Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Silvia Thurner · 02. Jun 2013 · Musik

Wirklichkeit und Traumwelten – Thomas Thurnhers „Kinderwirklichkeiten“ und das Henschel Quartett wurden gefeiert

Zum Saisonsabschluss der Abonnementreihe „DornbirnKlassik“ gastierten das deutsche Henschel Quartett und der Pianist Ulrich Urban im Kulturhaus. Unter anderem präsentierten sie das neue Werk „Kinderwirklichkeiten“ des Dornbirner Komponisten Thomas Thurnher. Die Komposition wurde hervorragend interpretiert und fand beim Publikum durch seine leicht verständliche und unmittelbar nachvollziehbare Aussage viel Zustimmung. Die Werkfolge als „Sandwich“ zwischen dem Streichquartett von Maurice Ravel und dem Klavierquintett op. 44 von Robert Schumann war jedoch dem neuen Werk wenig zuträglich.

Thomas Thurnher ist als Komponist bekannt, der seinen individuellen musikalischen Ausdruck in der tradierten Tonalität findet. Im Hinblick auf die Form verarbeitet er dem jeweiligen Werkcharakter entsprechende Ideen. Für sein Klavierquintett „Kinderwirklichkeiten“ hat er sich viel überlegt. In drei Sätzen versuchte er, den Blick eines Erwachsenen auf den eines Kindes zu lenken und setzte diesen in Töne. Zahlreiche musikalische „Versatzstücke“ dienten als Ausgangsmaterialien sowie als Inspirationsquelle für die Themenfindung. Collageartig montierte er die Zitate in die Form eines Sonatenhauptsatzes und eines Rondos.

Die musikalischen Themen und Motive setzte er handwerklich geschickt zueinander in Beziehung. Jedoch verlor er sich vor allem im ersten Satz darin, dass er dem Prinzip der Sonatenhauptsatzform zu „brav“ folgen wollte. So nahm die Musik mitunter den Charakter einer Kompositionsstudie an und wirkte insgesamt etwas langatmig. Im zweiten Teil ließen humorvoll dargebotene Imitationen und Dialoge zwischen dem Klavier und einzelnen Streicherstimmen aufhorchen, denn sie drifteten schnell auseinander oder wurden durch einen Dritten gestört. In erster Linie der Finalsatz entwickelte einen in sich stringenten Drive. Die hier eingebauten Zitate aus bekannten Kinderfilmen wie „Pippi Langstrumpf“ oder „Wickie“ wurden wirkungsvoll in eine motorisch vorwärtsdrängende Geste eingebettet.

Unterhaltsam


Die „Kinderwirklichkeiten“ sind beim Publikum gut angekommen. Wohl auch deshalb, weil das Stück für die Zuhörenden gut nachvollziehbar und eingängig war. Mir persönlich fehlten die Ecken und Kanten und mitunter eine polyphone Verarbeitung der musikalischen Themengestalten, wie sie eine Sonatenhauptsatzform in sich tragen könnte.

Das Dilemma mit dem Sandwich


Sandwichprogramme, bei denen ein neues von zwei traditionellen Werken flankiert wird, sind im Konzertbetrieb beliebt und üblich. Nicht immer erweist man damit den neuen Werken einen guten Dienst, weil diese einem unmittelbaren Vergleich mit bereits etablierten Kompositionen ausgesetzt sind. Dieses Dilemma war auch an diesem Abend spürbar, denn vor allem neben Schumanns Klavierquintett op. 44 wirkte Thomas Thurnhers Komposition eher blass und recht harmlos.

Energiegeladene Werkdeutungen


Das Henschel Quartett mit Christoph Henschel, Daniel Bell (Violine), Monika Henschel (Viola) und Mathias Beyer-Karlshøj (Violoncello) sowie Ulrich Urban am Klavier spielten das Klavierquintettt von Robert Schumann energiegeladen und aussagekräftig. Gut phrasiert erklangen die thematischen Hauptlinien. Motivische Klammern wirkten über die Sätze hinweg Zusammenhang stiftend. Besondere Aufmerksamkeit lenkte die ätherisch mit einem sprechenden Duktus dargebotene Passage im zweiten Satz auf sich.

Ravels Streichquartett interpretierte das Henschel Quartett mit einer intensiven Bogenführung, so dass die thematischen und motivischen Verwandlungsprozesse der einzelnen Themen facettenreich und vielfarbig zum Ausdruck kamen. In dieser Werkdeutung blieb vor allem der dritte Satz in Erinnerung, wo das Cello mit einer aufgewühlten Tongebung ein Lamento ausbreitete und die Tongestalten höchst konzentriert von einem Instrument zum anderen weitergereicht wurden.