Neu in den Kinos: „La Grazia“
Die letzten Wochen im Amt können die schwierigsten sein: Nach seinen Filmen über Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi legt der Autorenfilmer Paolo Sorrentino mit einem außergewöhnlichen Biopic über einen fiktiven italienischen Präsidenten nach. Der großartige Toni Servillo muss als von der Vergangenheit verfolgtes Staatsoberhaupt wichtige Entscheidungen für die Zukunft treffen.
„Die Vergangenheit ist eine Bürde und Zukunft nur ein Wort. Ihre Funktion in der Politik und der Gesellschaft neigt sich dem Ende zu.“ Das italienische Staatsoberhaupt hat einen Termin beim Papst und muss sich die Welt und die eigene Gefühlslage erklären lassen. Mariano De Santis (Toni Servillo) wurde einbestellt, weil er ein Gesetz zur Sterbehilfe nicht unterschreiben soll. „Ich fühle mich einsam, Eure Heiligkeit“, bittet er um Rat. „Sie sind alt. Und alles beginnt wehzutun“, erklärt der deutlich jüngere schwarze Papst dem alten weißen Mann, bevor er auf einem Motorrad davonbraust.
Leben in der Vergangenheit
Nach der Politsatire „Il Divo“ über Giulio Andreotti und „Loro“ über Silvio Berlusconi setzt der Autorenfilmer Paolo Sorrentino mit „La Grazia“ seine Filmreihe über italienische Spitzenpolitiker fort, diesmal mit einem Blick auf die letzten Amtswochen eines fiktiven Präsidenten, dem die Verantwortung schwer auf den Schultern lastet. In der Öffentlichkeit gilt De Santis als umsichtiges, aber zögerliches Staatsoberhaupt, das seine Entscheidungen gut und lange abwägt, sein engster Mitarbeiterstab nennt ihn hinter vorgehaltener Hand einen Betonkopf. Trotz halber Lunge raucht er oft und gerne, am liebsten auf dem Dach des Quirinalspalastes mit Blick über Rom. Seine Gedanken sind dann allerdings bei seiner verstorbenen Frau, die er über alles liebte und die ihn vor vierzig Jahren betrogen hat. Die Frage, mit wem sie eine Affäre hatte, quält ihn noch Jahrzehnte später. Mariano De Santis lebt wenige Wochen vor Ende seiner Amtszeit in der Vergangenheit.
Bürokratisches Zaudern
Toni Servillo spielt den sich nur mit einer kleinen Entourage umgebenden Präsidenten mit nahezu reglosem Ausdruck. Eine unsichtbare Barriere scheint jede Form der Empathie zu verhindern. Wer als Präsident sechs Regierungskrisen durchgestanden hat, ist entweder ein kluger Taktierer oder tatsächlich ein Sturschädel. Viel zu groß und zu prunkvoll wirkt der Palast angesichts der menschlichen Probleme, die sich darin abspielen. Langsam gleitet die Kamera durch die halbdunklen Gänge, während sich auf der Tonebene minimalistischer Elektrosound und klassische Musik duellieren. Gegenüber seiner entfremdeten Tochter und Privatsekretärin Dorotea (Anna Ferzetti), die zur Unterzeichnung des Gesetzes drängt und darin sein Vermächtnis sieht, verteidigt De Santis sein Zaudern: Bürokratie verhindere übereilte Entscheidungen. Für jene zwei Gnadengesuche, die er unterschreiben soll, nimmt er sich ebenfalls ausreichend Zeit. Darf die wegen Mordes verurteilte Frau, für die sich sogar der befreundete Justizminister persönlich einsetzt, vorzeitig entlassen werden? Und was hat es mit dem Mörder auf sich, den seine kleine Dorfgemeinde mittels Petition wieder in Freiheit sehen will?
Regen und Tränen
Im Gegensatz zu „Il Divo“ und „Loro“ interessiert sich Sorrentino weniger für die Mechanismen der Macht als für das scheinbar lächerliche Leiden eines modernen Herrschers. Den bitteren Abgesang, der im präsidialen Abgang mündet, inszeniert er dennoch mit feinem Humor: Da wird der portugiesische Amtskollege, der noch älter ist als De Santis, auf dem roten Teppich buchstäblich im Regen stehengelassen, während der italienische Astronaut, der wegen technischer Probleme auf der Raumstation ausharren muss und den De Santis auf einem bizarr großen Fernsehschirm beobachtet, eine einzelne Träne vergießt. Ein Bild schwereloser Traurigkeit.
ab 21.3., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)