Die Wiener Noise-Rocker Bulbul sind als Band live bei einer Liquid Loft-Produktion beim tanz ist Festival dabei (Foto: Stefan Hauer)
Silvia Thurner · 24. Apr 2023 · Musik

Starke Poetry-Slam-Chor-Performance

Katharina Wenty und die Vocale Neuburg verliehen Mutter Erde eine Stimme

Ihre Stimme erhoben die Sänger:innen des Kammerchores Vocale Neuburg unter der Leitung von Oskar Egle am internationalen Mother Earth Day in der Kulturbühne AMBACH. Für ihr besonderes Vorhaben luden sie die Wiener Poetry-Slammerin Katharina Wenty ein, die das Chorkonzert mit ihren Texten maßgeblich bereicherte. Zusammen und mit einer bewundernswert vielfältigen Werkauswahl, hervorragenden Werkdeutungen und bewegten Bildprojektionen wurde den Besucher:innen ein inhaltsreiches Konzert beschert, das noch lange nachklingen und in Erinnerung bleiben wird.

Die Intention der Vocale Neuburg, die Stimme für unsere Erde hörbar zu machen, klang als ehrliches Anliegen. Eine passende Werkauswahl formulierte mehrere Aspekte für den Umwelt- und Klimaschutz aus. Doch der Clou der Konzertdramaturgie stellte die Poetry-Slammerin Katharina Wenty dar. Sie verband Kompositionen von Peter Ring, Enjott Schneider, Ēriks Ešenvalds, Matthew Orlovich und anderen mit einfallsreichen Texten. So entstand ein durchkomponiertes Ganzes, in dem die Musik und die Texte gleichwertig nebeneinander standen und die ernsten Inhalte emotional zur Geltung brachten. Katharina Wenty hat eine große Bühnenpräsenz und eine eindringliche und deutliche Sprechweise. Musikalisch trug sie die dichten Texte vor, indem sie mit ihrer angenehmen Stimme den Aussagegehalt durch den Redefluss verdichtete und teilweise auch in einer rhythmisierten Sprache zusätzlich betonte.

Verbindungslinien zwischen Musik und Text

Inhaltlich bezog sie die Liedtexte mit ein und reicherte sie mit bilderreichen Analogien über philosophische Gedanken und religiöse Motive an. Darüber hinaus fand Katharina Wenty schöne Sinnbilder für das Wesenselement Wasser als Ursprung allen Lebens. Ihre Texte ließen Bilder im Kopf entstehen, die weitere Assoziationen auslösten. Am eindrücklichsten gelang ihr dies in jener Passage, in der sie die Mutter Erde als verletzliches Wesen charakterisierte, das hingebungsvoller Zuwendung bedarf. Im Saal entstand eine dichte Atmosphäre und das Publikum reagierte begeistert auf die bescheiden auftretende Künstlerin.

Hervorragende Werkdeutungen

Die Sängerinnen und Sänger der Vocale Neuburg unter der Leitung von Oskar Egle beeindruckten mit ihren Werkdeutungen. Homogen im Gesamtklang, konzentriert auf die Stimmenbalance und mutig in der melodischen Gestaltung stellte der Chor die Lieder in den Raum. Sogleich die als „Umweltmotette“ betitelte Komposition von Peter Ring führte als wirkungsvolles Konglomerat aus verwobenen Liegetönen, einer „Dies Irae-Sequenz-Passage“ sowie Naturlauten wie Wassertropfen und Windgeräuschen in die Thematik ein. Eine eigentümliche Stimmung erzeugte Katharina Wenty mit dem umgedichteten „Vater unser“, das zum Kyrie von Enjott Schneider überleitete. Etwas Entspannung im dichten Verlauf bot der lyrische Männerchorsong „Trees“ von Ēriks Ešenvalds, bei dem die Sänger zu „klingenden Weingläsern“ sangen. In einem energischen Gegensatz dazu stand der gut artikulierte Song des Frauenchores „No Sir, we will not ...“ von Iris ter Schiphorst. Lediglich die Darbietung des Werkes „Tides of ocean“ wirkte intonatorisch etwas unsicher. Den Höhepunkt des Abends stellte die Komposition „Power of Nature“ von Alwin Schronen dar. Mit einem wogenden Duktus und einem hervorragend ausgedeuteten Vokalklang formten die Vocale Neuburg und Oskar Egle die modale Harmonik aus. Der Spannungsbogen hielt bis zum Schluss von Frank Tichelis „Earth Song“ und wurde mit dem Lied „Vom Nicht-Verstehen“ von Oliver Gies noch in eine zusätzliche gesellschaftspolitische Richtung gedehnt.
Der Chor wollte aufrütteln und die Anwesenden zu mehr aktivem Umweltschutz motivieren. Dies gelang mit der Poetry-Slam-Konzert hervorragend, kam aber mit den Texten am Beginn und am Schluss mit etwas viel Sendungsbewusstsein über die Rampe. Originell abgerundet wurde die eindrückliche Aufführung mit einer Einladung zur Verköstigung von Insekten im Foyer sowie verschenkten Blumensamen.

https://vocale-neuburg.com/