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Silvia Thurner · 23. Mai 2017 · Musik

Im Überblick ein anregendes Meisterkonzert und Fragen im Detail – das „Chamber Orchestra of Europa“ und der Pianist Piotr Anderszewski gastierten in Bregenz

Zum Abschluss der „Bregenzer Meisterkonzerte“ offerierte das „Chamber Orchestra of Europe“ im Bregenzer Festspielhaus ein vielseitiges Konzertprogramm. Unter anderem wurde mit und unter der Leitung des polnischen Pianisten Piotr Anderszewski das Klavierkonzert Nr. 25 von W. A. Mozart sowie Beethovens 1. Klavierkonzert interpretiert. Während Mozart aus einem allzu dominant wirkenden romantischen Geist heraus geformt erklang, überzeugte der Interpretationsansatz bei Beethoven umso mehr. Weiters spielte ein ausdrucksstarkes Holzbläserensemble Janaceks berühmtes Holzbläsersextett „Mladi“. Unter der Leitung der Konzertmeisterin Lorenza Borrani brachte das „Chamber Orchestra of Europe“ das „Divertimento“ von Béla Bartok zur Aufführung. Die Musizierart ohne Dirigenten stärkte auf der einen Seite die Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen, barg jedoch im Hinblick auf eine wirklich exakte Koordination der Stimmgruppen einige Risiken in sich.

Béla Bartoks „Divertimento“ ist eine eindrückliche Komposition. Das Werk ist am Vorabend des zweiten Weltkriegs entstanden und verströmt, dem Werktitel widersprechend, nur wenig Leichtigkeit. Das „Chamber Orchestra of Europa“, unter der Leitung der Konzertmeisterin Lorenza Borrani, formte die Musik mit einer von innen heraus brodelnden, energetischen Spannung, die den eher düsteren Gesamteindruck unterstrich. Besonders in den piano geführten Passagen wirkte der Kammerorchesterklang stringent. Im Wechsel zwischen den Streichquartettpassagen und dem Orchestertutti entfaltete sich eine große Aussagekraft und die musikalischen Charaktere der zugrundeliegenden Volkstänze kamen gut zur Geltung. Jedoch wurde der positive Gesamteindruck durch teilweise ungenaue Koordinationen zwischen den Stimmgruppen getrübt.

Eigenartige Deutung

Mit Spannung wurden die beiden Interpretationen des Klavierkonzertes Nr. 25 (KV 503) von Wolfgang Amadeus Mozart und Beethovens 1. Klavierkonzert, op. 15 mit dem international viel beachteten und mehrfach ausgezeichneten Pianisten Piotr Anderszewski erwartet. Der Solist leitete mit markanten Gesten die Musikerinnen und Musiker des „Chamber Orchestra of Europa“ vom Klavier aus.

In Mozarts Klavierkonzert stellte der Pianist den Solo- und Orchesterpart in einen eigentümlichen Gegensatz, der nicht ohne weiteres nachvollziehbar war. Während Anderszewski das Orchester zu straffen Artikulationen und Phrasierungen anspornte, wirkte sein Spiel im Eröffnungssatz von einem für Mozarts Musik allzu romantischen Geist beseelt. Erst im langsamen Satz ging diese Vorgabe auf, denn hier entfaltete sich die klangsinnliche Herangehensweise an die musikalischen Themen in vollen Zügen. Im Finale kristallisierte Piotr Anderszewski einesteils die vielfarbige Harmonik heraus und setzte andernteils wieder auf den Gegensatz zwischen eher „gleitenden“ Themenführungen im Klavierpart und markanten Akzentuierungen im Orchesterpart.

Kraftvolle Aussage

Viel mehr entsprach die Interpretation von Beethovens erstem Klavierkonzert meinen Vorstellungen. In diesem Werk kam Anderszewski Freude an einer konturierten musikalischen Themengestaltung gut zur Geltung. Besonders schön stellte der Solist den Bewegungsfluss sowie die Herausbildung des Hauptthemas in Moll in der Kadenz in Szene. Wieder bildete der langsame Mittelteil den Höhepunkt der Werkdeutung. Mit einem atmenden Duktus und ätherischer Klanggebung entfalteten die Musiker diesen Abschnitt, der überdies von einem eindrucksvollen Dialog zwischen der Klarinette und dem Klavier bereichert wurde. Im Finale betonten die Musiker die Schubkraft der Hauptthemen wirkungsvoll.

Auch das Publikum reagierte auf die kraftvolle Werkdeutung des Beethovenkonzertes mit begeisterter Zustimmung. Es ist nicht alltäglich, dass an einem Abend gleich zwei Klavierkonzerte aufgeführt werden. Doch der Vergleich war spannend und die Entwicklung innerhalb der Kompositionsgeschichte mit diesen beiden Werken eindrücklich zu erleben. So gesehen wählte Piotr Anderszewski einen interessanten Interpretationsansatz, indem er Mozart auf seine Art wie im Rückspiegel ausdeutete und damit zum Weiterdenken anregte.

Kammermusik im Orchesterkonzert

Auch dass Musikerinnen und Musiker aus den Reihen des Orchesters hervortreten und kammermusikalisch musizieren, ist eher unüblich. Anregend spielten die Orchestermusiker die mitteilsame Suite „Mladi“ für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Bassklarinette von Leos Janacek. Die Musiker kommunizierten mit viel Kontakt zueinander und kristallisierten damit den Ausdrucksgehalt zwischen Lebensfreude und auch betrüblichen Emotionen prägnant heraus. Dabei betonten sie den so unvergleichlichen Bewegungsfluss und den rhetorischen Charakter der Musik von Janacek hervorragend.