walktanztheater.com: „Ich träume mit offenen Augen Wirklichkeiten. Schwanengesänge.“ (Foto: MPS)
Michael Pekler · 25. Okt 2024 · Film

Neu in den Kinos: „Alter weißer Mann“

Die deutsche Komödie mit Jan Josef Liefers nimmt sich der Probleme des alten weißen Mannes an. Man mag die gute Absicht von Regisseur Simon Verhoeven erkennen, mit den Klischees humorvoll umzugehen, doch der Zweck heiligt nicht die Mittel: Ein Film für alle, denen die identitätspolitische Debatte noch nicht die Sprache verschlagen hat.

Wer seinen Penis liebt, sollte das nicht auf einer Kaffeetasse kundtun. Auch nicht mit rotem Herz in der Mitte. Früher fanden das im Büro vielleicht sogar die Mitarbeiterinnen lustig, sicher aber Abteilungsleiter Heinz Hellmich (Jan Josef Liefers). Auf seiner anderen Lieblingstasse stand „Ich Boss, du nix“. Aber dann hat ihn ein junger weißer Mann beim Bewerbungsgespräch, der aber ohnehin nur halbtags arbeiten, am Wochenende keine Emails lesen und bald in Papakarenz gehen wollte, darauf hingewiesen, dass das nicht mehr geht. Ein No-Go. Deshalb sind die Tassen vorerst mal im Müll, auch wenn Hellmich glaubt, dass die Woken sie nicht mehr alle im Schrank haben. 
Hellmich ist nämlich ein alter weißer Mann. Trägt nicht die schickesten Anzüge, dafür die Haare verwuschelt. Das gepfuschte Eigenheim in der deutschen Kleinstadt ist fertig, Ehefrau Carla (Nadja Uhl) macht irgendwas mit Architektur, was Hellmich aber nicht besonders interessiert. Außerdem geht sie ständig joggen. Die Teenager-Kinder laufen auch, aber durchs Haus und machen auf Sprachpolizei. Hellmich ist sozusagen nicht komplett unsympathisch, aber total aus der Zeit gefallen. Weil er eben alt, weiß und männlich ist, und damit laut gängiger Definition alles haben haben kann außer Diskriminierung. Er wird nicht sexuell belästigt, rassistisch beschimpft und durfte bis vor kurzem sogar öffentlich seinen Penis lieben. Zumindest auf der Kaffeetasse.

Hilflos trottelig

Doch nun ist alles anders, ein woker Wind weht durch die Büroräume der Techfirma, und natürlich ist es Hellmich, der sich einen Fehltritt nach dem anderen erlaubt. Die junge Frau mit asiatischem Hintergrund ist nicht die Kellnerin, sondern als Agenturleiterin vom opportunistischen Chef (Michael Maertens) beauftragt, der Firma ein achtsames Profil zu verpassen. Und der neue KI-Beauftragte (Elyas M‘Barek), der ausschließlich politisch korrekte englische Worthülsen absondert, während er den Betrieb optimiert, erweist sich auch nicht eben als Buddy. Aber weil es noch nicht zu spät ist, könnte ein Abendessen bei den Hellmichs, bei dem nicht nur gelobte, sondern auch gelebte Diversität zur Schau gestellt werden soll, alles retten. 
Dass Hellmich anders reagiert als der typische „alte weiße Mann“, macht ihn zwar sympathisch, ist aber ohnehin erforderlich. Wer will sich schon mit jemandem identifizieren, der einen abwechselnd beleidigten und aggressiven Abwehrkampf führt? Im Kino sicher niemand mehr. Und deshalb strengt sich Hellmich auch fürchterlich an, alles richtig zu machen, so sagen, zu betonen und sich zu verteidigen – um hilflos trottelig die längste Zeit für ihn alles nur noch schlimmer werden zu lassen.

Kampf ums Klischee

Man erkennt die gute Absicht von Regisseur Simon Verhoeven, die grassierenden Vorurteile zu hinterfragen und den Versuch, die empörten Gemüter mit Humor zu versöhnen. Und in diesem Fall buchstäblich an einen Tisch zu bringen, wo sich endlich alle alles sagen dürfen und dann tief durchatmen. Dass Verhoevens Plan und damit auch dieser Film als Komödie nicht funktioniert, liegt an einem groben Missverständnis: Ein Klischee abzubilden bedeutet noch lange nicht, es zu hinterfragen. Da hilft auch kein humoristischer Deckmantel. Und „Alter weißer Mann“ bedient als biedere deutsche Filmkomödie die Klischees letztlich in jeder Hinsicht: vom die Welt nicht mehr verstehenden Opa, der sich gegen die Nazikeule wehrt, bis zu den queeren Partytruppe in Berlin, wo Hellmich auf der Suche nach der im Nachtleben verloren gegangenen Tochter seine Befreiung erlebt: „Ich bin Heinz!“ 
In einer Hinsicht macht dieser Film jedoch alles richtig: Wenn draußen schon der identitätspolitische Kampf tobt, wollen nach wie vor die meisten, dass wenigstens im Kino wie gewohnt am Ende alles gut wird. Fragt sich nur für wen. 

ab 31.10., Kino Bludenz, Cineplexx Hohenems, Cinema Dornbirn, Cineplexx Lauterach