Travers- und Blockflöten hatten einander viel zu sagen
Wolfram Schurig und das Concerto Stella Matutina präsentierten ein exquisites Konzert
Ein einmaliges Konzerterlebnis bescherte das Concerto Stella Matutina unter der Leitung des Blockflötisten Wolfram Schurig den Konzertbesucher:innen beim vierten Abonnementkonzert. Wolfram Schurig ist seit Langem mit dem Barockorchester verbunden und hat sich als inspirierender musikalischer Leiter bereits öfter bewährt. „Die zwei ungleichen Schwestern“ lautete der schöne Titel, bei dem den Musikbegeisterten die seltene Gelegenheit geboten wurde, die Travers- und die Blockflöte gemeinsam zu hören. Die außergewöhnlichen Klangfarbenspiele, die mit viel Esprit dargebotenen Werke und das Musizieren mit gemeinsamem Atem spitzten die Ohren der Zuhörenden und in der Kulturbühne AmBach stellte sich eine feinsinnige Atmosphäre ein.
Kenntnisreich kombinierte Wolfram Schurig, der in Vorarlberg als Komponist und Blockflötist bekannt ist, Kompositionen von Georg Philipp Telemann, Johann Sebastian Bach und Johann Friedrich Fasch. Sowohl kammermusikalische Besetzungen als auch Orchesterwerke ergaben eine große stilistische Vielfalt.
Die Blockflöte und die Traversflöte haben eine lange Tradition und etablierten sich in verschiedenen Funktionen. Wolfram Schurig wusste viel zu berichten über die unterschiedliche Tonerzeugung sowie Auswirkungen der Dynamik auf die Klangfarbe und Tonhöhe sowie kulturgeschichtliche Vorlieben. Während die Traversflöte im französischen Kulturkreis beliebt war, wurde die Blockflöte in Deutschland und Italien bevorzugt.
Eigentlich gibt es (fast) nie eine Gelegenheit, das direkte Zusammenspiel einer Travers- und Blockflöte zu hören. Allein aus diesem Grund bot das Konzert mit dem Concerto Stella Matutina unter der Leitung von Wolfram Schurig eine einmalige Gelegenheit. Neben Wolfram Schurig war Angelika Gallez bewundernswert vielseitig im Einsatz. Sie spielte mit viel Esprit sowohl solistisch als auch im Duo und in Quartettbesetzung. Gertraud Wimmer an der Traversflöte und die Blockflötistin Eva Lio ergänzten das Flötenensemble hervorragend.
Flöten in unterschiedlichen Klangkonstellationen
Gleich mitten hinein in den wohlig warmen Flötenklang tauchten Wolfram Schurig an der Blockflöte sowie Angelika Gallez und Gertraud Wimmer an den Traversflöten im Quatuor in d-Moll von Georg Philipp Telemann. Die Rollenaufteilungen der solistischen Blockflöte und die zahlreichen Dialoge mit den Traversflöten ergaben eine anregende musikalische Konversation und versetzte die Zuhörenden in Staunen. Virtuos stellten die Musiker:innen rasche Spielfiguren und Verzierungen in den Raum und führten die Phrasen markant artikuliert zu den Zielpunkten. Zeit ließen sie sich in den wiegenden Kantilenen der langsamen Sätze mit Frage- und Antwortspielen sowie ausdrucksvollen Echowirkungen. Eine verlässliche Grundlage lieferten Johannes Hämmerle und Thomas Platzgummer im Basso Continuo, der den Werkdeutungen von unten her ein gutes Profil verlieh.
Ebenso beeindruckend musizierten Angelika Gallez, Wolfram Schurig und Eva Lio die Sonata in G-Dur von Johann Friedrich Fasch. Die beiden schnellen Sätze waren von virtuoser Leichtigkeit getragen. Im Largo kamen die unterschiedlichen Charaktere der beiden Flöten gut zur Geltung. Hier war gut zu vernehmen, in welcher Art sich dynamische Tonqualitäten mit der Traversflöte ausformen lassen und welche Möglichkeiten im Vergleich dazu eine Blockflöte bietet.
Telemanns Konzert in e-Moll (TVW 53:e1) für Violine, 2 Traversflöten, Streicher und Basso Continuo brachte eine weitere Facette ein. David Dobrek an der Violine und die beiden Traversflötistinnen Angelika Gallez und Gertraud Wimmer traten nicht nur in einen musikalischen Dialog, sondern auch in einen Wettstreit miteinander. Im Larghetto wirkte der musikalische Duktus der Flöten im Vergleich zur Linienführung der Violine etwas zögerlich. Doch bald entfaltete sich ein spannungsvoller Diskurs. Im zweiten Satz wurde klar, welche spezifischen Klangeigenschaften die Traversflöte als Orchesterinstrument auszeichneten. Wunderbar klangvoll und weich fügte sich der Flötenklang in das Tutti ein und setzte der orchestralen Tongebung die Krone auf. Dass die Flötist:innen auch mit viel Bedacht auf die Intonation spielten, zeigte sich unter anderem im Largo, wo sie in einen fein nuancierten Dialog mit der Violine traten.
Fulminante Werkdeutungen
Ein Angelpunkt der reichhaltigen Werkauswahl war das Cembalokonzert Nr. 6 in F-Dur (BWV 1057) von Johann Sebastian Bach, eine von ihm selbst angefertigte Bearbeitung des vierten Brandenburgischen Konzertes. Die Musiker, allen voran Johannes Hämmerle am Cembalo, sowie Wolfram Schurig und Eva Lio führten gleich mit der Einleitungsphrase in medias res. Mit kräftigem Zugriff artikulierten sie das Hauptthema und versetzten mit virtuosen Trillerketten sowie federndem Duktus den Saal in Schwingung. Die perlenden Läufe im Cembalopart spielte Johannes Hämmerle mit größter Leichtigkeit und wunderbar transparent. Überdies kamen die Echowirkungen der Blockflöten gut zur Geltung. Kontrapunktisch gestaltete das Orchester das Allegro assai in einem Guss. Im mittleren Teil ließen die Harmonik und die sehr bedacht ausgeformten und durch die Instrumente geführten Tonsymbole aufhorchen.
Einen guten Abschluss setzten die Musiker:innen mit dem Konzert in e-Moll (TWV 52:e1) von Georg Philipp Telemann. In diesem Werk standen wieder Angelika Gallez und Wolfram Schurig im Klangvordergrund, denn hier waren die beiden Flöten-Schwestern in direkter Kommunikation miteinander verwoben. Telemann war der Einzige, der die beiden Flöten solistisch in einem Werk in Beziehung zueinander stellte. Während die langsamen Sätze vom innigen Zusammenwirken profitierten, lösten die Spielarten im Allegro Bewunderung aus. Die Solistin und der Solist trieben sich gegenseitig an, bis der Satz in chromatisch geführten, wirbelnden Tonlinien gesteigert wurde. Das Orchester agierte präsent und trug die beiden Solostimmen hervorragend. Schließlich legten alle gemeinsam noch einmal nach und ließen der rustikalen Spielfreude mit den aus der polnischen Volksmusik entlehnten Melodien, Rhythmen und peitschenden Bordunklängen freien Lauf.