Tanz ist Festival (Foto: Stefan Hauer)
Michael Löbl · 28. Okt 2026 · Musik

Pure Voices

Der Landesjugendchor Voices diesmal im Montforthaus Feldkirch.

Neuer Ort, neuer Termin: Der Landesjugendchor Voices hat seinen weihnachtlichen Traditionstermin um zwei Monate vorverlegt und ist von Götzis nach Feldkirch umgezogen.

Liebgewonnene Traditionen aufzugeben ist immer mit etwas Wehmut verbunden. Viele Jahre lang waren die Voices-Konzerte in der Kulturbühne AmBach am Jahresende fixe Termine im Kalender von Freund:innen der Chormusik. Beide Konzerte waren regelmäßig ohne größeren Werbeaufwand innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, sodass es für Spätbucher:innen irgendwann keine Karten mehr gab. Aus diesem Grund hat der Chor in den vergangenen zwei Jahren jeweils ein zusätzliches Konzert im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg veranstaltet.

Neuer Termin, neuer Saal

2026 hat man sich für einen neuen Termin und einen neuen Aufführungsort mit größerer Kapazität entschieden. Zwei Konzerte im Montforthaus Feldkirch fassen mehr Zuschauer:innen als drei Konzerte in Götzis und Schwarzenberg, und die Termine mitten in den Weihnachtsferien waren nicht bei allen Chormitgliedern die erste Wahl. Dazu gab es wiederholt Terminkollisionen in der Kulturbühne AmBach mit den Proben für das Neujahrskonzert des tonart-Jugendsinfonieorchesters. 2026 also nun Feldkirch rund um den Nationalfeiertag mit Konzerten am 25. und 26. Oktober.
Am Aufbau des Programms wurde nichts geändert. Jakob Peböck hat sich als Leiter etabliert, als ehemaliges langjähriges Chormitglied ist er auch vom Alter her genau der Richtige für diese Aufgabe. Diese Zusammenarbeit kann man nur als Glücksfall bezeichnen. Der Programmablauf bot auch heuer wieder die typische Voices-Mischung mit A-cappella-Chorwerken von der Romantik über internationale traditionelle Formen bis hin zu stilistisch vielseitigen zeitgenössischen Arrangements. Lea Gratzer und Moritz Schöbi moderierten den Abend, wie immer in mehreren, teils ungewöhnlichen Sprachen wie Bulgarisch oder Gälisch, mit einzelnen Programmpunkten, in denen sich Damen und Herren getrennt präsentierten, dazu einige Nummern mit Choreografie und – das ist immer wieder beeindruckend – fast alles auswendig. Der Chor arrangiert sich optisch auf der Bühne ständig neu und es gibt auch zwei Programmpunkte ohne Dirigenten.

Perfekte Altersstruktur

Die Vorbereitung der einzelnen Chorsänger:innen ist wohl eines der Geheimnisse des Erfolgs von Voices, denn nur in der zur Verfügung stehenden knappen Probenzeit wäre die Erarbeitung eines derart komplexen Programms nicht zu schaffen. Ein weiteres Geheimnis ist natürlich die Altersstruktur. 16 bis 26 Jahre gilt als üblich für einen Jugendchor, bei Voices dürfte der Durchschnitt bei ungefähr 22 Jahren liegen. Ein optimales Alter, in dem die menschliche Stimme bereits gefestigt ist, gleichzeitig aber noch keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt. So entsteht dieser immer wieder faszinierende, kompakte und runde Chorklang, der musikalisch alles ausdrücken kann und der kaum Grenzen zu kennen scheint. Vom schwebenden dreifachen Pianissimo in „Ich seh dich“ bis zu den schneidenden Dissonanzen des Damenchors in „Svatba“ ist alles möglich. Diese klangliche Vielfalt begeistert das Publikum immer wieder und macht Voices-Konzerte zu ganz besonderen musikalischen Erlebnissen.

