Triste im TiK Dornbirn (Foto: Christan Carillo)
Silvia Thurner · 05. Apr 2026 · Musik

Von Sehnsucht, Mythos und Erinnerung

Die Camerata Musica Reno und Michael Köhlmeier erzählten von der Kraft der Liebe

Eine wesentliche Intention von Tobias Grabher, dem Initiator und Leiter der Camerata Musica Reno, besteht darin, Musik in Beziehung zu anderen Kunstformen zu stellen. Vor fünf Jahren gründete der Dirigent und Posaunist das Orchester, das sich vornehmlich aus jungen Musiker:innen zusammensetzt, die am Beginn ihrer Karriere stehen. Besonders erfolgreich sind die Projekte, in denen Michael Köhlmeier mit dem Orchester zusammenwirkt. Gemeinsam wendeten sich der Erzähler und das Orchester am Osterwochenende dem Themenkreis der Liebe in der Mythologie, im eigenen Leben und in der Musik zu. Bis auf den letzten Platz war das Auditorium im Kosmos Theater am Karsamstag besetzt. Michael Köhlmeier erzählte gewohnt souverän. Die zu den Erzählungen passende Werkauswahl sowie die engagierte Spielart der Camerata Musica Reno sprachen die Zuhörenden unmittelbar an und bescherten ein feinsinnig aufeinander abgestimmtes musikalisch-erzählerisches Erlebnis.

Bereits zum vierten Mal trafen sich Tobias Grabher und die Camerata Musica Reno mit Michael Köhlmeier. Der Erfolg gab ihnen recht, denn wenn Michael Köhlmeier erzählt, hängen ihm die Zuhörenden an den Lippen. So auch bei diesem Konzert, in dem er von den Liebespaaren Odysseus und Penelope, Romeo und Julia sowie seinen eigenen Eltern erzählte. Er schilderte das Umfeld und die Umstände kenntnisreich und machte manch unterhaltsamen Schwenk, wenn er beispielsweise die Perspektive wechselte und unvermittelt von „wir jungen Männern“ sprach oder davon, was er gar nicht so genau wissen wolle. Denn auch Sympathieträger wie Odysseus, von dem die meisten seine Irrfahrten kennen, verübten grauenvolle Verbrechen. Und auch der vielfach als leidenschaftlich Liebender bekannte Romeo war ein Mörder.

Erzählung und musikalische Reflexionsräume

Tobias Grabher wählte passende Kompositionen aus Opern von Berlioz, Bellini, Gounod, Wagner und Massenet. Die Musik spiegelte die Geschichten aussagekräftig wider. Selbstbewusst stellten die Musiker:innen die Werke in den Raum, sodass die Darbietungen auch Reflexionsräume für die Geschichten öffneten.
Gleich zu Beginn betonte Michael Köhlmeier, dass es in der griechischen Mythologie sehr wenige Liebespaare gebe, denn die allermeisten Paare entstammten der Begierde oder anderen Interessen. Lediglich drei „ehrliche“ Liebespaare fielen ihm ein, nämlich Andromeda und Perseus, Andromache und Hektor sowie Penelope und Odysseus.
Kenntnisreich stellte Michael Köhlmeier die Umstände und den Beginn der Liebesbeziehung zwischen Penelope und Odysseus dar und ergründete die Beweggründe, weshalb Penelope über Jahre hinweg auf ihren Ehemann wartete. 
Die Geschichte von Romeo und Julia ist bekannt. Auch darin beleuchtete Michael Köhlmeier bisher weniger bekannte Rollen, wie jene des Paters Lorenzo. „Es hängt so viel von kleinen Zufällen ab, dass es eine große Tragödie wird“, resümierte Michael Köhlmeier abschließend. 
Seinen Eltern setzte er ein berührendes Denkmal. Er erzählte, wie sich seine Mutter und sein Vater unter widrigen Umständen während des Krieges in Coburg kennengelernt, nach kurzer Zeit geheiratet und sich wieder aus den Augen verloren haben. Weil ihr geliebter Ehemann nicht aus dem Krieg zurückgekehrt war, ging die Mutter auf die Suche nach ihm und fand ihn in Hard. Dort gründeten sie eine Familie. Eine Gehirnblutung während der Geburt des jüngsten Kindes lähmte die Frau halbseitig. Michael Köhlmeier erzählte, wie sein Vater seine Ehefrau jeden Sonntag in der Kirche zur Kommunion getragen hat und schuf damit ein Bild für die Liebe, das wohl vielen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Tristan und Isolde als Höhepunkt

Zwischen den Erzählungen spielte die Camerata Musica Reno einen Ausschnitt aus einer Belcanto-Oper von Vincenzo Bellini und spannte den Bogen zur französischen Romantik eines Hector Berlioz, Charles Gounod sowie Jules Massenet. Den Höhepunkt bildete das berühmte Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner. Freilich musizierte die Camerata Musica Reno nicht in der üblichen, großen Orchesterbesetzung, sie stellte jedoch eine repräsentative Werkdeutung in den Raum. Hoch konzentriert entfalteten die Musiker:innen die gut ,ausgehörten‘ und ausdrucksstark in Szene gesetzten charakteristischen Intervallbeziehungen. Von der Stille ausgehend entwickelte das Orchester einen Spannungsbogen, der zum Höhepunkt hin gestrafft und dann wieder gelöst wurde. Auf diese Weise wurde mit fragil verwobenen, musikalischen Bögen und schwebendem Ausdrucksgehalt Gefühle der unerfüllten Sehnsucht nachgezeichnet und bis zum Ende hin getragen.

Wuchtige Naturereignisse und große Gefühle

Atmosphärisch intonierten Tobias Grabher und das Orchester die „Chasse royale et orage“ aus der Oper „Les Troyens“ von Hector Berlioz. Vorerst ohne Bassfundament kristallisierten sich die musikalische Linie und imposante Klangmalereien allmählich aus naturhaften Trillermotiven heraus.
Repräsentativ und kontrastreich wurden die Themen in der Sinfonia zu „I Capuleti e Montecchi“ von Vincenzo Bellini in Szene gesetzt. In der Ouverture, Introduction und Entr'acte aus der Oper „Roméo et Juliette“ von Charles Gounod kristallisierten die Musiker:innen die zugrundeliegende Tragik dramatisch heraus. Transparent erklang der fugierte Einsatz der Stimmgruppen. Den Walzer phrasierte das Orchester beschwingt und besonders schön betont wurde die in sich gekehrte Stimmung im dritten Teil. Tobias Grabher am Pult und die Musiker:innen ließen sich Zeit und bauten die Zusammenklänge einfühlsam auf. In gleicher Weise erzielte das Orchester in Jules Massenets Prélude zur Oper „Werther“ eine bedeutungsschwere unterschwellige Spannung, die am Ende in einer emotional entfalteten Kantilene des Konzertmeisters mündete.
Obwohl der Gesamtklang sowie die Intonation mitunter etwas unausgewogen und manche Übergänge nicht ganz exakt gelangen, kamen die zugrundeliegenden Intentionen in allen Werkdeutungen gut zur Geltung. Tobias Grabher am Pult dirigierte mit klarer Gestik. Auf die Orchestermusiker:innen konnte er sich verlassen, denn sie agierten geistesgegenwärtig und gestalteten die musikalischen Linien emphatisch aus. Zudem brachten sich einzelne Musiker:innen und die Stimmgruppen mit wirkungsvoll ausgestalteten Solopassagen ein und begeisterten mit ihrer großen Einsatzbereitschaft.
Die Konzerte am Ostersonntag und Ostermontag sind bereits ausverkauft.