Über den unberechenbaren Geist der Zeit
Halb Essay, halb Gedichtband: Raoul Schrotts „Zeitgeist“
Nach seinem „Atlas der Sternenhimmel“, in dem der Autor und Philosoph Raoul Schrott aufzeigt, wie unterschiedlich die menschlichen Kulturen Sternenbilder interpretiert haben, widmet er sich in seinem neuen Werk „Zeitgeist“ wieder der Erde und den darauf kreisenden Vorstellungen unserer Zeit.
„Ein modischer Politiker“
Das Buch ist in der Mitte, wo sich die beiden Enden treffen, geteilt. Es ist ein Buch, das man gleich zweimal von vorne beginnt und dabei auf unterschiedliche Weise in das Wesen des Menschen eintaucht. In seinen Gedichten erkundet Raoul Schrott Raum, Zeit, Vorstellungen und Imagination und präsentiert Szenen des Untergangs neben bildhaften Beschreibungen davon, wie die Lebenswelten des Menschen und die Natur ineinandergreifen. Er macht sich Gedanken über den Raum, der uns umgibt, wie „ein Glas die Goldfische“ und unabhängig von seinem Inhalt existiert. Er schreibt über das Phänomen der Leere und über die vergehende Zeit, die immer mit neuen vorherrschenden kulturellen Stimmungen verbunden ist. In einer allumfassenden Weise analysiert Schrott, wie die menschlichen Denk- und Handlungsweisen funktionieren und wodurch sie geprägt und gesteuert werden – einmal in Form von Poesie und zum anderen in einem Essay über den „unberechenbaren“ Geist der Zeit, der soziale Konflikte, Krisen und die dadurch ausgelösten Gefühle für sich zu nutzen weiß. Dieser Zeitgeist wird im Buch als Figur verdeutlicht und mit eigenem Charakter und Willen ausgestattet: Er „gibt sich als modischer Politiker, er ist nicht allzu helle, besitzt dafür aber die Wandlungsfähigkeit eines Schauspielers, der seine Standpunkte oft sprunghaft ändert, um sein Programm den für ihn jeweils günstigsten Gesinnungen unterschiedlichster ideologischer Couleurs anzupassen. Als vermeintliche Wahrheiten gibt er sie unkritisch und unreflektiert wieder; dies zu kaschieren tritt er umso doktrinärer auf. Seine Anschauungen ergeben nie ein großes Ganzes, das in sich zusammenhängend, rational und nachhaltig sinnstiftend wäre: sie stellen sich als Sammelsurium von Meinungen heraus, Splitter eines bloß kaleidoskopischen Verständnisses der Gegenwart und ihrer Herausforderungen.“
Die Wirkmacht der Zeit
Wie sich der Zeitgeist in unsere Meinungen und Gedanken einschleicht, sich verbreitet und die Gesellschaften prägt, auf welche Weise wir ihm nachgeben oder uns gegen ihn behaupten, beschreibt Schrott ausführlich, aber ohne dabei immer ganz konkrete Antworten zu liefern. Vielmehr analysiert der Autor die Gegenwart, verortet in ihr zeitgeistige Vorstellungen und regt durch seine aufschlussreichen Betrachtungsweisen zum Denken an. Der „Zeitgeist“ sei die Wirkmacht bestimmter Zeiten auf Völker und Staaten, ein Phänomen, das in Europa erstmals im Jahr 1614 vom Dichter John Barclay schriftlich dokumentiert und vom Begriff „genius saeculi“ ins Deutsche übersetzt wurde. Wenn Schrott die historische Geschichte des Zeitgeistes erzählt, wird schnell klar, dass dieser zeitliche Einfluss auf den Kulturwandel ein schlechter Einfluss ist, der schon früh als übergriffig und unterdrückend beschrieben wird und eine gewisse Macht ausübte „Verbreitet der Zeitgeist Neues, ist dieses keine Errungenschaft von dialektischen Argumenten und Entscheidungsprozessen, die aufgrund der inneren Trägheit der Gesellschaften stets ausführlich und umständlich disputiert werden müssen. Er beruht vielmehr auf einem argumentum ad novitatem, in dem eine Option deshalb als gut gilt, weil sie neu ist, und eine gegenwärtige Sachlage als schlecht, weil wir in ihr leben.“
Das Totalitäre des Zeitgeists
