neudeutungen vieles an kostbaren Feinheiten aus dem Klavierpart verloren geht. Eine solche „Winterreise“-Show ist viel zu weit weg von Schubert und damit auch nicht unbedingt das, was man sich als Besucher:in dieses Festivals wünscht.
Doch es gibt auch nicht wenige positive Seiten dieses Unternehmens anzumerken. Dazu gehört etwa die vor Spiellust und Einsatz geradezu strotzenden Qualitäten der vier Musiker. Kopf der Truppe ist der Amerikaner Bryan Benner als Frontman, nicht nur ein Musik-, sondern auch ein Sprachengenie. Er moderiert fließend und fast akzentfrei in Deutsch, hat die 24 Lieder der „Winterreise“ in vier „Kapitel“ zu je sechs Liedern unterteilt, denen er kleine Inhaltsangaben vor allem über die seelische Befindlichkeit dieses Wanderers voranstellt, der nur Enttäuschungen statt Trost erfährt und schließlich ausweglos im Tod beim symbolhaften „Leiermann“ enden muss. Es mutet etwas seltsam an, dass man gerade an diesem Ort für ein so viel gespieltes Werk noch eine inhaltliche Deutung erfährt, aber man kann das für manche auch als wertvolle Gedankenstütze sehen.
In gepflegtes Englisch übertragen
Brenner hat, wie er erzählt, während eines Urlaubs in Hawaii die originalen deutschen Texte von Wilhelm Müller in einwandfrei verständliches, gepflegtes Englisch übertragen. Er ist zudem ein brillanter Gitarrist, der viele der oft sehr komplexen Klavierbegleitungen eins zu eins auf sein Instrument überträgt, und er besitzt vor allem eine wunderschön saubere und modulationsreiche Stimme, die er locker zwischen Klassik und Song changiert. Die Art, wie er in lyrischen Liedern wie dem „Lindenbaum“ oder dem „Frühlingstraum“ seine Stimme innig leuchten lässt, gehört zu den schönsten Momenten dieses Abends.
Die neuen Arrangements der Lieder entstanden im Kollektiv; jeder Musiker hat sich für sein Instrument Stimmen aus den Klaviernoten herausgesucht, gespielt wird durchwegs ohne irgendwelche schriftliche Unterlagen und manchmal auch improvisiert. Man spürt allerdings, dass dieser Abend die Erstaufführung dieser Neufassung bedeutet, manches ist noch zu wenig gut abgehangen oder in Routine übergegangen, es gibt immer wieder kleine Unsauberkeiten oder rhythmische Missverständnisse wie beim Lied „Auf dem Flusse“, das erst beim zweiten Versuch gelingen will. Das wird sich bei der Fülle der diesem Abend folgenden weiteren Auftritte geben.
Von Sendungsbewusstsein erfüllt
Von einer geradezu urtümlichen Musikalität und einer Art Sendungsbewusstsein erfüllt sind Benners aus Wien stammenden Bühnenkumpels, übrigens in unveränderter Besetzung seit dem Debüt hier von 2020. Da ist der stille Ivan Turkalj, dessen Legato in seinen Cellolinien im nicht optimal gemischten Saalsound leider oft ebenso untergehen wie Benners Gitarre. Dafür dominiert meist über Gebühr die kunstvoll geblasene Tuba von Simon Teurezbacher, dem Dinge wie das Posthorn, das Knurren der Hunde „Im Dorf“, manchmal auch eine zweite Stimme zur Gesangslinie oder einfach ein erdiger, bombensicherer Bass anvertraut sind. Der coole Thomas Toppler bleibt am Drumset erfreulich verhalten, zeigt dafür am Vibraphon seine virtuose Kunst in der Übertragung des von Pianisten stets gefürchteten Klavierparts in „Der stürmische Morgen“.
Da man den Musikern und dem Publikum in dieser Fassung unüblicherweise eine Pause gönnt, dauert diese sonst 85-minütige „Winterreise“ inklusive Moderationen hier über zwei Stunden. Doch während man in einer „normalen“ Aufführung stets zunehmend dem Ende entgegenfiebert, das fast immer in der lähmenden Betroffenheit der Zuhörer:innen endet, passiert hier trotz der bunten Instrumentierung das genaue Gegenteil. Mit zunehmendem Verlauf nutzt sich bei „The Erlkings“ das Repertoire ihrer Gestaltungsansätze und musikalischen Möglichkeiten ab, für Betroffenheit bleibt keine Spur. Ich jedenfalls habe mich schon lange nicht mehr so gelangweilt in einer „Winterreise“ der Schubertiade wie diesmal. Der Applaus ist heftig, aber kurz und klingt, dem Stil der Aufführung entsprechend, verdächtig nach Fanclub.
https://www.theerlkings.com/
Weitere Konzerte der Schubertiade: in Hohenems Sa, 3.5. und So, 4.5., in Schwarzenberg 21. – 29.6.
Details unter www.schubertiade.at