Die Sopranistin Emma Kajander und die beiden Komponistinnen Ethel Smyth sowie Elizabeth Maconchy verliehen dem vielschichtigen Orchesterkonzert des SOV mit Leo McFall am Pult eine besondere Strahlkraft. (Foto: Christian Lins)
Michael Löbl · 18. Nov 2025 · Musik

Total abgefahren: #freebruckner

Bruckners Symphonie Nr. 7 einmal ganz anders

Stegreif, The Improvising Symphony Orchestra aus Berlin, war am Sonntag zu Gast bei den Montforter Zwischentönen im Montforthaus Feldkirch und bescherte allen Anwesenden einen der musikalisch eindrücklichsten Konzertabende der letzten Jahre.

Aufgrund der Vorinformationen zu diesem Konzert war durchaus Skepsis angebracht. „Mit unseren Rekompositionen klassischer Werke möchten wir das geschätzte musikalische Erbe durch zeitgenössische Strömungen und Improvisation erweitern.“ Echt jetzt? Und ausgerechnet Bruckners 7. muss es sein? – Ja! Weil es sich bei #freebruckner um einen Auftrag des Brucknerfestes Linz zum 200. Geburtstag des Komponisten handelt. Dieser musikalische Koloss in E-Dur mit seinem magischen Beginn und dem überirdischen langsamen Satz soll jetzt also von und mit ein paar wahnsinnigen Musiker:innen rekomponiert werden?!

Vollwertiger Brucknerklang

Schon der Beginn lässt aufhorchen. Streicher, im Raum verteilt, beginnen fast unhörbar ein Tremolo, Melodiefetzen tauchen auf, langsam formieren sich Musiker:innen zu Gruppen und irgendwann beginnen drei Celli Bruckners himmlisches Hauptthema zu intonieren. Und siehe da – es klingt sofort nach Bruckner! Wie dieses Orchester es schafft, mit einer Mini-Besetzung von 26 Musiker:innen einen vollwertigen Bruckner-Sound hinzukriegen, das blieb bis zum Schluss des Konzertes ein Rätsel. Auch die vier Blechbläser – zwei Hörner, Trompete und Posaune – stellten im Adagio vollgültige Bruckner-Akkorde in den Raum, für die andere Orchester zwei vollbesetzte Reihen an Bläsern benötigten.
Was haben die Stegreif Musiker:innen jetzt genau mit Bruckners Symphonie gemacht? Sie haben sie „rekomponiert“ – arrangiert, durchbrochen, mit Szene, Kostümen und Licht angereichert – und das so überzeugend, dass alle Zuschauer:innen von der ersten Minute vom musikalisch-szenischen Sog in den Bann gezogen wurden. Verschiedene Schauplätze im Saal wurden bespielt, Stühle und ein langer Tisch fungierten als Bühnenbild. Der Beginn des langsamen Satzes erklang als Quintett mit Klarinette und Streichern, traumhaft schön. Im Zentrum des Raumes steht ein langer Tisch, das Publikum sitzt mit Abstand um diesen Tisch herum und der ganze Saal wird im Laufe des Abends bespielt.

Der Klassenprimus

Dazwischen gab es improvisierte Teile, die mit Bruckner zumindest beim ersten Hören wenig bis gar nichts zu tun hatten, Jazzimprovisationen mit Trompete, Bassgitarre und Drumset. Musikalisch gab es da nichts zu meckern, aber ein Drumset und eine verstärkte Gitarre entwerten den Sound der anderen „unplugged“ Instrumente und es dauerte nach diesen Zwischenteilen immer ein paar Takte, bis man sich wieder gefunden hatte im unverstärkten Orchesterklang.
Viele Veranstalter suchen heutzutage nach neuen Konzertformen, um die Jugend anzusprechen und das Feld der klassischen Musik auch für kommende Generationen attraktiv zu gestalten. Die Montforter Zwischentöne sind auf diesem Gebiet zumindest hierzulande der Klassenprimus. Mit der Einladung des Stegreif Orchesters ist ihnen ein Meilenstein gelungen, eine neue, unkonventionelle, künstlerisch hochstehende, faszinierende und unterhaltsame Art, ein Schlüsselwerk des Orchesterrepertoires wirklich neu umzusetzen.

