Filippo Barsali beim Konzertfinale mit dem Sinfonieorchester Liechtenstein (Foto: Daniel Gassner)
Michael Pekler · 29. Jun 2026 · Film

Neu in den Kinos: „The Piano Tuner“

Ein junger Klavierstimmer gerät auf die schiefe Bahn, als er sein feines Gehör dazu nutzt, Tresore zu knacken. In einem Film, der mühelos die unterschiedlichen Tonlagen von Heist-Movie und romantischem Drama vereint, überzeugt Leo Woodall als musikalischer Einbrecher mit Charisma.

Sein außergewöhnlich feines Gehör ist für den Klavierstimmer Niki (Leo Woodall) Segen und Fluch zugleich. Der junge Mann mit Hyperakusis, einer extremen Geräuschüberempfindlichkeit, leidet im Alltag unter dem Lärm der Großstadt. Nur mit speziellem Gehörschutz erträgt er den Straßenverkehr New Yorks, jedes laute Klingeln oder Hundegebell ist für ihn eine Qual. Bei der Arbeit hingegen ist das Handicap sein entscheidender Vorteil: Gemeinsam mit seinem Ziehvater Harry (Dustin Hoffman) sorgt Niki dafür, dass jede Taste auf dem Klavier wieder den perfekten Ton erzeugt – der teure Konzertflügel ebenso wie das nur als Dekoration dienende Piano eines Millionärs. Aufgrund seiner Krankheit musste er seinen früheren Beruf als Pianist aufgeben, heute ist der ruhige junge Mann für seine Auftraggeber nicht mehr als ein notwendiger, aber störender Handwerker.

Neue Methode

„The Piano Tuner“, dessen mehrdeutiger Originaltitel „The Tuner“ auf eine weitere Fähigkeit Nikis verweist, beginnt als charmantes Buddymovie. Begleitet von einem jazzigen Score tingeln Niki und Harry in ihrem alten Lieferwagen von einem Job zum nächsten und erleben einen Arbeitsalltag, der einen am Abend zufrieden die Pasta schmecken lässt. Zwei Begegnungen geben der Erzählung jedoch eine entscheidende Wendung und verändern die Tonlage: Als Niki einen Konzertflügel stimmen soll, lernt er die engagierte Musikstudentin Ruthie (Havana Rose Liu) kennen, die einen Karrieresprung als Pianistin vor sich hat. Und als ihn während eines Hausbesuchs der Lärm einer Sicherheitsfirma stört, die im Nebenraum an einem Safe hantiert, entdeckt er seine Spezialfähigkeit: Die kaum hörbaren Verschleißspuren am Zahnrad des Tresors machen ihn zum perfekten Einbrecher.

Entspannte Atmosphäre

Der kanadische Regisseur Daniel Roher, der bisher als Dokumentarfilmer tätig war und zuletzt für „Nawalny“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, vereint in seinem ersten Spielfilm scheinbar mühelos unterschiedliche Genres und Stimmungen. Er wechselt vom Feelgood-Movie zur romantischen Komödie und schließlich zum Heist-Movie, als Niki – der für den im Krankenhaus liegenden Harry dringend Geld auftreiben muss – absehbar auf die schiefe Bahn gerät. Doch selbst die Szenen mit dem israelischen Bandenchef Uri (Lior Raz), der seinen Neueinsteiger immer öfter zu Aufträgen nötigt, spielen sich in relativ entspannter Atmosphäre ab – bis ein Coup alles ändert. Mit dem Verlust seines Gehörschutzes wird der Meisterdieb zur leichten Beute. 

Leise Töne

Obwohl die Geschichte des Sonderlings mit speziellen Kenntnissen dank zahlreicher Heist-Filme – von Ryan Gosling als „Driver“ bis zuletzt Channing Tatum als „Roofman“ – bestens bekannt ist, macht Roher seinen schweigsamen Helden zu einem ganz besonderen Vertreter dieser Zunft. Das liegt einerseits an der charismatischen Darstellung von Leo Woodall („The White Lotus“, „One Day“) in seiner ersten Hauptrolle in einem Kinospielfilm und andererseits an dem speziellen Sounddesign, das die Welt, wie Niki sie hört, auf eindringliche Weise erfahrbar macht. In diesem Film kann man die leisen Töne mit anderen Ohren hören.

ab 2.7., Cineplexx Hohenems (dF), Cinema Dornbirn (dF),
ab 4.7., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)