Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Thorsten Bayer · 14. Nov 2016 · Musik

„Most personal“ – Rebekka Bakken löst den Anspruch ihres aktuellen Album-Titels live in Lustenau ein

Über zwanzig Jahre ist die norwegische Singer-Songwriterin Rebekka Bakken im Musikgeschäft; Zeit für eine Zwischenbilanz, die sie mit einem Best-Of-Album zieht. Im Reichshofsaal Lustenau war sie am gestrigen Sonntagabend zu Gast.

Immer wenn Rebekka Bakken nach Österreich kommt, muss sie lächeln. Das führe zu manchen Irritationen bei ihren Begleitern, erzählt die 47-Jährige, wenn sie scheinbar grundlos bereits am Flughafen das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht bekomme. Von Oslo hatte es die junge Künstlerin zunächst nach New York City gezogen. Gemeinsam mit dem österreichischen Jazzmusiker Wolfgang Muthspiel zog sie Anfang der 2000er-Jahre nach Wien – und war bald auch im Rahmen der Jazz&-Reihe zu Gast am Spielboden Dornbirn. „Heute Abend spiele ich eine Sammlung meiner Lieblingssongs aus den letzten zwanzig Jahren“, kündigt sie an, „die meisten davon sind in Österreich entstanden.“ Mittlerweile lebt sie wieder in Norwegen.

Von Tom Waits bis Ludwig Hirsch

Es sind Lieder, die ihr spürbar viel bedeuten. Das gilt auch für die besonders hörenswerten Coversongs: Da ist zum einen das herrlich breitbeinig vorgetragene „Little Drop of Poison“, das von Tom Waits stammt. Zum anderen das einzige Lied, das sie nicht auf Englisch singt: „Der Schnee draußen schmilzt“ von Ludwig Hirsch, dem 2011 gestorbenen Liedermacher. Dazu gibt es eine schöne Geschichte, die sie in der Vorwoche dem Falter erzählte: „Weil mich die Kultur hier (in Wien, Anm. d. Red.) so eingeschüchtert hat, wollte ich anfangs gar nicht Deutsch lernen, sondern ein möglichst feines Englisch sprechen, um die Leute damit zu vergraulen. Doch dann habe ich ein Video gesehen, in dem ein Mann mit seiner Gitarre sitzt und auf Deutsch ein unglaublich schönes Lied singt, das mich tief berührt und förmlich in den Arm genommen hat. Um den Text zu verstehen, wollte ich die Sprache dann doch lernen ... Als Ludwig Hirsch dann zu einem meiner Konzerte kam, habe ich dieses Lied für ihn gesungen.“

Ausdrucksstarke Stimme

In Lustenau bezaubert sie ihr Publikum vom ersten Takt an. Das liegt vor allem an ihrer drei Oktaven umfassenden Stimme, die eben noch zart und zerbrechlich, dann sofort sonor-kraftvoll klingen kann. Die Musiker ihrer vierköpfigen Begleitband zeigen in – glücklicherweise nicht ausufernden – Soli, was sie draufhaben. Und das ist eine Menge. Vor allem ist es der Eindruck, dass da eine ungewöhnlich nahbare Künstlerin auf der Bühne steht. Die Frage nach Einkaufstipps hier vor Ort („ich habe morgen etwas Zeit“) wirkt nicht wie ein billiges Ranschmeißen, sondern wie ehrliches Interesse. Österreich kenne sie ja gut, Lustenau bislang noch nicht.

Kitsch vs. Blues

Da fällt es nicht wirklich ins Gewicht, dass mancher Song sehr kitschig ist. Etwas mehr Rotzigkeit wie bei dem bluesigen „Powder Room Collapse“ und Mut zu Dissonanzen, schrägen Tönen hätte ich mir persönlich gewünscht. So stellt sie gegen Ende des Konzerts die Geduld mancher Zuhörer mit dem gefühlt 17. Schmachtfetzen in Folge auf die Probe. Doch man kauft ihr die Geschichten hinter den Songs ab. Das Versprechen „Most Personal“ löst sie zweifellos ein – und wenn es eben mehrheitlich traurige Momente sind, von denen sie da berichtet, dann scheint dahinter kein Kalkül („Balladen verkaufen sich besser“), sondern einfach nur die tatsächliche Vita dieser sympathischen Künstlerin zu stehen. Ebenso ehrlich wirkt ihr Sehnen zurück nach Österreich. Da ist „Welcome home“ das logische letzte Stück vor den Zugaben. Das Publikum dankt ihr diesen unprätentiösen Auftritt mit Standing Ovations.


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18.12. Clueso, Conrad Sohm
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