Das Nederlands Dans Theater 2 beim Bregenzer Frühling (Foto: Udo MIttelberger)
Michael Pekler · 22. Feb 2024 · Film

Neu in den Kinos: „Andrea lässt sich scheiden“

In seiner zweiten Regiearbeit blickt Josef Hader in gewohnter Manier auf die trübe österreichische Seele und ihre Befindlichkeiten. Eine Tragikomödie in gewohnt lakonischem Tonfall, in der Überleben nicht bedeutet, dass man auf einer niederösterreichischen Landstraße nicht ums Leben kommt. Obwohl das auch passieren kann.

Niederösterreich, das Land der lustigen Kreisverkehre und der normalen Häuslbauer. Wer hier Polizistin sein will, braucht ein starkes Gemüt. Nicht nur auf der Landstraße Richtung Hollabrunn, wenn einem der Raser, mit dem man schon die Schulbank gedrückt hat, in die Radarfalle tappt, sondern auch wenn der Mann, von dem man bereits getrennt wohnt, sich auf einer Geburtstagsfeier im Dorfgasthaus volllaufen lässt. Und unbedingt will, dass man zu ihm zurückkehrt.
Andrea (Birgit Minichmayr) hat zwar glücklicherweise ein starkes Gemüt, aber auch einen schweren Stand. Egal wo sie hinkommt, fühlt sie sich wie eine Fremde, die von den anderen auch als solche wahrgenommen wird. Das war offensichtlich nicht immer so, doch irgendwann hat sich in Andreas Leben etwas verändert. Irgendwann sind ihr die Männer, also die Jugendfreunde und die besoffenen Autofahrer, zu viel geworden. Deshalb lässt Andrea sich scheiden und als Kriminalinspektorin nach Sankt Pölten versetzen.

Starrsinn und Schuld

Sieben Jahre nach seinem Regiedebüt „Wilde Maus“ hat Josef Hader in seinem zweiten Spielfilm seinen genauen Blick auf die österreichische Seele und ihre Befindlichkeiten noch geschärft. „Andrea lässt sich scheiden“ ist eine Tragikomödie über eine Frau, die mit stoischem Gleichmut ein für sie längst unerträgliches Leben erträgt – bis der Zufall in Form eines Unfalls alles noch schlimmer macht. Auf der Heimfahrt von der Geburtstagsfeier des Kollegen (Thomas Schubert) steht ausgerechnet der betrunkene Andi (Thomas Stipsits), den Andrea kurz davor nicht mehr zurückhaben wollte, auf der Straße. Auf den Schock folgen Fahrerflucht und Vertuschung, viel falsches Beileid, unangenehme Besuche bei der Schwiegermutter und notwendige in der Autowerkstatt. Und als wäre das noch nicht genug, nimmt plötzlich jemand anderer die Schuld bereitwillig auf sich: Religionslehrer Franz (Josef Hader), ehemaliger Spiegeltrinker, packt schon den Koffer fürs Gefängnis.
Überleben bedeutet in diesem Film nicht, dass man auf der Landstraße nicht ums Leben kommt, sondern es bedeutet, mit der Gegenwart zurechtzukommen. Mit dem Leben im niederösterreichischen Niemandsland zwischen Lagerhäusern und Getreidefeldern. Als Frau im Wirtshaus und als Tochter neben dem starrsinnigen Vater (Branko Samarovski), bei dem man nach der Trennung vom Ehemann wieder einziehen muss. Andrea und Franz mögen unterschiedliche Überlebensstrategien entwickelt haben, doch sie teilen die Gewissheit, nicht mehr dazuzugehören. Mit ausgeprägtem Gespür verfolgt Josef Hader die einzelnen Etappen dieser Existenzkämpfe, mal in heiterem, mal in melancholischem Tonfall. Deshalb ist dieser Film auch eine Tragikomödie im besten Sinn, weil die Traurigkeit und die Fröhlichkeit sich nicht im Weg stehen, sondern einander harmonisch ergänzen. Weil beides zum Leben dazugehört. Und zum Überleben. Und wer es nicht bis nach Sankt Pölten schafft, ist trotzdem kein Verlierer.

ab 23.2., Kino Bludenz, Cinema Dornbirn, Metro Kinocenter Bregenz, Cineplexx Hohenems und Lauterach