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06.03.2015 |  Anita Grüneis

„Faust“ in Mauren - Mit alten Steinen ein neues Haus gebaut und ein altes eröffnet

Goethes „Faust“ als Prozessionstheater im Kulturhaus Rössle in Mauren in Liechtenstein – das Theater Karussell mit seinen semiprofessionellen SchauspielerInnen und den Amateurdarstellern hat viel gewagt und gewonnen. Regisseur Niko Büchel hatte im Stück die alte deutsche Volkssage, ein bisschen Shakespeare und Roths „menschlichen Makel“ gesehen und das berühmte Stück von Goethe als Kammerspiel von zwei ziemlich besten Freunden inszeniert.

Da sitzt er nun in seiner Dachstube, der alte Dr. Faust (Thomas Hassler), und ärgert sich, dass all sein Studieren nicht genützt hat, dass er nichts wissen kann, weil das Wissen in der Welt zu groß ist. Müde schlurft er in seinen hohen warmen Hausschuhen umher, seine Strickjacke hängt ausgeleiert an ihm herunter, seine grauen Haare sind halblang und liegen wirr nach allen Seiten. Es geht ihm nicht gut, daran kann auch sein Student (Manuel Martin) nichts ändern, im Gegenteil, der verärgert ihn nur noch mehr und es ist kein Wunder, dass Faust sich freut, als ihn ein Pudel (Hanno Dreher) heimsucht. Er bietet dem Tier sogar auf seinem Polsterstuhl einen Platz an, erschrickt aber dann doch, als er des Pudels Kern erkennt.

Es irrt der Mensch ...


Das ist (fast) der Beginn des „Faust“, eine Produktion des Theaters Karussell in der Inszenierung von Niko Büchel, gezeigt im neu eröffneten alten Kulturhaus Rössle in Mauren. Davor war der Prolog im Himmel zu sehen und zwar auf allen drei Etagen des Hauses, in dem der Herr (Gottfried Lercher) sich mit Mephisto bespricht und den Deal in der Casa Faust mit ihm eingeht. Ein Chor singt lieblich dazu (Musik von Marco Schädler) und dann werden die Gäste hereingebeten. Zuerst geht es  treppauf, ins Studierzimmer des Dr. Faust unter dem Dach, dann geht es hinab, die Hälfte der 60 Zuschauer dürfen Gretchens reinliches Zimmer betreten, die andere Hälfte erlebt Faustens Walpurgisnachtstraum. Da prallen Welten aufeinander.

Sittsam oder sexy?


Während das sittsame, sehr blonde, sehr zarte und liebliche Gretchen (Jessica Matzig) den König von Thule besingt und dabei wie jedes junge Mädchen von der Liebe träumt, wird in einem anderen Raum das pure Gegenteil gezeigt. Da liegt ein übergroßer weiblicher Torso auf dem Fußboden, die Brüste sind prall, die Scham ist nackt. Um ihn und auf ihm locken und tanzen und kichern Titania, Puck und Oberon aus Shakespeares Sommernachtstraum sowie Ariel aus dem „Sturm“. Fausts ganz spezieller Sommernachtstraum? Oder nur Symbol für pralle Lust und Sinnlichkeit.

Die Reise zu sich selbst


Dann geht es hinab in die Wirtsstube mit ihrer kleinen Theaterbühne, ein Laufsteg bildet die Mitte des Saals, das Publikum sitzt links und rechts davon auf Stühlen und schaut den beiden Männern zu, sieht, wie Faust sich auf seine Reise zu sich selbst begibt, wie ihn Mephisto dabei anstachelt, ihm immer wieder Contra gibt und alles tut, um seine Wette zu gewinnen. Er hat sichtbar seine Freude an Fausts zunehmender Verwirrung, aber irgendwie sind diese beiden Männer auch ziemlich beste Freunde, ob in Auerbachs Keller, in der Hexenküche – ein Labor, das wie eine psychiatrische Anstalt wirkt, in der eine Frau (?) Hexe (?) Tier (?) sich mit einem Totenkopf vergnügt. Die Oberhexe (Ute Hoffmann) reicht Faust den Zaubertrank, der ihn dann, hoppladihopp, sichtbar verjüngt. Die Haare sind plötzlich kurz, der Hut ist flott und der Gang federnd. So begegnet er dem schönen Fräulein und wagt es, Arm und Geleit ihr anzutragen. Die Geschichte zwischen dem Sugardaddy und seinem Liebchen nimmt ihren Lauf. Sie endet im Keller-Kerker: Gretchen liegt auf Stroh in einem Gehege, dort wird sie gerichtet/gerettet. Das Publikum steht ergriffen herum, der Schlussapplaus setzt ein und alle Darsteller verbeugen sich.

Respekt vor soviel Leistung


Der zweistündige Abend vergeht wie im Fluge. Er bleibt spannend, nicht nur, weil die Geschichte treppauf, treppab verfolgt wird. Thomas Hassler und Hanno Dreher tragen den Abend mit ihrer Präsenz. Sie sind ungemein textsicher und verblüffen mit einer grandiosen Spielfreude. (Nicht nur) bei ihnen ist dieser „Faust“ kein Klassiker mit Pathos und Kalendersprüchen, sondern ein saftiges Volksstück, das jeder versteht und das jeden berührt. Wenn Gretchen (von Jessica Matzig hinreißend sittsam gespielt) durch die sexuellen Abenteuer mit ihrem älteren Liebhaber erblüht, dann wird auch Goethe lebendig. Wenn die Nachbarin Marthe um Mephisto herumscharwenzelt, dann geschieht das bei Dodo Büchel so saftig und humorvoll, dass in der alten Dorfbeiz, die das Kulturhaus Rössle einmal war, plötzlich ein Dorfweib aus früheren Jahren auf der Balz zu erleben ist.

Für Regisseur Niko Büchel ist Goethes „Faust“ ein „Steinbruch an Zitaten“. Er hat damit in Mauren ein neues Haus gebaut und ein altes Haus eröffnet. Chapeau!


Weitere Vorstellungen:
So, 8. März 2015, 17 Uhr  
Mi, 11. März 2015, 20 Uhr
Fr, 13. März 2015, 20 Uhr
Sa, 14. März 2015, 20 Uhr
So, 15. März 2015, 17 Uhr
Mi, 18. März 2015, 20 Uhr
Do, 19. März 2015, 17 Uhr
Fr, 20. März 2015, 20 Uhr
Sa, 21. März 2015,  20Uhr
Mi, 25. März 2015,  20 Uhr
Dernière am Samstag, 28. März 2015, um 20 Uhr

Ziemlich beste Freunde: Thomas Hassler als Faust und Hanno Dreher als Mephisto

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Gretchen (Jessica Matzig) und Marthe (Dodo Büchel)

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  • Ziemlich beste Freunde: Thomas Hassler als Faust und Hanno Dreher als Mephisto Ziemlich beste Freunde: Thomas Hassler als Faust und Hanno Dreher als Mephisto
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