Voices unter der Leitung von Jakob Peböck (Foto: Michaela Mathis)
Sieglinde Wöhrer · 05. Jän 2026 · Literatur

Skifahren im Jahr 2100

Die Klimajournalistin Laura Anninger hat ein Buch über die Zukunft des Wintersports geschrieben.

Wird es in den nächsten Jahrzehnten und auch im Jahr 2100 noch Schnee auf den Pisten geben? Und was ist der Preis dafür? Für ihre neue Publikation hat die Umwelt- und Wissenschaftsjournalistin Laura Anninger mit Klimaexperten, Umweltanwälten, Hydrologen und Klimaforschern, Geografen, Meteorologen, Juristen, Aktivisten und Schneeforschern, aber ebenso mit Unternehmern, Historikern und mit Betreibern von Skigebieten und Seilbahnen gesprochen und ist den unterschiedlichen Aspekten des Wintersporttourismus auf den Grund gegangen.

Der für das Skifahren wertvollste Rohstoff ist der Schnee und für den Schnee machen auch nur wenige Grad schon einen Unterschied. „Leider wird es nun immer wärmer, oder, anders ausgedrückt, immer seltener kalt genug“, schreibt die Salzburger Autorin in „Schnee von morgen“. Sie hat recherchiert, was die Folgen der Klimakrise aus ökologischer, globaler und wirtschaftlicher Perspektive für den Wintersport und die alpinen Skigebiete in Österreich bedeuten.

Österreich als „Ski-Nation“

Zunächst richtet sie ihren Blick in die Vergangenheit: Neben einer „Auffrischung“ darüber, wie Menschen das Klima beeinflussen, gibt sie auch einen Rückblick auf die historische Entwicklung und Verbreitung des Skifahrens in Österreich, das bewusst politisch vorangetrieben wurde und in den Medien polarisierte. „Der lange nationale Fokus auf das Skifahren als Volks- und Nationalsport und touristisches Gut hat Spuren hinterlassen: Erfolgsstatistiken und Rekordumsätze etwa sowie die Tatsache, dass in Österreich jedes Jahr Schulklassen auf Skikurse fahren.“
Anninger lässt auch persönliche Perspektiven einfließen, fragt ihre Interviewpartner:innen nach ihren ersten Erlebnissen auf Skiern und beobachtet im Dezember 2024 acht- und neunjährige Kinder bei ihrem ersten Mal auf Skiern – auf einer Mattenpiste ohne Schnee. Sie berichtet von ihren eigenen glücklichen Kindheitserinnerungen an das Skifahren auf Pisten in natürlichem Schnee, die es zwanzig Jahre später nun nicht mehr gibt. „Schon fast ein Jahrzehnt lang wachsen dort Christbäume.“ Ein Bild, das ein Schicksal von so vielen Skigebieten beschreibt, die unrentabel geworden sind, „weil der Schnee immer seltener fiel und schneller schmolz“, denn auch Beschneiungsanlagen können nicht immer gegen die Klimaveränderungen ankommen: „Die physikalische Grenze, bei der das Wasser in der kalten Luft gefriert, lässt sich schlicht nicht durch neue Technologien ändern“, zitiert Anninger den Schweizer Schneeforscher Fabian Wolfsperger. Im Kapitel zur Schneeerzeugung beschreibt sie, wie mit „Snowfactorys“, dem „Schneeprophet“ und „Snowfarming“ gegengesteuert wird und erklärt, wie Skigebiete negative Presse wirtschaftlich nutzen. Sie berichtet von den Spektakeln rund um Ski-Openings und den Investitionen in Milliardenhöhe, die in den vergangenen Jahrzehnten in die technische Beschneiung geflossen sind. „Das Teuerste sind Betriebsausfälle aufgrund von Schneemangel. Niemals die Beschneiung“, erfährt die Autorin aus einem Gespräch mit Reinhard Klier, dem Tiroler Obmann der Fachgruppe Seilbahnen in der Wirtschaftskammer.

