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Silvia Thurner · 12. Feb 2024 · Musik

SOV – innere und äußere Heimat

Ein aussagekräftiges Werk von Nikolaus Brass und farbenreiche Interpretationen

Beim vierten Abonnementkonzert des Symphonieorchesters Vorarlberg unter der Leitung von Jonathan Brandani standen zwei Werke mit zwei Protagonisten im Mittelpunkt. Die Uraufführung der Komposition „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ in der großen Orchesterfassung für Sprecher und Orchester von Nikolaus Brass war bewegend und verdeutlichte eindrücklich, wie Vertriebenen ihre eigene Identität genommen wird. Das lyrische Ich in der Symphonie „Harold en Italie“, op. 16 von Hector Berlioz verkörperte der Bratschist Nikita Gerkusov hervorragend.

Eröffnet wurde das Konzert im Bregenzer Festspielhaus mit der Ouvertüre zur Oper „Il Cappello di Paglia di Firenze“ von Nino Rota. Das flotte Stück, gespickt mit zahlreichen Zitaten und Allusionen an Rossini, Mozart und andere, führte die Zuhörenden munter in eine (vermeintlich) heile Welt. Jonathan Brandani und die Musiker:innen gestalteten die Musik mit den schnellen Schnitten zwischen Pianissimo und aufbrausendem Forte beschwingt und gut phrasiert.
Danach wandten sich das Orchester und Jonathan Brandani dem Wesentlichen zu. Bereits im Jahr 2019 komponierte Nikolaus Brass für das Festival „Texte und Töne“ ein Werk, in dem nach einem Text des aus Hohenems stammenden Jean Avery (vormals: Hans Mayer) die Novemberpogrome und deren Folgen thematisiert wurden. Der Werktitel stellt die brennend aktuelle Frage: „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“. Im zugrundeliegenden Text erzählt der Autor von seiner Flucht

 und wie er sich durch die Vertreibung doppelt verloren hat: Den Exilant:innen wurde die eigene Identität genommen und zudem machte sich die schmerzhafte Ambivalenz zwischen Heimweh, Heimatliebe und Heimathass breit. Die Fassung für großes Orchester wurde nun vom SOV mit David Kopp als Sprecher im Bregenzer Festspielhaus präsentiert.

Eindringliche musikalische Deutungen

Nikolaus Brass hat den Orchesterpart im Verhältnis zu den Inhalten in kommentierender Funktion sowie als Reflexionsebene konzipiert. Zahlreiche musikalische Passagen vergegenwärtigten dabei, dass der Arbeitsalltag und vertraute Umgebungsgeräusche für das Heimatempfinden essenziell sind. Wisch- und rumorende Geräusche, Holzblocks und pulsierende Rhythmen sowie Signale charakterisierten und kommentierten den Text von Jean Avery. Das musikalische Beziehungsgeflecht legte die Schilderungen vielschichtig an der Klangoberfläche und deren „Unterbau“ offen. Besonders eindringlich wirkte die Passage, in der David Kopp die eigene Identität mit dem Ich- und Wir-Erleben thematisierte und die Dramatik des Gefühls der Verlorenheit ansprach.
Mit Hector Berliozs „Harold en Italie“, op. 16 führte das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Jonathan Brandani die Zuhörenden in die Abruzzen nach Italien. Nikita Gerkusov an der Bratsche füllte den Part des lyrischen Ichs mit seinem poesievollen Spiel voll aus. Er betrat die Bühne vom Zuschauerraum aus, brachte sich in das Geschehen ein und suchte im Finalsatz wieder eine beobachtende Rolle als Außenseiter. So wurde die zugrundeliegende Handlung anschaulich dargestellt, die teilweise naiven Themen erklangen transparent ausgestaltet und erhielten Raum und Zeit für deren Entfaltung. Als herausragender Instrumentator hat Hector Berlioz eine farbenreiche und plastische Musik geschaffen. Die Musiker:innen des Symphonieorchesters Vorarlberg und Jonathan Brandani spielten engagiert und energetisch und sie loteten die Themencharaktere dynamisch aus. Unwägbarkeiten in der Stimmenkoordination hatten deshalb wenig Bedeutung im großen Ganzen des Musikerlebnisses.

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