Schrott beobachtet den Kulturwandel auf philosophische Weise und bringt dabei aktuelle Problemstellungen und politische Strömungen mit dem Zeitgeist in Verbindung. Dieser Zeitgeist sei „all das, was Verhaltensweisen, Werte, moralische Richtlinien, Benimm-, Denk- und Sprachregeln, Normen und Dogmen abseits von Gesetzen aufstellt, die nachgeahmt werden und ein Zeitalter schließlich als ‚Sitten‘ charakterisieren.“ Die dadurch herausgebildeten „herrschenden Meinungen können jedoch in alle Richtungen führen, im Extremfall auch zum Faschismus“. Denn der Zeitgeist bringe Menschen dazu, sich aus Bequemlichkeit, Angst oder mangelnder Bildung gewissen Mehrheitsmeinungen anzuschließen. „Was den Zeitgeist beeinflusst, sind Vorstellungen eines Wunschdenkens, das den Intellekt ignoriert, oft sogar offen negiert. Er lebt von Simplifizierungen, die einzelne Erkenntnisse popularisieren, um sie ebenso missverständlich wie manipulativ für seine Zwecke einzusetzen“, schreibt Schrott. Als Beispiele für zeitgeistige Phänomene nennt er etwa den Glauben an Ufos oder den Umstand, dass Menschen zunehmend nach Äußerlichem definiert und begrifflich voneinander abgetrennt werden, aber auch die Einteilungen nach Geburtsjahren, wie etwa „in die Generationen X, Y, Z“ oder die aktuell zu vernehmenden Endzeitstimmungen seien dem Zeitgeist zuzuordnen.
Wie der Autor nachvollziehbar macht, könne man schlecht gegen den Zeitgeist reden und quasi unzeitgemäße Meinungen vertreten, ohne als reaktionär und rückschrittlich zu gelten. Der Autor tut das auf gewisse Weise dennoch und durchleuchtet, wie das Internet neue Verhaltensweisen erzeugt und die Blickwinkel verändert, wodurch digitale Medien zu einem „nicht mehr in-, sondern deformierenden Kreislauf“ beitragen würden. Schrott verurteilt zeitgeistige Einflüsse, die vor allem „aus amerikanischen Verhältnissen“ kommen und sich beispielsweise über Netflix-Serien oder Social-Media-Plattformen flächendeckend und unterhinterfragt bei den Menschen festsetzen. Er kritisiert etwa, dass englische Begrifflichkeiten wie „gendern“ nicht ins Deutsche übersetzt und kulturell verortet werden. Er spricht sich zudem gegen „gut gemeinte“ Bemühungen aus, diskriminierende Rollenbilder sprachlich bewusst abzubauen – wie etwa durch „gendern“ oder den Konventionen, diskriminierende Begriffe aus dem Sprachgebrauch zu verbannen – mit der Begründung, dass dadurch soziale Unterschiede noch stärker ins Bewusstsein treten und Tabus die Wirkmacht vergrößern würden. „Sätze sind keine Gitterstäbe unseres Denkens, auch weil zwischen den Zeilen mindestens ebenso viel steht wie in ihnen – und wir außerdem bloß zur Hälfte in Worten denken“, schreibt Schrott.
Für die Freiheit der Kunst
Der Autor warnt vor einer „Ent=Individualisierung“ und appelliert gegen die Zensur in der Literatur und an die Freiheit der Kunst. Denn die Kunst und insbesondere die Poesie sei ein Mittel, sich dem Zeitgeist entgegenzustellen und eine subjektive Wahrnehmung darzustellen. „Die eigentlichen Akteure der Geschichte sind wir – jeder für sich“, betont Schrott zum Ende seines Essays. Sein „Plädoyer für Menschlichkeit“ ist auch ein Plädoyer für die Identität und Individualität der Menschen, die sich aus dem Inneren heraus entwickeln. In poetischen Porträts wirft er einen Blick auf die Gefühlswelten von Personen und macht in scheinbar unbedeutenden Alltagsbeobachtungen sichtbar, wie unser Leben den Zeitgeist, aber auch die Zeitlosigkeit in sich trägt. „die erde dreht sich wie immer ohne dass man es merkt“, „der mond hat längst aufgehört irgendetwas zu verkörpern“ und „die wolken ziehen vorüber · mal heller mal dunkler“.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Lesungen:
17.4., 20 Uhr, Spielboden Dornbirn
29.4., 19.30 Uhr, TAK Theater Liechtenstein, Schaan
Raoul Schrott: „Zeitgeist. Ein Plädoyer für Menschlichkeit / Über uns, jetzt“, Hanser Verlag, München 2026, 320 Seiten, Softcover, bibliophiles Wendebuch, ISBN 978-3-446-28588-0, € 28,80