Kota – Lebensansichten eines Huhns
Martina Pfeifer Steiner · 03. Sep 2026 · Literatur

Vorgebildertes Überbildern

Neue Bücher von Tone Fink: „Jetzt.“ und „im laufe des kalenders 2025“

Er hat es schon wieder getan – einen Kunstkatalog und einen Kalender verfinkt. Doch eigentlich machte sich Tone Fink vor Jahrzehnten über die Publikation „Jetzt. Künste in Deutschland heute“ der Kunsthalle Köln her, hat darin narrativ weitergezeichnet, gerissen, geklebt, geschnitten, gelocht, übermalt und teilt seine Kunst JETZT in einem vielschichtigen, sehr schön gemachten Buch, das haptisch wie ein Original anmutet. Allerdings kann auch ein Unikat der nummerierten Vorzugsausgabe mit einer Zeichnung von Tone Fink am Vorsatzblatt erworben werden.

Lesbar und informativ bleibt das Vorwort größtenteils von Ein- und Zugriffen verschont, und wir erfahren, dass der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung 1970 erschien, und diese eine wesentliche Bestandsaufnahme der Künste – nämlich mehr als bildende Kunst, denn die Grenzen seien fließend geworden – aus Deutschland – will heißen der BRD, aber nicht nach Staatsangehörigkeit – darstellte. Sigmar Polke, Gerhard Richter, Günther Uecker, Rosa von Praunheim und all diese „Kapazunder“ habe Fink von vorne bis hinten ver-tone-t. Die Namen kaum dechiffrierbar, weil konsequent durchgestrichen, die jeweiligen Biografien jedoch noch nachvollziehbar – angeregt könnte man sich auf Spurensuche begeben.
„Anlass für Anlässe“ steht auf einer leeren Seite in gedruckten Versalien, und auf dem gegenüberliegenden Schmutztitel Stempelabdrucke: „Tone Fink’s Mulkunscht“, „Schaffo git viel Arbat“ und „Wau d’Hüslebuar ane sochod / dau wast lang ka Gräs me, odr!“ Der Künstler lässt sich/es einfach laufen, macht die Abbildungen zu seinen Bildern, die mit dem Vorgebilderten gar nichts zu tun haben müssen, mitunter ist aber der Titel „Die Supermutter“ noch zu lesen – irritierend, nein, inspirierend! Wieder in Versalien und dieses Kunstbuch kommentierend steht: „Bitte nicht benennen es kommt nix Gscheids raus“, oder bei einer ursprünglichen Konstruktionszeichnung, die durchaus noch gut zu erkennen ist: „balkig konstruiert mit Zeltpfeil (von mir fast gar nix)“. Auf den ersten Blick zu erkennen und die Biografie klar lesbar, ist nach überzeichneten Eingriffen ein „prominentes Kunst= Hutgestell“: Joseph Beuys – „A türa Huotständar“. Provokant, denkanstößig und witzig.

Im Laufe des Kalenders

Künstlerischen Unterhaltungswert hat auch ein „Kalenderle“, das gleichzeitig als kleine Preziose (14,5 x 9,5 cm) beim Verlag für moderne Kunst erscheint. Tone Fink wollte ja nur seine Termine in den Wochenkalender eintragen, doch dann liest er „etwas biologisch Interessantes oder sonst einen philosophischen Kauderwelsch“ und notiert beziehungsweise konserviert dies in seiner poetischen Art, und schon ergeben sich daraus die Zeichnungen auf der gegenüberliegenden Seite – sehr authentisch und im Laufe des Jahres 2025 entstanden.
Geklaute Sprüche, verdaute Sprüche, selbsterfundene und Mundart Sprüche, es gehe schon heiß zu, wenn dieser erotische, fette Raupenwurm als „Maschinenraupe“ über die Monatsübersicht Mai „robotet“; oder wenn, angeregt von einem Zeitungsartikel, über die 52. Woche geschrieben steht: „eine Orchidee treibt männliche Wespen zur Ejakulation, weshalb die Weibchen ohne Samen der Männchen auskommen“, illustriert mit detaillierter Pflanzendarstellung. Oder es schaut einen das Eselfohlen frontal an, überdeckt fast den Termin mit Tochter Kathi, dem Kieser-Training und der Grafikerin Angelique Spanoudis, die bei diesen zwei Kunstbüchern so hervorragend sorgfältige Arbeit geleistet hat.
„Ich habe nichts gegen Geschmäcklerisches, wenn es gut ist, oder gegen Kulinarik, das schönste Kompliment ist, wenn wer das liest und anschaut, den Kopf schüttelt und lacht …“

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Zwei Bücher von Tone Fink: 
„Jetzt.“ ISBN 978-3-99153-258-3
„im laufe des kalenders 2025“ ISBN 978-3-99153-277-4
Verlag für moderne Kunst, 2026

Buchpräsentation: Mi, 9.9.26, 19 Uhr, vorarlberg museum, Bregenz