Neu in den Kinos: „Bruno – Der junge Kreisky“
Wie dreht man einen unpolitischen Film über einen der wichtigsten österreichischen Politiker des 20. Jahrhunderts? Harald Sicheritz’ Biopic zeichnet den späteren Bundeskanzler in seiner Jugend als liebenswerten Kämpfer und reduziert die komplexe Persönlichkeit Bruno Kreiskys auf ein flaches Erfolgsmärchen.
„Bruno Kreisky!“ Der junge Mann, der im Jänner 1935 im Wiener Landesgericht inhaftiert wird, bräuchte sich nicht vorzustellen. Wie ein Echo rufen die Mithäftlinge hinter den Zellentüren laut ihre eigenen Namen. Das würden „die Politischen“ immer so machen, erklärt der Wärter, damit sie wüssten, wer neu hinzugekommen sei. Auf Kreisky (Nils Arztmann) warten über ein Jahr Untersuchungshaft und der „Sozialistenprozess“, in dem er wegen Hochverrats verurteilt wird. In der Zelle warten bereits der Kommunist Egon Müller-Klingspor und der Nationalsozialist Josef Weninger auf ihn. Die Feinde des austrofaschistischen Ständestaats – Sozialisten, Kommunisten und Nazis – teilen wenige Jahre vor dem „Anschluss“ noch Zelle und Schicksal.
Kleiner Lord aus gutem Haus
Kreiskys Zeit im Gefängnis dient in diesem Film als Rahmenerzählung für einen Rückblick auf die späten 1920er Jahre: Der junge Bruno, aufgewachsen in einem wohlhabenden, assimilierten jüdischen Elternhaus, muss zu Elmayer in die Tanzschule, möchte aber lieber Mitglied der Revolutionären Sozialistischen Jugend Wieden werden. Während sich zu Hause ein gutmütiger Vater, eine besorgte Mutter und ein psychisch labiler Bruder über den politischen Aktivisten den Kopf zerbrechen und ihm das tschechische Stubenmädchen schöne Augen macht, versucht der Sprössling, der Arbeiterklasse zu gefallen. Das ist harte Arbeit, weiß „Bruno – Der junge Kreisky“ von Harald Sicheritz, denn es gibt große Vorbehalte gegen das kapitalistische Bürgersöhnchen, und „kleiner Lord“ ist für ihn noch die höflichste Bezeichnung im Kellerlokal. Doch Kreisky hat eine politische Vision und findet in der fiktiven Friseurin und Sängerin Adele Holzer (Maya Unger) sogar die ihm von diesem Film angedichtete Liebe.
Widerborstig und stolz
Biopics über Politiker waren im Laufe der Filmgeschichte schon immer ein heikles Unterfangen. Fast immer sind es Filme über mächtige Männer, denn Gescheiterte sind für das Kino meist ebenso uninteressant wie – bis auf wenige Ausnahmen wie Margaret Thatcher oder Golda Meir – Politikerinnen. Harald Sicheritz, der sich für die Arbeit am Drehbuch Unterstützung durch den Kabarettisten Fritz Schindlecker und die Historikerin Helene Maimann geholt hat, macht jedenfalls gleich zu Beginn den späteren österreichischen Bundeskanzler und Sozialreformer zum unbeugsamen Kämpfer. Widerborstig und stolz tritt der junge Kreisky der Reihe nach gegen den Rest der österreichischen Welt an – gegen das betuchte Elternhaus, die ihn zunächst abweisenden Sozialisten, gegen die Kontrahenten innerhalb der Jugendorganisation, gegen die Widersacher bei der Wahl in den Bundesvorstand und gegen die Dollfüßler sowieso. Das alles, weil er 1927 beim Brand des Justizpalastes Menschen hat sterben sehen – ein traumatisches Erlebnis, das ihn in ausgebleichten Bildern und in Zeitlupe immer wieder einholt. Gerne sieht sich der junge Bruno mit seiner Adele hingegen aktuelle Kinofilme wie „Metropolis“ an, der allerdings „nicht so gut sein soll“. Nach dem Besuch im Lichtspieltheater stört ihn bei Fritz Lang jedoch die Versöhnung von Kapital und Arbeiterklasse.
„Was soll ich in der Wüste?“
Sicheritz inszeniert eine Erfolgsgeschichte, indem er prägende zeithistorische Ereignisse wie in einem Bilderbuch aneinanderreiht. „Bruno – Der junge Kreisky“ mag ein Film über einen Politiker sein, ein politischer Film ist er keinesfalls. Das verhindern holzschnittartig gezeichnete Charaktere, deren Darsteller in theaterhaften Kulissen wie auf einer Bühne schauspielern – was den bemühten Nils Arztmann wie einen Fels in der Brandung wirken lässt. Hinzu kommen Szenen, die in weniger als einer Minute ihre narrative Pflicht erfüllen müssen und mit denen der Film historische Unschärfen wissend in Kauf nimmt, beispielsweise wenn Kreiskys Bruder Paul ihm anlässlich seines Geburtstages mit einem Buch von Theodor Herzl den Zionismus schmackhaft machen will. „Ich bin Österreicher“, entgegnet Bruno. „Was soll ich in der Wüste?“
Keine Widersprüche
Was diesem Film in keiner Weise gelingt – oder was er gar nicht bezweckt –, ist das Aufzeigen jener Schwächen, Ambivalenzen und Widersprüche Kreiskys, die bereits seine frühe politische Karriere begleiteten. Dabei waren genau diese Facetten nicht nur mitverantwortlich, sondern sogar wesentlich für seine späteren Jahre als Außenminister und langjähriger Bundeskanzler. Derart wird dieser Film der komplexen Persönlichkeit Bruno Kreiskys in keiner Weise gerecht. Als an den jungen Jahren des späteren Staatsmanns interessierter Zuschauer wähnt man sich jedenfalls im falschen Film.
ab 1.10., Cinema Dornbirn, Cineplexx Hohenems
ab 2.10. TaSKino im GUK Feldkirch