Neu in den Kinos: „Vaterland“
Im Jahr 1949 kehrt Thomas Mann nach Deutschland zurück, um in Frankfurt und Weimar – im neuen Westen und Osten – eine fast idente Rede zu halten. Regisseur Pawel Pawlikowski erzählt von der symbolträchtigen Reise des Literaturnobelpreisträgers an der Seite seiner Tochter Erika. Ein fulminanter Film mit großen Rollen für Hanns Zischler und Sandra Hüller.
Vier Jahre nach Kriegsende säumen zerbombte Häuser die Straßen von Frankfurt. Mit einem schwarzen amerikanischen Buick macht sich Deutschlands bedeutendster Schriftsteller der Gegenwart auf den Weg in das Hotel Metropol. Thomas Mann (Hanns Zischler) trägt einen hellen Sommeranzug, am Steuer sitzt seine Tochter und Sekretärin, die Schriftstellerin Erika Mann (Sandra Hüller). Der Literaturnobelpreisträger soll zum 200. Geburtstag Goethes in dessen Geburtsstadt den nach dem Dichterfürsten benannten Preis erhalten.
Als der Wagen vor dem Hotel hält, warten zwei Pagen, eine Empfangsdame mit einem Blumenstrauß – den Mann umgehend seiner Tochter weiterreicht – und der Oberbürgermeister. Auf dem Platz vor dem Hotel hat sich eine kleine Menge Schaulustiger versammelt. In den Applaus mischen sich vereinzelte Buhrufe. Einige sehen im berühmten Mann einen Verräter, der sein Land und das deutsche Volk im Stich gelassen hat. Bereits 1933 war Mann nach einer Lesereise nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt, kurz vor Ausbruch des Krieges in die Vereinigten Staaten emigriert und lebt nun in Kalifornien. In der Lobby erklärt ein CIA-Beamter, dass er für den Schutz der Familie zuständig sei. In der international besetzten Pressekonferenz beantwortet Mann die Fragen eines französischen Journalisten nach der Bedeutung des Preises. „Goethe stellt seit jeher eine feste Größe für alle dar, die an die Möglichkeit eines guten Deutschland glauben.“ In diesem Augenblick hat man das Gefühl, dass Mann dies tatsächlich glaubt. Wenige Tage später wird er einen weiteren Goethe-Preis entgegennehmen – in der sowjetischen Besatzungszone aus den Händen der neuen kommunistischen Machthaber in Weimar.
Familiäre Last
„Vaterland“ verdichtet die Rückkehr Thomas Manns nach Deutschland auf wenige Tage, die zugleich den wahrscheinlich größten Wendepunkt in der Familiengeschichte darstellt. Zu Beginn des Films wird man Zeuge eines Telefongesprächs, das Klaus Mann (August Diehl) mit seiner älteren Schwester Erika führt. Klaus sitzt nackt auf dem Boden, ist schwer drogenabhängig und am Ende. Ein Mann, der die familiäre Last nicht länger schultern kann und dem Übervater entfliehen musste. Erika versucht den Bruder zu überreden, nach Frankfurt zu kommen. Manchmal taucht im Film tatsächlich sein Gesicht in der Menge auf, doch das sind Einbildungen oder Halluzinationen. Klaus Mann, Autor des „Mephisto“, stirbt wenige Tage nach dem Gespräch im Alter von 42 Jahren an einer Überdosis Schlaftabletten.
Historische Umschreibungen
Der polnische Autor und Regisseur Paweł Pawlikowski hat sich für Manns Deutschlandreise einige historische Freiheiten herausgenommen. Dass Mann in Wahrheit nicht von seiner Tochter Erika, die wenige Jahre zuvor als Journalistin von den Nürnberger Prozessen berichtet hatte, sondern von seiner Frau Katia begleitet wurde, ist Pawlikowskis Interesse am familiären „Liebesdreieck“ zwischen dem Vater und den sich eng verbunden fühlenden Geschwistern geschuldet. Auch der Suizid Klaus Manns, von dem sich der Vater nach außen hin unberührt zeigt, lag zum Zeitpunkt der Goethe-Reise bereits einige Wochen zurück. Doch diese historischen Umschreibungen erfüllen ihren Zweck auf formidable Weise: Wie unter einem Brennglas lässt Pawlikowski die familiären Zerrüttungen und politischen Verstrickungen verschmelzen und macht dadurch sichtbar, wie sehr sich die neue Ordnung im Denken und Verhalten niederschlägt. „My home is now California, but where my ,Heimat’ is, is a much more difficult question“, sagt der konservative Großbürger Mann in der Geburtsstadt Goethes, ehe er in Weimar wie ein Tourist dessen Sterbezimmer und die Totenmaske besichtigt.
Enger Spielraum
„Vaterland“ erzählt in nur knapp achtzig Minuten mehr über Opportunismus, Propaganda und die ersten Jahre des Kalten Kriegs in Deutschland als jeder andere vergleichbare Spielfilm der vergangenen Jahre. Natürlich versuchen West und Ost, den berühmten Schriftsteller für sich zu vereinnahmen, doch wichtiger für Pawlikowski ist die damit einhergehende Frage, wie dieser damit umgeht, sich diesen Versuchen nicht widersetzt – und es an Erika Mann liegt, dem Vater seinen ideologischen Opportunismus vor Augen zu führen.
Im für Pawlikowski üblichen Schwarz-Weiß und – wie die ebenfalls in der Nachkriegszeit angesiedelten Arbeiten „Ida“ (2013) und „Cold War“ (2018) – von seinem langjährigen Kameramann Łukasz Żal im klassischen Leinwandformat gedreht, macht „Vaterland“ die Beengtheit des Spielraums, in dem sich die Figuren bewegen, spürbar. Der Grenzbalken, den Vater und Tochter Mann passieren, macht keinen Unterschied: Luft zum Atmen und die Hoffnung auf das „gute Deutschland“ gibt es weder auf der einen noch auf der anderen Seite.
Dass dieser Film eines polnischen Regisseurs ein großartiges deutsches Ensemble hat, das bis in die kleinsten Nebenrollen – von Devid Striesow als DDR-Kulturminister Becher bis Joachim Meyerhoff als Nazi-Karrierist Gustaf Gründgens, dem seine Ex-Frau Erika Mann eine schallende Ohrfeige verpasst – hochkarätig besetzt ist, macht ihn noch sehenswerter.
ab 3.9. Cinema Dornbirn, ab 6.9. TaSKino im GUK Feldkirch