80 Tage weniger Schnee

In „Schnee von morgen“ dokumentiert Anninger, was „Skifahren in Zeiten der Klimakrise“ mit sich bringt und möglich macht und warum die Temperaturen in Österreich schneller ansteigen als anderswo. „Jeder Zehntelgrad globaler Erwärmung bedeutet circa drei Tage weniger Schnee“, fasst sie zusammen. „Schreitet die Klimakrise ungebremst voran, stehen wir 2100 bei einer globalen Erwärmung von mindestens vier Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. […] Aktuell sind wir global auf 3,1-Grad-Kurs“, was laut dem Meteorologen und Leiter der Klima-Folgen-Forschung an der Geosphere Austria, Marc Olefs, in den Alpen sechs Grad Erwärmung bedeuten würde. „Machen wir weiter wie bisher, so zeigt eine Studie, könnte es 2100 nur 137 Schneetage in den Alpen geben. Das wären 80 Tage weniger als heute.“ Wie die Autorin ausführt, wäre so ein Temperaturanstieg nicht nur für kleinere, niedriger gelegene Skigebiete problematisch.
Anninger erklärt die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Skitourismusindustrie, nennt Zahlen und Namen, lässt Verantwortliche zu Wort kommen und beschreibt die Hintergründe im Vorarlberger Montafon genauso wie jene im steirischen Mürztal (wo die Autorin ihre Kindheit verbrachte), denn überall leidet auch die Wirtschaft unter der Klimakrise. Dürren, Starkregen- und Extremwetterereignisse führten in Europa allein im Jahr 2024 zu einer 18 Milliarden Euro großen Schadenssumme. „Ob das Skifahren noch so wichtig sein wird, wenn das Wirtschaftssystem ins Straucheln gerät, wage ich zu bezweifeln“, zitiert sie den Glaziologen und Klimaforscher Georg Kaser, der unter anderem an drei Berichtszyklen des Weltklimarats (IPCC) mitgearbeitet hat.

Eine Frage der Definition

Gibt es noch eine andere Möglichkeit, das Skifahren auch für künftige Generationen zu bewahren? Beispielhaft zeigt die Journalistin auf, wie datenbasierte Forschung genutzt wird, um ressourcenschonend den Winterbetrieb aufrecht zu erhalten. Sie berichtet über innovative Ansätze und Initiativen einzelner Skigebiete, den Tourismus abseits des Winters zu forcieren und trifft sich mit Menschen, die sich gegen den Ausbau von Skigebieten aussprechen und die Interessen der Natur auch vor Gericht vertreten. Anninger enthüllt, was dahintersteht, wenn Skigebiete sich als „klimaneutral“ zertifizieren lassen. „Kann ein Skigebiet, rein hypothetisch, klimaneutral sein?“ Die Journalistin rechnet nach, schaut auf Emissionswerte und die Zahlen des jährlichen Energieverbrauchs des Wintertourismus. Tatsächlich versuchen viele Skigebiete, ihre Emissionswerte zu reduzieren, denn wie die Autorin aufschlüsselt, sei es auch ein Ziel der Tourismusgebiete selbst, „klimaverträglicher“ zu sein: „Maßnahmen, die den ökologischen Fußabdruck der Branche verringern, helfen nicht nur dem Image der Branche. Sie könnten für viele Gebiete zu einer Frage des Weiterbestehens werden.“ Dennoch machen viele Orte „weiter, wie bisher“, was aus wirtschaftssoziologischer Sicht trotz der paradoxen Situation „keineswegs irrational“ sei. „Das Modell funktionierte lange, prägte Landschaften, Lebensläufe und Dorfgemeinschaften, band Kapital und generierte Umsätze.“

Bestandsaufnahme und Denkanstoß

Laura Anninger vermittelt mit ihrem wichtigen Buch eine tiefgehende und besorgniserregende Bestandsaufnahme und auch einen Denkanstoß. Sie richtet den Blick in die Zukunft und lässt sich auch von der angespannten Lage angesichts der Klimafolgen nicht entmutigen: „Was ist noch zu retten? Und wer kann die richtigen Weichen stellen?“ Und dabei geht es nicht nur um das Skifahren: „Damit wir reines Wasser, saubere Luft, gesunde Nahrungsmittel, Schutz vor Naturgefahren sowie dem Ausbruch von Krankheiten, Inhaltsstoffe für Medikamente, Rückzugsräume und CO2-Speicher haben, müssen komplexe Prozesse, für die es eine Vielzahl und Vielfalt an Lebewesen, genetischen Variationen und Lebensräumen braucht, intakt sein. Das sind sie schon lange nicht mehr.“

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Dez.25/Jan.26 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Laura Anninger: Schnee von morgen. Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels. Mit einem Vorwort von Lois Hechenblaikner, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2025, 192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-7025-1160-9, € 26,95