Akustische Änderungen

Obwohl sich bei Chor und Programm nichts geändert hat, mit dem Wechsel der Räumlichkeiten hat man sich auch von der für Chorgesang nahezu perfekten Akustik der Kulturbühne AmBach verabschiedet. Diese Kombination war fast schon Kult, in Götzis wurden die Zuhörer:innen akustisch überwältigt, wenn Voices so richtig aufgedreht hat. Diesen Überwältigungseffekt gibt es in Feldkirch leider nicht mehr. Keine Frage, das Montforthaus ist für die Voices-Besetzung klanglich hervorragend geeignet, aber Raumhöhe und -größe bewirken eine andere Atmosphäre und schaffen andere akustische Bedingungen.
Die musikalische Reise – heuer unter dem Titel „Pure Voices“ – begann in Schweden mit „Polska på tvären“ der Komponistin Gittan Glans. Dann gleich der erste Kontrast: „Ich bin die Auferstehung“ von Albert Becker, dem Leiter des Königlichen Berliner Domchores von 1889 bis 1899. Sakrale deutsche Romantik in Reinkultur, von Voices perfekt intoniert und klanglich ausbalanciert wiedergegeben. Von Berlin reiste man ins benachbarte Graubünden, wo eine erste sprachliche Herausforderung auf die Sänger:innen wartete: Der Komponist Flavio Bundi verfasste „Ei Pluschigna“ auf Rumantsch.

Von Bulgarien über Berlin ins Baltikum

Die Voices-Damen hatten sich im bulgarischen Hochzeitslied „Svatba“ das musikalisch spezielle Idiom des Balkans zu eigen gemacht, bevor man wieder zurückkehrte zur deutschen Romantik: „Denn er hat seinen Engeln befohlen“, die berühmte Motette von Felix Mendelssohn Bartholdy, die er später in sein Oratorium „Elias“ integriert hat. Anschließend waren die Männer gefragt. Im traditionellen Barbershop-Stil präsentierten sie das traditionelle Kirchenlied „It Is Well with My Soul“. Es folgte einer der berührendsten Momente des Abends: „Only in Sleep“ des zeitgenössischen lettischen Komponisten Ēriks Ešenvalds’, ergänzt durch Julia Schelling als Solistin, die mit ihrer reinen, ungekünstelten Naturstimme über dem Chor schwebte und für allgemeine Gänsehaut sorgte. Ebenfalls aus Lettland stammt Laura Jēkabsone, gemeinsam mit Ēriks Ešenvalds gehört sie zu den populärsten Chorkomponist:innen dieses Landes. Auch ihre Musik ist stark von baltischer Folklore beeinflusst. „Komm, Gott“ ist die Übersetzung ihrer Komposition „Nāc, Dievini!“

Gott ist weiblich

Nach der Pause ging es weiter mit „Egal“ des in Wien lebenden und unter „Dunkelbunt“ bekannten Musikers und Musikproduzenten Ulf Lindemann. Dann wieder ein Sprung in den Norden, genauer gesagt nach Schweden und Finnland. „Mitä Kaikatat Kivonen“ von Mia Kristine Makaroff folgte auf den „Sommarpsalm“ von Waldemar Åhlén. Dann wieder die Voices-Damen mit dem kanadischen Hip-Hop-Song „Crabbuckit“. Die von ihm verfasste Vertonung des 23. Psalms hat der amerikanische Vokalkünstler Bobby McFerrin seiner Mutter gewidmet. Das Besondere an dieser Version ist, dass jede männliche durch die entsprechende weibliche Form ersetzt wurde, Gott ist bei Bobby McFerrin also kein „He“, sondern eine „She“. Das musikalisch wie sprachlich wohl extremste Stück des Abends war das traditionelle irische Volkslied „Dúlamán“, temporeich und perfekt wiedergegeben vom Voices-Männerchor in gälischer Sprache. Respekt! Es folgte so etwas wie der Signature-Song des Landesjugendchores: „Ich seh dich“ von Oliver Gies, eine innige Ballade des A-cappella-Ensembles Maybebop.
Das Programm endete mit Standing Ovations nach der Nummer „Softest Rains“ des in Los Angeles beheimateten Musikers Rob Dietz und der Zugabe „Un’estate italiana“. Wann und wo werden die Voices -Konzerte 2027 stattfinden? Noch ist nichts bekannt. Aber vorher wird Voices in einem Konzert des Chorverbandes Vorarlberg im März gemeinsam mit dem weltberühmten britischen A-cappella-Ensemble Voces8 ebenfalls im Montforthaus zu erleben sein. Termin bitte vormerken!

 

Vorankündigung:
VOCES8 meets VOICES
Do, 25.3.27, 20 Uhr
Montforthaus Feldkirch

www.voices4you.com