Meisterkonzerte Bregenz: Augustin Hadelich war der Solist im Violinkonzert Nr. 2 von Sergei Prokofieff (Foto: Udo Mittelberger)
Michael Löbl · 16. Jän 2026 ·

Weltklasse als Hauskonzert

Das Cuarteto Casals eröffnete die Konzertreihe „Donnerstag im Hagenhaus“ in Nendeln.

Die Konzertreihe „Donnerstag im Hagenhaus“ ist etwas wirklich Besonderes. Während der Peter-Kaiser-Konzertsaal an den Wochentagen Dienstag und Mittwoch für frei zugängliche Konzerte der Musikakademie in Liechtenstein reserviert ist, finden jeweils am Donnerstag bis Jahresende 31 ganz unterschiedliche Veranstaltungen statt. Zu hören sind Stars aus der Klassikszene, Weltmusik, junge Violinsolist:innen, Sänger:innen oder Streichquartette. Es gibt aber auch eine regionale Liechtenstein-Schiene, Diskussionsabende und sogar Tanzabende. 2026 können Konzertbesucher:innen erstmals auch unter drei stark ermässigten Abonnements wählen. Die Einzelkartenpreise bewegen sich zwischen 30 und 65 Franken, Jugendliche bis 20 Jahre haben freien Eintritt.

Das wirklich Besondere an der Veranstaltungsreihe „Donnerstag im Hagenhaus“ ist der Saal. Der nach dem Liechtensteiner Historiker und Politiker Peter Kaiser benannte Konzertsaal ist elegant, geschmackvoll und war ursprünglich eine Scheune. Sensationell ist die Akustik, Instrumente aller Art präsentieren sich ungemein präsent, plastisch und klangschön. Raumakustik ist ja jene physikalische Sparte, bei der man trotz minutiöser Berechnungen oft nicht genau weiß, ob das Ergebnis am Ende der Planung entspricht. In diesem Saal in Nendeln ist jedenfalls alles perfekt gelungen.
Der Raum ist mit nur 60 Plätzen sehr intim, das Publikum hat das Gefühl, Gast bei einem Hauskonzert zu sein. Es gibt keine Bühne, die Musikerinnen und Musiker sitzen ebenerdig, zum Greifen nahe und es existiert überhaupt keine trennende Distanz zwischen den Ausführenden und dem Publikum. Diese Mischung aus perfekter Akustik und räumlicher Nähe ist ein Alleinstellungsmerkmal dieser Location, nirgendwo sonst ist man so nahe am Geschehen und kann so jede musikalische Nuance wirklich wahrnehmen.

Ein Ausnahmeensemble

Am 15. Januar bestritt das prominente Streichquartett Cuarteto Casals das Eröffnungskonzert von „Donnerstag im Hagenhaus“. 1997 von vier Musikstudent:innen in Madrid gegründet zählt es seit über 25 Jahren zu den bekanntesten und erfolgreichsten Quartetten weltweit. Drei der vier Gründungsmitglieder sind heute noch dabei: Vera Martínez Mehner (Violine) und die Brüder Abel (Violine) und Arnau Tomàs (Cello). Die Bratschistin Cristina Cordero ist erst seit zwei Jahren Mitglied des Ensembles. Vorarlberger Konzertbesucher:innen kennen das Cuarteto Casals vor allem durch die Schubertiade, wo die vier Streicher zwischen 2006 und 2019 jedes Jahr zu Gast waren, oft mit mehreren Konzerten. Umso schöner, dieses Ausnahmeensemble nun im speziellen Ambiente des Peter-Kaiser-Konzertsaales in Liechtenstein zu erleben. 
Es gibt wohl nichts, was dem musikalischen Zeitgeist mehr widerspricht, als ein Streichquartett. Unplugged, kammermusikalisch, keine Bläser, kein Schlagzeug, nur vier klanglich sehr ähnliche Streichinstrumente. Und doch ist es die Königsdisziplin, das Streichquartett repräsentiert die reine Musik ohne Effekte oder sonstige Ablenkungen. Nichts stört die Essenz der Komposition. Fast alle große Komponist:innen haben sich intensiv mit der Gattung Streichquartett beschäftigt und auf diesem Gebiet oft ihre besten Werke hinterlassen. Solange es noch Menschen gibt, die sich Tickets für einen Quartettabend leisten, ist die Welt noch nicht verloren.

Im Schatten Beethovens

Das Cuarteto Casals begann den Abend mit dem einsätzigen Quartett „La Oración del Torero“ op. 34 des Spaniers Joaquín Turina. Es besticht durch viele ungewöhnliche Klangeffekte und viel spanisches Kolorit. Ein lockerer Auftakt zu Franz Schuberts rätselhaftem, letzten Streichquartett in G-Dur D 887. Der Besuch eines Konzertes im März 1826 stürzte Schubert in eine schwere Schaffenskrise. In diesem Konzert wurde Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 130 uraufgeführt, in der Urfassung mit der berühmten „Großen Fuge“ als Finale. Dies hinterließ bei Schubert einen derartig starken Eindruck, dass er fast drei Monate lang keine einzige Note zu Papier brachte. Im November 2025 gab es zu diesem Thema ein "Konzerttheater" unter dem Titel „Schuberts Schweigen“ im Rahmen der pforte-Reihe in Feldkirch und Hittisau.
Das G-Dur-Quartett hat Schubert dann in einem wahren Rausch in nur elf Tagen komponiert. Eine öffentliche Aufführung hat der Komponist nicht mehr erlebt, sie fand erst 20 Jahre nach Schuberts Tod statt. Es wurde ein überaus komplexes Werk, dessen Sprache sich stark von Schuberts anderen Quartetten unterscheidet. Die symphonischen Dimensionen und harmonischen Kühnheiten, der ständige Wechsel zwischen Dur und Moll und die starken emotionalen Kontraste sind eine Herausforderung für die Interpreten, aber auch für die Zuhörenden. Wegen seiner technischen Hürden ist Franz Schuberts letztes Streichquartett auch bei Profiquartetten gefürchtet. Davon war in der Interpretation des Cuarteto Casals nichts zu spüren. Mit einer großen Selbstverständlichkeit, ohne sicht- oder hörbare Anstrengung spielten die vier Ausnahmemusiker:innen diese komplexe Komposition. Das Cuarteto Casals hat Schuberts Werk nicht nur drauf, sondern auch drin. Man spürt sofort, dass sich das Ensemble diese Partitur in vielen Jahren durch zahlreiche Konzerte und Aufnahmen zu eigen gemacht hat.
Das nach dem großen Cellisten Pablo Casals benannte Quartett ist in Barcelona beheimatet, wo drei Mitglieder auch an der Musikhochschule unterrichten. Ihr Markenzeichen ist ein absolut homogener Gesamtklang, der nur von ganz wenigen Kammermusikformationen erreicht wird und die makellose Intonation. Laut eigener Aussage wird jeden Tag vier Stunden geprobt, wobei jede:r der vier Musiker:innen eine Stunde lang die Leitung übernimmt. Erste und zweite Geige wechseln einander ab, und für verschiedene Stilepochen werden historische Bögen verwendet. Das war erkennbar bei der Zugabe, wo das Quartett für eine Fuge von Bach auf Barockbögen wechselte.
Am kommenden Donnerstag dann etwas gänzlich anderes im Hagenhaus: Fado aus Portugal mit dem jungen Gitarristen und Komponisten Diogo de Castro und der Sängerin Carolina Varela Ribeiro. Natürlich wieder hautnah…

www.hagenhaus.li
www.cuartetocasals.com