Piotr Schmidt: Komeda’s Songs Without Words
Der 1985 geborene Trompeter, Komponist und künstlerische Leiter des Labels SJRecords Piotr Schmidt zählt zu den renommiertesten Musikern Polens und erregte mit Hommagen an zwei polnische Musikerpersönlichkeiten, die eng miteinander verbunden und von internationaler Bedeutung sind, auch außerhalb seiner Heimat einiges Aufsehen. So präsentierte er auf „Komeda Unknown 1967“ (2022) seine Arrangements von unbekannten Stücken des legendären Jazzpianisten und Filmmusikkomponisten Krzysztof Komeda und ein „Tribute to Tomasz Stańko“ (2018), der fünf Jahre lang mit seinem Trompetenspiel Komedas Band maßgeblich mitgeprägt hatte und dadurch auch außerhalb Polens populär wurde. 2024 hat Piotr Schmidt im Auftrag des „Love Polish Jazz Festivals“ ein weiteres Komeda-Projekt realisiert, dessen mitgeschnittene Uraufführung nun als Album vorliegt.
Schmidt hat Songs aus dem reichhaltigen Œuvre Krzysztof Komedas ausgewählt und der Lyrics entledigt. Komeda hatte in den 1960er Jahren die Soundtracks für rund 70 Filme komponiert – am bekanntesten sind „Rosemary’s Baby“ (mit dem berühmten von Mia Farrow geträllerten „Lullaby“), „Tanz der Vampire“, „Wenn Katelbach kommt“ und „Das Messer im Wasser“, allesamt von Roman Polański, der Komeda auch nach Hollywood brachte. Schmidt nahm aber sieben weniger bekannte Songs als Ausgangspunkte für seine zeitgemäßen instrumentalen Neuinterpretationen – respektvoll, ohne an den Vorbildern zu kleben. Er arrangierte sie für ein Sextett mit seinen Landsleuten Grzech Piotrowski (sax), Paweł Tomaszwski (p), Michał Barański (b) und Sebastian Kuchczyński (dr) sowie dem französischen Star-Perkussionisten Mino Cinelu.
Der Opener „Z ręka na gardle“ („Mit einer Hand an der Kehle“) stammt aus Jerzy Skolimowskis Film „Bariera“ (1966) und wurde damals von Ewa Demarczyk höchst dramatisch gesungen. In Schmidts Version kommen die Soli auf Trompete, Piano und selbst das expressive Saxophon-Solo Piotrowskis ohne das Pathos des Originals aus. Die sich immer wieder dramatisch aufbäumende Ballade „Filiżanka kawy“ („Eine Tasse Kaffee“) – 1961 für eine Kabarett-Produktion geschrieben und von der Schauspielerin Barbara Nawratowicz gesungen – wird in einem zehnminütigen Arrangement nach allen Regeln der Kunst und mit höchst emotionalen Soli Schmidts und Piotrowskis aufbereitet. Im selben Fahrwasser bewegt sich „Szara kolęda“ („Graues Weihnachtslied“), das nur indirekt mit einem Film zu tun hat, wurde es doch 1965 für eine Theateradaption von „Frühstück bei Tiffany“ durch das Teatr Komedia in Warschau komponiert – allerdings von Komeda als Instrumentalstück verfasst und erst später vom Liedtexter Wojciech Młynarski zum Song erweitert. Für dieselbe Produktion hat Komeda auch „Ja nie chcę spać“ („Ich möchte nicht schlafen“) geschrieben, eine verträumte Ballade, die von Piotr Schmidts Sextett höchst stimmungsvoll und mit viel Sinn für Dramatik umgesetzt wurde. Für den 1969 veröffentlichten Gefängnisfilm „Riot“ des New Yorker Regisseurs Buzz Kulik schrieb Komeda – es war die letzte Filmkomposition vor seinem Tod – das von Bill Medley von den Righteous Brothers gesungene, reichlich melodramatische „One Hundred Years“. Piotr Schmidt hat es zur flotten Latin-Nummer und auf die vierfache Länge des Originals hin arrangiert, wobei – neben den üblichen Verdächtigen Sax, Trompete und Piano – auch Perkussionist Mino Cinelu, Drummer Kuchczyński und Kontrabassist Barański ihre Solokünste demonstrieren können. „Le Départ“ (1967) ist der Titelsong des gleichnamigen belgischen Spielfilms von Jerzy Skolimowski, ein höchst romantisches, von der französischen Jazzsängerin Christiane Legrand intoniertes Liebeslied – Piotr Schmidt bringt auch hier mit seinem famosen Sextett den Jazz-Gehalt der Komeda-Kompositionen voll zur Geltung. „Nim wstanie dzień“ („Bevor der Tag anbricht“) sang der polnische Schauspieler und Sänger Edmund Fetting 1964 im polnischen Nachkriegs-Eastern „Gesetz und Faust“ von Hoffman/Skórzewski. Die Lyrics von Agnieszka Osiecka, die häufig für Komeda getextet hat, drehen sich um die Schrecken des Krieges und die Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft und trugen dazu bei, den Song zu einem von zahlreichen Interpret:innen aufgenommenen polnischen Klassiker zu machen. Das von Komeda nur mit einfacher Gitarre instrumentierte Lied wird bei Schmidt zum fast zwölfminütigen Instrumentalstück. Zwar mag einiges vom rauen, unpolierten Charme der Komeda-Songs verlorengegangen sein, und natürlich verfügt die menschliche Stimme über ganz spezielle emotionale Qualitäten, aber diese Anhäufung exzellenter Solisten, die auch zu einem perfekten Band-Sound gefunden haben, hat sehr viel zu bieten. Und ganz nebenbei macht der Vergleich mit den Originalen viel Spaß und regt dazu an, sich vielleicht wieder einmal einen dieser eigenwilligen 1960er-Jahre-Autorenfilme anzusehen.
(SJ Records)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.