Wandelbarer Klangfluss, der auch ins Stocken geriet
Das Schallwende-Festival bot Ausgereiftes und Experimentelles
Das Schallwende-Festival im Feldkircher Saumarkt widmet sich seit 2017 der zeitgenössischen Musik. Regelmäßig finden hier auch Vorarlberger Komponist:innen ein Podium. Mira Weihs vom Wiener Concert-Verein (WCV) konzipierte für das dreitägige Festival ein Programm, das unter dem Motto „stromaufwärts ≈ frutz ≈ ill ≈ frödisch“ die Komponierenden dazu anregte, sich unter anderem mit Wasser in seinen vielfältigen Formen auseinanderzusetzen. Den ersten Abend prägten der Hornist Johannes Beranek und die Streicher:innen des WCV. Das zweite Konzert entpuppte sich als eine Art Labor, bei dem Alisa Kobzar am Klavier und Hyewon Lim an der Violine mit Elektronik zusammenwirkten.
Das Schallwende-Festival beinhaltete zahlreiche Uraufführungen. Einleitend entfalteten zwei Werke im offen wirkenden Foyer im Saumarkt eine gute Wirkung. Zuerst erklang das Werk „Turbulenz“ für Horn und Bassbariton von Juta Pranulytė. Johannes Beranek (Horn) und Harald Hieronymus Hein (Bassbariton) gestalteten die spannend angelegte Komposition in einem gut aufeinander abgestimmten Dialog. Auch Morgana Petriks Werk „Du sublime au ridicule“ für Kontrabass, gespielt von Christopher Bainbridge, überzeugte durch die unmittelbar einander gegenübergestellten thematischen Linien und die satte Tongebung.
Einen großen Eindruck hinterließ Michael Amanns „Flusslandschaften mit Inseln“ für zwei Violinen (Franz Michael Fischer; Georgy Begletsov), Viola (Katharina Plankensteiner), Violoncello (Daria Zemskaya) und Kontrabass. Mit fein irisierenden Linien schufen die Musiker:innen eine Atmosphäre, in die unterschiedliche Texturen eingebettet erklangen. Auf diese Weise entwickelte der Klangfluss glatte und kräuselnde Klangoberflächen, teilweise versehen mit einem satten Unterbau.
Johannes Beranek stand als Musiker, Dirigent und Komponist im Mittelpunkt des Abends. In „Water and Stone“ von Alexander Wagendristel füllte er den Solopart virtuos aus. Zusammen mit den Musiker:innen entwickelte er prozesshafte und eher statische musikalische Phrasen, die gut aufeinander abgestimmt ein abwechslungsreiches Hörerlebnis boten. Abschließend präsentierte Johannes Beranek sein Werk „im licht das licht“, für Streichquintett und Hornsolo. Der Musik liegt ein Gedicht von Christian Lehnert zugrunde. Die Streicher:innen legten den Linien des Solisten sensibel ausgestaltete Klangfelder zugrunde. Die in den musikalischen Verlauf eingeflochtenen Klangschalen verliehen der impressionistisch angelegten Musik zusätzlich einen mystischen Charakter.
Enttäuschend war der unspezifisch konzipierte 9. Streichquartettsatz von Christian Ofenbauer, bei dem eher belanglose Motive mit teilweise spannend geschichteten Passagen abwechselten, jedoch kein schlüssiges Ganzes ergaben.
Mehr Versuchslabor als Konzert
Während der erste Konzertabend durch seine klangliche Varianz und die vielschichtigen Kompositionen sowie die Gespräche mit den anwesenden Komponist:innen belebt wurde, hatte der zweite Festivalabend eher Laborcharakter.
Im Mittelpunkt stand Alisa Kobzar, die ein neues Werk aus ihrer Feder präsentierte sowie in Werken von Anna Maly, Martin Gut und Benedikt Alphart den Klavierpart gestaltete. Sie ist seit Kurzem Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für zeitgenössische Musik (ÖGZM) und folgt in dieser Funktion der langjährigen Präsidentin Morgana Petrik nach.
Komplex gestaltete sich das Verhältnis zwischen Elektronik und akustischen Instrumentalklängen. Dies zeigte sich zuerst im Werk „Atmend … in den Klang hineinkriechen“ für Klavier, Violine und Elektronik von Anna Maly. Die Violine und das Klavier traten dabei in eine Korrespondenz mit den elektronischen Sounds, die wie eine Zwischenebene fungierten. Die beabsichtigte Verschmelzung der Klänge erschloss sich jedoch eher wenig.
Zu einer Reduktion auf eine elementare Ebene der Tonerzeugung entschloss sich Martin Gut in „E luz e paz e graça“. Das Werk war nicht mehr als eine Studie über Sinustöne und ihr elementares Zusammenwirken mit der Violine und dem Klavier.
Eine elektronisch konzipierte Komposition für vier Lautsprecher stellte Lars Tuchels „for lack of a better“ dar. Dieses Werk, das mit zwei unterschiedlichen Klangkulissen experimentierte, illustrierte eindrücklich, wie unmittelbar Geräusche mit optischen Eindrücken assoziiert werden und sogleich Bilder im Kopf entstehen.
Alisa Kobzar zeigte in ihrem Werk „Elektrisierte Ruinen aus dem Zyklus Geisterstädte“ drei unterschiedliche klangliche Zugänge auf. Die akustische Ebene erschloss sie mit einem Klavierstück am Flügel. Eine digitale Paraphrase gestaltete sie auf dem E-Piano und schließlich eine physikalisch generierte Passage. Die veränderten Tonqualitäten entfalteten abwechslungsreiche Wechselspiele und fächerten die Klänge teilweise kammermusikalisch auf.
Gerard Erruz setzte in seinem mitteilsamen Werk „memory stream“ für Violine und Elektronik Umgebungsgeräusche und Motive der Violine zueinander in Beziehung und führte die Musik mit Sprachfloskeln in Richtung der Musique concrète. Schließlich verband Benedikt Alphart in „indivisiBELLS“ für Klavier und Elektronik originell die Klangphänomene des Wassers mit einer Glocke. Aufhorchen ließen darin die naturhaften Anklänge.