Neu in den Kinos: „Was uns verbindet“
In Carine Tardieus feinsinnigem Familiendrama schließt Valeria Bruni Tedeschi Freundschaft mit einem kleinen Nachbarjungen. Ein kluger Film über den Lauf der Dinge, den man das Leben nennt.
Wenn es an der Tür klingelt und man nicht weiß, wer draußen steht, öffnet man meistens widerwillig oder gar nicht. Jeder ordentliche Besuch würde sich anmelden und jeden unordentlichen möchte man ohnehin nicht empfangen. Als es bei Sandra (Valeria Bruni Tedeschi) eines Morgens klingelt und sie öffnet, wird das ihr Leben verändern.
Auf dem Flur stehen ihre unlängst eingezogenen Nachbarin. Der hochschwangeren Cécile ist die Fruchtblase geplatzt und Sandra möchte doch bitte auf den elfjährigen Sohn aufpassen, der nicht ins Krankenhaus mitkommen kann. Natürlich erklärt sich Sandra bereit, obwohl sie als kinderlose Mittfünfzigerin offensichtlich nichts mit Kindern anfangen kann. In ein paar Stunden werde ihr Alltag sicher wieder wie gewohnt verlaufen, denkt sie und nimmt den Jungen mit zur Arbeit in ihren Buchladen. Am Abend sind die glücklichen Eltern noch immer nicht zurück, spät in der Nacht kommt der Vater allein. Sie würde ihm noch ein paar Stunden seine Mutter lassen, meint Sandra mit Blick auf den auf ihrem Sofa schlafenden Elliott (César Botti) zum verzweifelten Alex (Pio Marmaï). Am nächsten Tag muss er die kleine Lucille aus dem Krankenhaus holen und die Formalitäten für die Bestattung erledigen.
Nach der Katastrophe
„Lucille, erster Tag“ heißt dieses erste Kapitel, dem die französische Filmemacherin Carine Tardieu in „Was uns verbindet“ („L’Attachement“) in immer größer werdenden Abständen weitere folgen lässt. Doch es sind weniger Lebensabschnitte der heranwachsenden Lucille als alltägliche Momentaufnahmen der für Elliott wichtigsten Menschen: seines Stiefvaters Alex und seiner zur Freundin gewordenen Nachbarin Sandra. Denn sie ist eine akzeptable Nachfolgerin für die verstorbene Mutter, der er mit Sandra nicht untreu wird. Es ist eine sich langsam entwickelnde Geschichte, deren einzelne Kapitel das Leben nicht erzählen, sondern einfangen. Tardieu schildert das Leben nach der Katastrophe, wie einander bis dahin fremde Menschen zueinander finden und, wie es der Titel verspricht, was sie verbindet. Als Elliotts leiblicher Vater David (Raphaël Quenard), Céciles erster Ehemann, erst nach drei Tagen bei der Beerdigung auftaucht und den Jungen zu sich holen möchte, findet man ein Arrangement. Als Alex mit der älteren Sandra eine Beziehung eingehen möchte, weist sie ihn ab. Er sei nicht in sie verliebt, sondern seine Zuneigung sei nur der Situation geschuldet. Seine Gefühle würden auf Leid beruhen. Später wird Lucilles Kinderärztin in Alex’ und damit in Sandras Leben treten und weitere Kapitel aufschlagen.
Kompliziertes Leben
„Was uns verbindet“ ist eine Adaption des Romans „L’intimité“ von Alice Ferney, die sich in ihren Schriften bevorzugt gesellschaftspolitischen Themen widmet. So ist es kein Zufall, dass Sandra eine feministische Buchhandlung führt, während ihre Schwester als fünffache Mutter ein völlig anderes Lebenskonzept gewählt hat. Tardieu, die in ihren Filmen stets starke Frauen in den Mittelpunkt stellt, greift diese Fragen – etwa jene nach einem funktionierenden Patchwork-Modell – zwar auf, lässt Sandra im Gegensatz zum Roman aber nicht in den Hintergrund treten, sondern überträgt ihr eine doppelte Funktion: Sandra ist empathische Protagonistin und reflektierende Beobachterin zugleich. Sie nimmt am komplizierten Leben der Nachbarn teil und bewahrt sich dennoch ihre Unabhängigkeit und Freiheit.
Nicht zuletzt in dieser Hinsicht erinnert „Was uns verbindet“ an Tardieus vorangegangenen Film „Im Herzen jung“, in dem der von Fanny Ardant verkörperten Figur bereits zu Beginn ihr baldiger Tod angekündigt wird, der fortan wie ein Damoklesschwert über der Erzählung schwebt. „Was uns verbindet“ hingegen beginnt mit einem Tod – und ist doch oder gerade deshalb ein feinfühliger und respektvoller Film über jenen Lauf der Dinge, den man das Leben nennt.
ab 8.8., Cinema Dornbirn, TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)