Auswendig und ohne Dirigent

Die schlechte Nachricht: Der Aufwand, der hinter diesem Projekt steckt, ist gewaltig und das sowohl auf künstlerischer als auch auf organisatorisch-finanzieller Ebene. Und das Konzept funktioniert nur mit Musiker:innen der absoluten Spitzenklasse, ist also nichts, was man eben so mal nachmachen könnte. Das Niveau der 26 Mitglieder der Truppe ist extrem hoch, jede:r einzelne präsentiert sich als Virtuose auf seinem oder ihrem Instrument und man weiß gar nicht, welche solistische Leistung nicht einzeln erwähnt werden sollte. Flöte, Oboe, Klarinette, Trompete, Bratsche, Posaune!!! – alles Musiker:innen auf internationalem Topniveau und auch ohne Zusatzleistungen wäre ihnen die Bewunderung des Publikums gewiss. Es gibt ja Orchester, die sogar Strawinskys „Sacre“ ohne Dirigenten aufführen („Les Dissonances“ in Frankreich) und solche, die ebensolche Werke auswendig spielen (das Aurora Orchestra in London) – aber beides auf einmal gab es bisher noch nicht. Schon diese Leistung verdient größten Respekt. Dazu müssen sich die Stegreif-Musiker:innen auch choreographisch im Raum bewegen, dazu singen, Requisiten und Bühnenteile arrangieren und bewegen, auf Stühle und Tische klettern und nervigen schwarzen Tüllstoff – warum eigentlich? – immer wieder neu arrangieren und diesen am Schluss auf dem zentralen langen Tisch „beerdigen“. Dazu spielen sie 90 Minuten rekomponierten Bruckner. Unglaublich.
Mit der Bezeichnung „Stegreif“ hat diese Performance allerdings gar nichts zu tun. Im Stegreif-Theater gibt es ja kein Textbuch, es wird tatsächlich bei jeder Aufführung aus dem Moment heraus improvisiert, zumindest ist so das Konzept. Bei #freebruckner ist jeder Takt perfekt einstudiert und geprobt, nur die jazzigen Zwischenteile klangen improvisiert. Anders wäre das hochkomplexe Gesamtkunstwerk gar nicht realisierbar. Anton Bruckners blockartige Kompositionstechnik kommt dem musikalischen Konzept mit seinen sehr unterschiedlich gestalteten Teilen sehr zugute. Was einem als Zuhörer so durch den Kopf geht: Was passiert eigentlich, wenn eine Musikerin oder ein Musiker erkrankt? Es scheint ausgeschlossen, jemanden zu finden, der für dieses Programm kurzfristig einspringen könnte.
Und einen weiteren Erkenntnisgewinn konnte man nach diesem Abend mit nach Hause nehmen: Die Akustik des Montforthauses ist hervorragend! Schlecht in diesem wunderschönen Haus sind nur die zu klein dimensionierte Bühne und die Billig-Orchestermuschel.

Bitte mehr!

Zehn Jahre gibt es das Stegreif Orchester bereits. Seit der Gründung wurde jedes Jahr mindestens ein neues Konzertprogramm erarbeitet: freebeethoven, freeschubert, freebrahms, free3roica, bfree, freemahler, explore_mozart, explorefreischütz, improphonie, symphony of change, explore_händel, freebruckner oder freesolo. Dazu gibt es Kooperationen mit Orchestern und Festivals sowie zahlreiche Education-Projekte.
Es wäre schön, eines dieser Programme auch hierzulande erleben zu können. Nach diesem Sonntag im Montforthaus wissen wir: Die Montforter Zwischentöne wären der perfekte Partner dafür.

www.montforterzwischentoene.at

www.stegreif.org