Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Silvia Thurner · 24. Aug 2026 · Musik

Starke Frauen und große Klangkunst

Jubel für das Symphonieorchester Vorarlberg, LeoMcFall und Emma Kajander

Beim vierten Orchesterkonzert im Rahmen der Bregenzer Festspiele haben traditionell das Symphonieorchester und sein Chefdirigent Leo McFall ihren Auftritt. Bereits die erlesene Auswahl der Werke von Ethel Smyth und Elizabeth Maconchy sowie Benjamin Britten und Edward Elgar verwies auf Großbritannien. Diese Musik liegt Leo McFall besonders, das war vom ersten Ton an zu erfahren. Eine ausgefeilte Klangkultur und die Balance zwischen den Stimmen verlieh allen Werkdeutungen eine dichte Aussage und Klangatmosphäre.  Im Mittelpunkt des Konzertes stand die Sopranistin Emma Kajander. Sie hatte bereits bei der Uraufführung von Daniel Bjarnasons „Passion of the Common Man“ begeistert und zog nun mit ihrer Interpretation von Benjamin Brittens „Les Illuminations“ die Zuhörenden in den Bann.

Die Bekanntheit der vier Kompositionen, Brittens „Les Illuminations“ und Elgars „Enigma-Variationen“ im Verhältnis zur Ouvertüre zur Oper „The Wreckers“ von Ethel Smyth sowie das „Nocturne“ von Elizabeth Maconchy, spiegelt die Rezeptionsgeschichte der Musik bis in die Gegenwart wider. Sowohl Ethel Smyth als auch Elizabeth Maconchy waren zu ihren Lebzeiten sowohl künstlerisch als auch politisch und gesellschaftlich sehr aktiv und erhielten für ihre große künstlerische Aussagekraft auch Anerkennung. Doch nach ihrem Tod versanken die Werke der beiden Komponistinnen in der Versenkung. Erst allmählich und in den vergangenen Jahren finden sie vermehrt Eingang in Konzertprogramme.

Emotionsgeladen und facettenreich

Ethel Smyth war eine bewundernswert starke Persönlichkeit. Als Jugendliche trat sie in einen Hungerstreik, um in Leipzig studieren zu können. Sie war in der Frauenrechtsbewegung aktiv und saß dafür auch im Gefängnis. Außerdem wusste sie genau, welche Bedingungen sie sich für die Aufführung ihrer Werke wünschte und setzte diese auch durch. Selbstbewusst und geheimnisvoll legte Ethel Smyth die Ouvertüre zu ihrer Oper „The Wreckers“ an. Darin traten Kontraste zwischen aufbrausenden Naturereignissen und emphatisch-romantische Themen in eine bildhafte Wechselwirkung. Die Musiker:innen des Symphonieorchesters formten die unterschiedlichsten Themencharaktere mit rhetorischen Phrasierungen aus. Generalpausen durchsetzten den musikalischen Fluss, der mitunter etwas undifferenziert wirkte. Dies beeinträchtigte das eindrückliche Klangerlebnis jedoch nicht.
Vielmehr zeigte sich bereits in diesem Stück die besondere Stärke des Chefdirigenten Leo McFalls. Unterschiedlichste musikalische Gefühlswelten wechselten im Hinblick auf die Dynamik und die Rhythmik schlagartig und auf engem Raum, ein Hauptmerkmal aller dargebotenen Kompositionen. Diese Flexibilität des Orchesters bewirkte schillernde und mitreißende Klangerlebnisse, obwohl alle vier dargebotenen Kompositionen unterschiedliche Wesenszüge trugen.
Eine Überraschung stellte das „Nocturne“ für Orchester von Elizabeth Maconchy dar, eine Komponistin, die hierzulande weitgehend unbekannt ist. Sie fand ihren individuellen künstlerischen Weg, ausgehend von einem Studium bei Ralph Vaughan Williams. Das „Nocturne“ zog die Zuhörenden durch seine hervorragende Instrumentierung sofort in seinen Bann. Ein mit kreisenden Bewegungen erzeugter Klanggrund entfaltete eine spannungsgeladene Stimmung, über dem die Holzbläser Dialoge führten. Markant wirkten die einesteils chromatisch angelegten Themen und die Intervallmotive. Es entfaltete sich einesteils eine impressionistische Stimmung, die andersseits von einer brodelnden inneren Spannung lebte. Diese Atmosphäre wurde von der Celesta und der Pauke unterstrichen. Mit eruptiver Kraft brachen die Blechbläser die Klangfläche auf.

Nuanciert und vielschichtig

Im Mittelpunkt des abwechslungsreichen Konzertes stand die Sopranistin Emma Kajander als Solistin von Benjamin Brittens „Les Illuminations“, op. 18, einem Liederzyklus nach Texten von Arthur Rimbaud. Facettenreich gestaltete die Sängerin nuanciert, mit warmem Timbre und großer Präsenz jeden einzelnen Abschnitt und betonte den surrealen Charakter der Texte. Gleichzeitig formte sie die melodischen Linien wunderbar dem Sprachduktus folgend und kristallisierte feinsinnig die ironische und auch erotische Quintessenz heraus.
Auch das Orchester modellierte die Musik von innen heraus, folgte zwar dem Ausdrucksgehalt des Textes. Viel Spannung bezog das Werk daraus, dass Britten den musikalischen Part nie lediglich illustrierte, sondern mit schillerndem Streichorchesterklang psychologisch interpretierte. Das gute Einvernehmen der Sopranistin mit dem aufmerksam musizierenden Orchester und den feinsinnig dargebotenen Soli machte diese Werkdeutung zu einem Erlebnis.
Abgerundet wurde die vielsagende Orchestermatinee mit Edward Elgars berühmten „Enigma-Variationen“, op. 36. Auch sie erklangen mit einer stringenten inneren Aussagekraft.