Tobias Grabher, die Camerata Musica Reno und Michael Köhlmeier bescherten dem Publikum ein „österliches Cineastenfest“.
Silvia Thurner · 15. Mär 2024 · Musik

Jubel in der Pforte

Ein mitreißendes Pfortekonzert zur Saisonseröffnung

Musik in der Pforte eröffnete die neue Saison mit einem ausdrucksstarken Konzert, das noch lange nachklingen wird. Darin vereinigt war alles, was man sich von herausragender Kammermusik wünschen darf. Eine Uraufführung eines Werkes von Laura Winkler, herausragende Musiker:innen, die ständig den musikalischen Dialog miteinander suchten, drei aufstrebende junge Musiker aus dem Bochabela String Orchestra sowie der international renommierte Klarinettist Mathias Schorn. Am meisten faszinierte die Kunst des sprachlich-musikalischen Rezitierens und die Bühnenpräsenz von Cornelius Obonya.

Laura Winkler beeindruckte mit ihrem Orchesterlied „Saiga | Too fast too soon. Too slow too long“ für Frauenstimme und Orchester bereits vor vier Jahren das Pfortepublikum. Nun schuf die aus der Steiermark stammende Komponistin und Sängerin das Werk „Bis an den Rand – Musikalische Gedanken zum Stundenbuch“ nach Texten von Rainer Maria Rilke für Streichquintett, Congas und Rezitation. Im Rahmen des ersten Abokonzertes kam die ausdrucksvolle Komposition zur Uraufführung.
Die Gedichte aus Rilkes Stundenbuch machen für sich alleine mit ihrem Inhalt und auch mit ihrem fulminanten Wortklang einen großen Eindruck. Die farbige Sprache, in der Rilke natur-, religions- und kunstphilosophische Inhalte in Lyrik fasste, verströmt eine intensive Kraft.
Laura Winkler näherte sich kompositorisch vorsichtig den Gedichten. Flächige Tonrepetitionen, perkussive Passagen, die den Wortduktus nachzeichneten, und zahlreiche in sich kreisende Tonfiguren legte sie den Gedichten zugrunde. Lyrische melodische Linien wurden in Beziehung zum Text gestellt. Aufhorchen ließen die harmonischen Modulationen, die teilweise die Übergänge zwischen den 10 Gedichten betonten. Besonders vielsagend wurden damit die Gedichte „Lösch mir die Augen aus“ und „Du siehst, ich will viel“ und „Ich liebe dich, du sanftes Gesetz“ mit „Ich finde dich in allen diesen Dingen“ zueinander in Beziehung gesetzt.

Begeisterte Aufnahme eines neuen Werkes

Gleich zu Beginn nahm das Werk zum Gedicht „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ eine große textdeutende Dynamik an, die im „morbiden“ Walzer ihren Höhepunkt fand. Matthias Schorn (Klarinette), Sophie Heinrich und Hloni Mokoena (Violine), Klaus Christa (Viola), Mathias Johansen (Violoncello), Siyabonga Mtjale (Kontrabass) und Zuko Samela (Perkussion) formten die Musik mit energiegeladener Spielfreude.
Laura Winklers Komposition lebte vom grandiosen Vortrag des Cornelius Obonya. Er füllte die Texte mit Leben und zog die Zuhörenden mit seinem durchdringenden und überaus musikalischen Vortrag in seinen Bann. Mit vielgestaltigen Betonungen, schattierenden Vokalfärbungen, Dynamik und nuancierten Tonlagen verlieh er den bildgewaltigen Textinhalten einen großen musikalischen Ausdruck. Besonders beeindruckte der Walzer des vorletzten Gedichts „Ich liebe dich du sanftestes Gesetz“, das Cornelius Obonya mit einem bewundernswerten Falsett und einem humorvollen Touch in den Raum stellte. Die Zuhörenden im bis auf den letzten Platz gefüllten Pförtnerhaus hörten gebannt zu und taten ihre Begeisterung mit jubelndem Applaus kund.

Lebensfreude und Humor mit Abdullah Ibrahim

Nach dem tiefgehenden Werk von Laura Winkler boten die Latin-Swing Stücke „Maraba Blue & Chisa“ des südafrikanischen Pianisten und Komponisten Abdullah Ibrahim einen willkommenen Ausgleich. Zuko Samela hatte die Werke für diese spezielle Besetzung mit Streichquintett, Klarinette und Perkussion arrangiert.

Heldenreise als Jahresmotto der Pforte

Die Pforte steht im Jahr 2024 unter dem Leitgedanken „Folge deinem Entzücken und das Universum wird dir Türen öffnen, wo vorher nur Mauern waren“. Der Satz ist der „Heldenreise“ des amerikanischen Mythenforschers und Schriftstellers Joseph Campbell entnommen. Dieser Leitgedanke schein wie geschaffen für die späten Kompositionen für Klarinette von Johannes Brahms. Obwohl er seine kompositorische Tätigkeit bereits abgeschlossen sah, war Brahms vom Spiel des Klarinettisten Richard Mühlfeld derart begeistert, dass er noch einmal zum Notenpapier griff und unter anderem das herausragende Klarinettenquintett, op. 115 komponierte.

Energiegeladenes Klarinettenquintett

Matthias Schorn, Sophie Heinrich, Hloni Mokoena, Klaus Christa und Mathias Johansen präsentierten das dicht gesetzte Werk mit Nachdruck und intensiver kammermusikalischer Kommunikation. Den Eröffnungssatz leiteten sie mit dynamisch straffen Artikulationen ein und entfalteten daraufhin die ruhigeren Kantilenen in einem aufmerksamen Austausch miteinander. Im Adagio breiteten die Streicher:innen für den Klarinettisten einen feinen Klangteppich aus und beziehungsreich gestaltet erklang das Finale. Die thematischen Klammern in von den unterschiedlichen Instrumentencharaktere geprägten Variationen und die allmähliche Reduktion zum Ende hin ergaben eine dichte Werkdeutung.
Eine informative Unterhaltung bot Cornelius Obonya, indem er aus der Brahmsbiografie von Max Kalbeck jene Passagen vortrug, in welchen von der Faszination des Komponisten für die Künste des Klarinettisten Richard Mühlbeck berichtet wird.

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