Neu in den Kinos: „Madame Kika“
Eine alleinerziehende Sozialarbeiterin, deren Einkommen gerade noch zum Überleben reicht, wird in ihrer zunehmenden Verzweiflung zur Sexarbeiterin. Das Langfilmdebüt der belgischen Regisseurin Alexe Poukine ist ein so unbequemer wie warmherziger Film.
In diesem Film geht es Schlag auf Schlag. Und tatsächlich werden später echte Schläge zu sehen sein. Zu Beginn allerdings fahren eine junge Frau und ihr Freund mit dem Fahrrad durch einen lichtdurchfluteten Wald. In die märchenhafte Stimmung bricht jedoch abrupt die harte Wirklichkeit: Kika (Manon Clavel) bahnt sich einen Weg durch einen überfüllten Korridor voller wartender Menschen. Kaum ist sie im Büro angekommen, treten ihr die Leute beinahe die Tür ein. Viele von ihnen stehen vor dem Nichts, vor der Delogierung, ohne Geld, ohne Perspektive. Kika gibt als Sozialarbeiterin ihr Bestes. Dass sie manchmal nicht helfen kann, gehört zu ihrem Alltag.
Die belgische Filmemacherin Alexe Poukine setzt in ihrem Langfilmdebüt auf eine elliptische Erzählweise, um ihre Geschichte zugleich undramatisch und glaubwürdig voranzutreiben. Als Kika nach Dienstschluss in letzter Sekunde in einen Fahrradladen eilt, um das Rad ihrer Tochter reparieren zu lassen, nimmt das Schicksal seinen zufälligen Lauf: Der Mechaniker, mit dem sie wenig später stundenlang auf den Aufsperrdienst warten muss, wird Kikas Leben verändern. Eine alte Beziehung wird aufgelöst, eine neue Liebe hat begonnen. Kaum hat Kika nach siebzehn gemeinsamen Jahren ihren alten Freund ein letztes Mal umarmt, bringt der neue bereits die Tochter zur Schule. Doch in der nächsten Szene ist mit einer Todesnachricht bereits alles wieder zu Ende: Kika und ihre Tochter stehen plötzlich allein da. Die Wohnung muss geräumt werden und Kika, ein zweites Mal schwanger, droht selbst zum Sozialfall zu werden.
Praktisches Portal
„Madame Kika“ ist ein unbequemer und zunehmend verstörender Film. Als Kika bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater einzieht, wird die Situation unerträglich. Ihr Ex-Freund bietet an, die Tochter für Wochen oder gar Monate bei sich aufzunehmen. Kika lehnt ab. Eine eigene Wohnung kann sie sich nicht leisten. Auf eine Mietkautionshilfe muss man mindestens zwei Monate warten und für einen entsprechenden Antrag braucht man einen gültigen Mietvertrag – für den wiederum eine Kaution erforderlich ist. „Bleiben wir noch lange?“, fragt die Tochter. „Nein“, antwortet Kika. Und verkauft getragene Unterwäsche im Internet.
Für Kika ist das der Einstieg in eine Welt, die sie über ein Portal für BDSM-Praktiken betritt. Bald ist ein Zimmer in einem Stundenhotel angemietet und die zunächst schüchterne Newcomerin sammelt erste Erfahrungen in Sachen Demütigungen aller Art. Als Kika später mit ihren Kolleginnen zusammensitzt und ihnen ihren Tagesjob verrät, stellt eine von ihnen den Vergleich an, auf den dieser Film hinausläuft. „Wir sind wie Therapeutinnen oder Eheberaterinnen. Eigentlich sind Huren wie Sozialarbeiterinnen.“ Worauf Kika auf den für sie entscheidenden Unterschied hinweist: „Domina zu sein ist weniger stressig als Sozialarbeit. Und deutlich besser bezahlt.“
Kein Höllenkreis
Poukine inszeniert sowohl Kikas Parallelwelt als Sexarbeiterin als auch die Wünsche ihrer Klienten mit nahezu empathischem Blick. Zugleich bleibt die Verschlossenheit Kikas, die sich weder der befreundeten Mitarbeiterin im Büro noch den neuen Kolleginnen öffnet, immer spürbar. Kikas Spiel mit der doppelten Identität und der damit verbundenen Gefahr, ertappt zu werden, reizt Poukine nicht. Die Abwärtsspirale ist kein Höllenkreis. Dass am Ende etwas in diesem zarten Körper aufbrechen muss, daran besteht jedoch kein Zweifel.
ab 16.1., Cinema Dornbirn (dF)