Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Silvia Thurner · 18. Feb 2023 · Musik

Solstices – sich heftig durchdringende Körper

Brigitte Walk und Guy Speyers haben sich schon vor Jahren vorgenommen, miteinander in eine Musiktheaterproduktion einzutauchen. Ihre gemeinsame Vorliebe für die musikalische Ausdruckskraft der Werke von Georg Friedrich Haas machte bald klar, dass sie sich diesem Komponisten zuwenden wollten. Das war von beiden Seiten eine mutige Entscheidung, denn die Musik des in Vorarlberg aufgewachsenen und in New York lebenden Komponisten stellt an Künstler:innen höchste Ansprüche. Georg Friedrich Haas schenkte der Tanztheaterleiterin und dem Ensembleleiter großes Vertrauen und überließ ihnen das im Jahr 2018 entstandene Werk „Solstices“. Nach monatelanger, intensiver Auseinandersetzung fand die Premiere im Dornbirner Kulturhaus statt und stieß auf einhellige Begeisterung.

„Solstices“ ist ein Werk für zehn Ensemblemusiker:innen, dessen Wesensgrund unter anderem darin besteht, dass die gut einstündige Komposition in vollkommener Dunkelheit gespielt und erlebt wird. Die Spielanweisungen für das Ensemble (Michaela Girardi (Vl), Guy Speyers (Va), Myriam Garcia Fidalgo (Vc), Nikolaus Feinig (Kb), Anja Nowotny-Baldauf (Fl), Hauke Kohlmorgen (Klar), Thomas Gertner (Pos), Martin Gallez (Kl), Benjamin Kuhn (Git) und Bertram Brugger (Perk) sind einesteils exakt vorgegeben, lassen aber andernteils vielfältige Zugangsweisen und improvisatorische Felder offen. Im Mittelpunkt steht das rein gestimmte Klavier, das Auslöser für mannigfache Kommunikationsmuster ist, und zu dem die anderen Instrumente in vielgestaltigen musikalischen Annäherungen immer wieder hindriften.

Ausdrucksstarkes musikalisches Zusammenwirken

Die mikrotonale Musik verlangt von den Musiker:innen ein genaues Hinhören auf Schwebungen, Reibungen, sich bewegende Klangmassen und sehr fein ausbalancierte Tongewebe. In und zwischen den einzelnen Stimmen türmen sich aufgespaltene Klangskulpturen, gewaltige dynamische Aufschwünge und Ausbrüche auf. Wer jemals eine Komposition von Haas in vollkommener Dunkelheit erlebt hat, weiß, warum ihm diese Anweisung so substanziell bedeutend ist. In einer allzu kurzen, lediglich sechsminütigen Sequenz wurde dies auch auf der Bühne des Dornbirner Kulturhauses erlebbar. Wie sich die Ensemblemusiker:innen immer wieder aufeinander einstimmten und mit einer enormen Wucht Kulminationspunkte setzten, bot ein fantastisches Hörerlebnis. Das Ensemble plus wuchs während dieser Performance über sich selbst hinaus, agierte sehr präsent und in einem bewundernswerten Zusammenwirken miteinander.

Eine Neudeutung mit starkem emotionalem Gehalt

Die Aufführung in vollkommener Dunkelheit steht einer Tanztheaterproduktion diametral entgegen und so war es spannend zu erleben, in welcher Art die Regisseurin Brigitte Walk und die Choreografin Elisabeth Orlowsky die geistreiche Musik in tänzerische Bilder überführen und spiegeln würden.
Miriam Arnold, Sebastien Kapps, Joni Österlund, Marina Rützler, Silvia Salzmann und Chris Wang haben sich intensiv mit der Musik von „Solstices“ auseinandergesetzt, sind ganz in sie eingetaucht und setzten sie wunderbar in Szene. Das Zusammenspiel zwischen dem Ensemble und der in die Körper der Tänzer:innen übergeführten Musik ergab eine sensible und zugleich höchst eindrückliche Tanzperformance. Die vielfältige Aufspaltung in mehrere gleichzeitig stattfindenden Deutungsebenen entfalteten ein komplexes visuelles Geschehen auf der Bühne. Gleichzeitig entwickelten die Rhythmisierung der ganzen Gruppe im Wechsel mit den einzelnen Charakteren und die musikalischen Verläufe ein starkes Beziehungsgeflecht. Korrespondenzen und Gegensätze kamen gut zur Geltung.

Subjektives Erleben

Für mich bemerkenswert war die inhaltliche Einbettung der Tanzperformance in die Ausdruckswelt der Musik. Sinnbildlich hierfür stand der starke Beginn der Aufführung. Ein Tänzer führte solo und in Stille mit enormer körperlicher Ausdruckskraft in eine von Vögeln inspirierte, animalische (Bewegungs-)Welt. Danach entfalteten sich unterschiedliche emotionale Tableaus und Aktionen, die sich gegenseitig aufschaukelten, zueinander Beziehung aufnahmen, individuelle Freiräume einforderten und schufen. Transparente und raffiniert beleuchtete Vorhänge ermöglichten inspirierende Reflexionen und Spiegelungen der Körper.
Die Bilderketten setzten vor allem in Verbindung mit der Farbgebung von rot und schwarz starke assoziative Verbindungslinien zu sexuellen Interaktionen aus. Abschnittweise empfand ich die filigranen Texturen der Musik und die mitunter durchaus auch aggressiv aufgeladenen Tanzsequenzen als anstrengend und ziemlich weit voneinander entfernt. Eine Insel starker Gefühle verströmte jene Passage, in der eine Protagonistin mit einem Drehtanz die Wahrnehmung fokussierte und damit die musikalischen und tänzerischen Energien bündelte.
Insbesondere die Schlusspassage wirkte aufwühlend auf mich und regte zum Weiterdenken an. Während sich die Musik einem Konsens zubewegte, wurde eine Solotänzerin heftig gebeutelt. Sich immer wieder aufbäumend, sträubte sie sich dagegen.
Das Lichtdesign von Matthias Zuggal unterstützte und interpretierte das dichte Geschehen während der gesamten Performance hervorragend. Es lenkte zugleich die akustischen Wahrnehmungen und den Blick.

weitere Aufführungen
18.2./20./22.2., jeweils 19.30 Uhr
19.2., 10 Uhr
Kulturhaus, Dornbirn

https://www.walktanztheater.com/Projects/6005/
https://www.ensembleplus.at/georg-friedrich-haas-solstices